ALTDORF: Satiriker Lorenz Keiser: «Göläs ‹Schwan› ist ein gelogener Text»

Lorenz Keiser gastiert im Theater Uri. Der Satiriker spricht über Religion, das Schweizersein und ein heisses Urner Instrument.

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Lorenz Keiser macht erstmals nach 25 Jahren Musik auf der Bühne. (Bild Pius Amrein)

Lorenz Keiser macht erstmals nach 25 Jahren Musik auf der Bühne. (Bild Pius Amrein)

Eigentlich wollte Lorenz Keiser (55) nie Satiriker werden. Doch mit 30 ist der Sohn von César Keiser und Margrit Läubli trotzdem noch in die Fussstapfen seiner Eltern getreten. Am Samstag ist der Zürcher im Theater Uri zu sehen.

«Satire darf alles», hat Kurt Tucholsky einst gesagt. Stimmt das?

Lorenz Keiser: Diese Diskussion wird immer wieder geführt. Gesetzlich darf Satire alles. Die freie Meinungsäusserung ist in der Verfassung niedergeschrieben, Satire ist eine Kunstform und auch eine Waffe, die mit dem Wort arbeitet.

Auch Ihnen wird das Attentat auf «Charlie Hebdo» zu denken gegeben haben.

Keiser: Natürlich. Es ist eine Geschichte, die fast so alt ist wie die Menschheit. Leute, die eine ewige Wahrheit vertreten, vertragen kein Lachen, weil das Lachen ihre Wahrheit in Frage stellt. Seitens der Religion war es immer etwas vom Wichtigsten, dass über den Glauben nicht gelacht wird.

Ihr Berufskollege Andreas Thiel musste viel Kritik einstecken, weil er den Islam als Religion der Gewalttätigen bezeichnete. Wie denken Sie über Thiel?

Keiser: Privat mag ich ihn sehr. Dass ich nicht mit ihm einig bin, was er über den Islam gesagt hat, steht in einem anderen Buch. Thiel hat den Koran und den Islam als Ganzes kritisiert. So geht es wohl eher nicht. In diesem Fall war er nicht Satiriker, sondern sprach als Privatperson. Er hat seine Meinung ohne eine künstlerische Übersetzung kundgetan.

Auch Sie kritisieren den Islam.

Keiser: Ja, im aktuellen Programm sogar sehr scharf und deutlich. Aber ich kritisiere den fundamentalistischen Islam. Es sind überlegte und durchdachte Witze.

In Uri sorgt die Segnung eines lesbischen Paars für Zündstoff. Darf man sich bei Ihrem Auftritt auf regionale Anpassungen Ihres Programms gefasst machen?

Keiser: Klar, ich komme nach Altdorf und segne einige lesbische Paare (lacht). Ich kann doch nicht nach Altdorf kommen und nichts sagen. Die Religion ist viel präsenter im alltäglichen Leben, als wir glauben. Und gerade was jetzt in Bürglen abgegangen ist und immer noch abgeht, ist ein Thema.

Streichen Sie auch Passagen vor einzelnen Auftritten?

Keiser: Natürlich. In der Regel, weil die Passagen nicht mehr genug aktuell sind. Es ist erschreckend, wie schnell etwas aufhört, unter den Fingernägeln zu brennen. Nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» habe ich dieses Thema an den Anfang meines Programms gestellt. Nach 14 Tagen hat das bereits nicht mehr geklappt.

Ihr Programm heisst «Chäs und Brot & Rock ’n’ Roll». Was ist zu erwarten?

Keiser: Es ist grundsätzlich ein Kabarett- und Satireprogramm in der Art, wie ich sie immer gemacht habe. Neu ist, dass ich auf der Bühne erstmals Musik mache – obwohl ich es nicht kann.

Was bezwecken Sie damit?

Keiser: In unserer Gesellschaft will jeder Musik machen, auch wenn er es nicht beherrscht. Viele Leute stehen auf der Bühne, die nicht gut sind und trotzdem grosse Erfolge feiern. Ich thematisiere das.

Und jetzt verwirklichen auch Sie sich selber und werden zum Rockstar?

Keiser: Es ist nicht ganz einfach, klarzumachen, dass die Figur auf der Bühne nicht dieselbe ist wie ich selber. Ich wollte nie Rockstar werden, obwohl ich das auf der Bühne erzähle.

Man hört, Sie spielen auch auf einem Urner Instrument.

Keiser: Ja, auf einem Cajon aus Flüelen. Es tönt von allen, die ich ausprobiert habe, am heissesten. Ich finde es schön, dass ich das Instrument jetzt zurück an seinen Heimatort tragen kann.

«Chäs und Brot» tönt nach einem Heimatstück.

Keiser: Das Programm setzt sich stark mit der Schweiz auseinander – mit dem, was wir als Schweizersein auffassen.

Und was ist das?

Keiser: Wir spielen uns gegenseitig eine Schweiz vor, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Geben Sie ein Beispiel!

Keiser: Göläs «Schwan so wyyss wie Schnee» dreht sich um ein Aussenseitermädchen und beginnt mit den Worten «E Spange im Muul, e Brülle im Gsicht». Deswegen soll sie nicht akzeptiert worden sein? Das ist die Schweiz vor 100 Jahren! Jedes junge Mädchen heute hat «e Spange im Muul». Das ist ein gelogener Text. Wir tun gern so, als ob wir in einem Land leben würden, das es schon lange nicht mehr gibt, statt dass wir schauen, wie es wirklich ist.

Und das wollen Sie nun ändern?

Keiser: «Ändern» ist ein grosses Wort. Dass ein Satiriker hofft, etwas verändern zu können, will ich nicht abstreiten. Aber ich bin mittlerweile genug Realist und Pragmatiker, dass ich weiss, dass sich nichts ändern wird.

Trotzdem halten Sie den Leuten den Spiegel vor?

Keiser: Ja, um genau zu sein, ist es ein Zerrspiegel, der alles so verzerrt, dass die Leute die Wirklichkeit erst erkennen.

Ihre Eltern, César Keiser und Margrit Läubli, beherrschten das Handwerk der Satire. Sind Sie ihretwegen Satiriker geworden?

Keiser: Als ich jung war und es um die Berufswahl ging, war für mich klar, dass ich nie das machen wollte, was meine Eltern machten. Deswegen bin ich auch nicht den direkten Weg gegangen und habe erst mit 30 mein erstes Programm geschrieben. Letztlich sind wohl aber doch meine Eltern schuld.

Messen Sie sich an Ihren Eltern?

Keiser: Überhaupt nicht. Ich habe mich immer an ganz anderen orientiert. Das Ziel des Sohns ist es, so weit wie möglich von den Eltern wegzukommen.

Ihre Eltern waren aber sicherlich ein Sprungbrett für Sie.

Keiser: Sie waren beides: Ein Sprungbrett und eine Belastung. Wenn die Leute den Namen kennen, kommen sie eher ins Theater. Aber man hat nur eine Chance.

Sie haben selber zwei Kinder. Sind Sie in der Familie auch der Satiriker?

Keiser: Ich kann auch sehr gut abstellen und schaue nicht alles mit dem sezierenden Blick an. Mir hilft eine gewisse Faulheit. Wenn man immer an alles denken würde, wäre das Arbeit. Ich will aber nicht immer arbeiten.

Florian Arnold