ALTDORF: Sie machen die Königin hübsch

Die Orgel von St. Martin wird während vier Monaten komplett gereinigt und gestimmt. Ein Besuch auf der Baustelle zeigt, weshalb das so lange dauert.

Text und Bilder Florian Arnold
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Hubert Stucki leitet die Sanierung in St. Martin.

Hubert Stucki leitet die Sanierung in St. Martin.

Die Empore der Kirche St. Martin gleicht in diesen Wochen einer Werkstatt. Notenständer und Kesselpauken haben Werkzeugkoffern und Arbeits­tischen Platz gemacht. Ein Baugerüst steht vor der Orgel. Die schmalen Pfeifen in der Mitte des grossen Orgel­gehäuses fehlen. Stattdessen türmen sich diese auf verschiedenen Stapeln auf der Empore verteilt. Da sind hölzerne Pfeifen, die von weitem wie Holzkanäle aussehen. Andere erinnern an zusammengelötete Trichter und Röhrchen aus Metall. Die Pfeifen sind auf Regalen gelagert, fein säuberlich sortiert.

3517 Pfeifen überprüfen

Die Orgel in der Kirche St. Martin wird einer Generalreinigung unterzogen. Vier Monate dauert es, bis die Königin aller Instrumente wieder hübsch gemacht ist. 3517 Pfeifen birgt die grösste Orgel des Kantons. Erst muss ein Grossteil ausgebaut werden, damit sie gesäubert und allenfalls überholt werden können. Unterdessen werden das Gehäuse, die Trag- und Hilfskonstruktionen sowie die Kanäle, durch welche die Luft zu den Pfeifen geführt wird, wieder auf Vordermann gebracht. Erst dann können die Pfeifen wieder eingebaut, kontrolliert und gestimmt werden.

Vom Innern des Gehäuses ist lautes Dröhnen zu hören. Orgelbauer Johann Roffler saugt Staub vom Holzgestänge und aus den Ritzen. Eine enge Treppe führt ins Obergeschoss. An der Frontseite der Orgel sind die ganz tiefen Pfeifen untergebracht. Das grosse C verdient seinen Namen: Die Pfeife ragt mehr als 5 Meter in die Höhe – beziehungsweise 16 Fuss, wie es beim Orgelbau heisst. «Die hier sind blind», sagt Jérôme Menet, der gerade mit Reinigungsarbeit im ersten Stock beschäftigt ist. Er klopft auf eine Reihe von etwa 30 Zentimeter langen Prospektpfeifen. Blind? «Sie sind nur zur Zierde und tönen nicht», erklärt der Orgelbauer.

Etwas weiter im Innern des Gehäuses findet man die kleinste Pfeife. Sie ist nur gerade ein paar Millimeter hoch und wenige Millimeter dick. Menet zieht das Zinnröhrchen aus der Halterung und bläst hinein – ein schriller Ton, vor dem wohl jede Kirchenmaus flüchten würde.

Schimmel ist ein Problem

Ein beissender Duft liegt in der Luft. Nicht umsonst setzt sich Menet eine Schutzmaske auf. Er sprüht ein hochprozentiges alkoholisches Mittel auf die Holzteile und wischt mit einem Tuch nach. Damit soll der Schimmel bekämpft werden. Schimmel ist ein Problem. Im Rahmen der Kirchenrenovation vor zwei Jahren konnte nun aber eine automatische Fenstersteuerung eingebaut werden, welche über einen Feuchtigkeitsmesser geregelt wird. Die Fenster nach draussen öffnen und schliessen sich von selber, wenn es nötig ist.

Auf dem Boden, auf dem Orgelbauer Menet steht, sind Dutzende Löcher gebohrt. In jedes Loch wird später wieder eine Pfeife gesteckt. Eine Reihe mit gleich gebauten Pfeifen ergibt ein Register, also eine Klangfarbe. Manche Register bestehen sogar aus mehreren Pfeifen pro Ton. Diese werden Mixturen genannt und verleihen der Orgel den musikalischen Glanz. Aus 50 Registern können die Organisten in St. Martin auswählen und diese mit drei Manualen, also übereinandergestapelten Tastenreihen, oder dem Pedal anspielen.

