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ALTDORF: Ur-Fasnächtler Rolf Gisler: «Fasnacht ist strenge Erholung»

Wer Rolf Gisler-Jauch hört, der denkt an Staatsarchiv, Historisches Museum oder «Urikon». Doch der 60-jährige «Phideau» ist mehr als nur Historiker. Porträt eines Ur-Fasnächtlers.
Bruno Arnold
Rolf «Phideau» Gisler verfasst nicht nur die «Sagenhaft»-Verse, er zeichnet auch die Helgen. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 22. Februar 2017))

Rolf «Phideau» Gisler verfasst nicht nur die «Sagenhaft»-Verse, er zeichnet auch die Helgen. (Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 22. Februar 2017))

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

Rolf Gisler war in seiner Jugendzeit «Dr schnällscht Ürner», ein talentierter Leichtathlet und ein reaktionsschneller Fussballtorhüter. Doch ein 100-Meter-Läufer wie damals Philippe Clerc oder ein fliegender Mario Pros­peri im Nati-Goal sollte er nicht werden. Denn bereits zu Kollegizeiten liess der Altdorfer auch einen Hang zum Sammeln und eine unverkennbare Affinität zu Historischem erkennen. Bei ihm stapelte sich (fast) alles: von Bierdeckeln über Plaketten bis hin zu Formel-1-Modellen. Noch heute. Denn seit er im Altdorfer «Huon» wohnt, sucht Gisler nach den unterschiedlichsten Huhn-Ausführungen. «Das Material spielt keine Rolle, es muss einfach ein spezielles Huhn sein», betont er. «Wenn meine Frau beim Shoppen in einen Schuh- oder Kleiderladen verschwindet, mache ich mich auf die Suche nach persönlichen Erfolgserlebnissen in Form von seltenen Hühnern», sagt er. Und lächelt ganz süffisant.

Aus «Fido» wird «Phideau»

Im Volksmund kennt man Rolf Gisler-Jauch als «Phideau». Diesen Namen hat er seinem Pfadi-Kollegen «Thedi» zu verdanken, der ihn in einem Sommerlager im Jura kurzerhand nur noch «Fido» rief. Allerdings nicht etwa in Anspielung auf Gislers Liebe zum Schnüffeln oder Sammeln. «Thedi» wollte ganz einfach nicht als einziger Pfader einen Hundenamen tragen. Aus «Fido» wurde später «Phideau». Dies ist Gislers persönliche französische Schreibweise von Fido, die kaum mehr an den tierischen Ursprung erinnerte, dafür zum Markenzeichen für einen äusserst engagierten Urner wurde.

Zuerst Jurist und dann Historiker

Doch hinter «Phideau» steckt weit mehr als ein Urner, der in Läden und Secondhandshops nach Hühnern sucht oder ständig in Büchern und Zeitschriften nach Urner Themen Ausschau hält. Der Altdorfer hat zuerst ein Studium der Rechtswissenschaften mit dem Lizenziat abgeschlossen. Danach machte er das Sammeln und Schnüffeln zum Inhalt seines zweiten Studiums als Historiker. In der Dissertation «Uri und das Automobil – des Teufels späte Rache?» setzte er sich in den 1980er-Jahren mit den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Automobils auf das Urnerland auseinander. Seit der Publikation dieser Arbeit darf er mit Dr. phil. Rolf Gisler zeichnen.

Heute ist der Vater von drei erwachsenen Kindern wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatsarchivs Uri und Konservator des Historischen Museums Uri. In seiner Freizeit widmet sich Rolf Gisler seit vielen Jahren seinem grössten Hobby, dem eigenen Internet-Lexikon namens «Urikon». Dort sammelt er alle öffentlich verfügbaren Daten zur Urner Kultur und Geschichte, zu historischen Ereignissen, zum Sportgeschehen, zu Gebäuden und zu vielem mehr. 2015 wurde Gisler von der Albert Koechlin Stiftung für seine Eigeninitiative mit einem mit 10000 Franken dotierten Anerkennungspreis ausgezeichnet. 2018 sollen die 1000 Seiten des Webauftritts www.­urikon.ch fertig erstellt und verknüpft sein.

Ein begeisterter Fasnächtler

Apropos Hobbys und Freizeit: «Phideau» ist auch Fasnächtler durch und durch. 2004 hat er mit «Fasnächtliches Uri» ein einzigartiges, 360 Seiten umfassendes geschichtliches Nachschlagewerk rund um die Urner Fasnacht herausgegeben. Der 60-jährige Altdorfer ist aber auch als aktiver Fasnächtler auf der Strecke. «Eine Woche lang gibt es für mich jetzt nur Fasnacht», sagt er bei unserem Treffen am Tag vor dem «Ytrummälä». Will heissen: «Trummälä», «Gässlä», Verse schreiben, Helgen malen, Schnitzelbänke vortragen. «Das ist streng», meint er schmunzelnd. «Aber es ist auch geistige und seelische Erholung.» Mit seiner Fasnachtsgruppe «Alles: 13» setzt er alljährlich fantasievolle sujetmässige Glanzpunkte (siehe unsere Zeitung vom 22. Februar). Und nicht zuletzt belebt der Historiker die Altdorfer Fasnacht seit Jahrzehnten mit seinen Schnitzelbänken. Die diesbezüglichen Sporen hat er ab 1980 als «Värslibrinzler» für das Narrenblatt der Altdorfer Nächstenliebe abverdient. Zusammen mit dem späteren Regierungsrat Stefan Fryberg erheiterte er dann auch während zehn Jahren das Publikum in den Altdorfer Beizen mit den jeweils mit Spannung erwarteten «Standpauke»-Schnitzelbänken