Dorfbrand zerstört Kirche

Schon im 15. Jahrhundert muss es in der damaligen Kirche St. Martin eine Orgel gegeben haben, wie überliefert ist. Doch von dieser ist nichts mehr übrig, nicht zuletzt wegen des Dorfbrands 1799, der auch die Kirche heimgesucht hat. Nach dem Brand wurde in St. Martin eine komplett neue Orgel gebaut. Das Gehäuse des Altdorfer Schreiners Johann Josef Bär von 1809 ist heute noch vorhanden. Die heutigen Pfeifen stammen aus den Sechzigerjahren. Zuletzt wurden 2003 und 2004 die Tastatur und die elektronische Ansteuerung der Orgel erneuert.

Der Orgelbau hat sich in den Jahren entwickelt. Natürlich hat auch die Elektronik Einzug gehalten. Ein elektrischer Motor presst Luft in die Pfeifen, die Register werden mit Elektromagneten gezogen, das Signal der Orgeltasten wird mit Lichtschranken übertragen, und die Kombination der Register lässt sich mit der sogenannten Setzeranlage abspeichern und abrufen. Nach der Sanierung können sogar die Tasten und das Pedal sanft erwärmt werden.

«Das Grundprinzip der Orgel ist aber immer dasselbe geblieben», sagt Orgelbauer Hubert Stucki, der die Arbeiten in St. Martin leitet. Auch die älteste spielbare Orgel der Welt, die im Wallis steht und auf das 15. Jahrhundert datiert ist, sei gleich aufgebaut: Luft muss komprimiert werden und gelangt durch einen Kanal zu den Pfeifen, die mit einer Tastatur geöffnet werden. «Nur ist man heute natürlich viel präziser bei der Herstellung», sagt Stucki. Die Spielart ist feiner, die Orgel geräuscharmer.

Stucki kennt das riesige Instrument von St. Martin seit 20 Jahren. «Von Renaissance, Barock über Romantik bis zu moderner Literatur kann man alles auf dieser Orgel spielen», sagt der Fachmann. Gerade für die grossen Orgelwerke aus der Romantik, welche auf eine grosse Auswahl an Registern ausgerichtet sind, eignet sie sich ausgezeichnet.

Stimmen dauert Tage

Zweimal im Jahr kommt Stucki nach Altdorf und stimmt einen Teil der Register. Eine Komplettstimmung wird aber nur alle fünf bis zehn Jahre gemacht. Es wird Tage dauern, bis jede der 3517 Pfeifen auf die richtige Tonhöhe gebracht ist. Je nach Bauart müssen die Orgelbauer spezielle Techniken für die Klanggebung anwenden.

Im Grunde genommen sei jede einzelne Orgel ein Prototyp, sagt Stucki. Denn keine Orgel ist genau gleich wie die andere. «Aber mit Erfahrung kann einen fast nichts mehr überraschen», versichert der Orgelbauer. Gerade das sei es, was seinen Beruf interessant mache. «Mich reizen die Vielseitigkeit und die Abwechslung.» Einziger Nachteil: Oftmals ist der Orgelbauer unter der Woche getrennt von seiner Familie, die in Näfels lebt. Die Orgelbaufirma Mathis ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sogar in Japan wurden schon neue Orgeln gebaut. «Schweizer Qualität wird eben auch im Orgelbau geschätzt», betont Stucki.

Orgelbauer Jérôme Menet behandelt die Pfeifen mit einem Mittel gegen Schimmelpilz. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)

Orgelbauer Jérôme Menet behandelt die Pfeifen mit einem Mittel gegen Schimmelpilz. (Bild: Florian Arnold / Neue UZ)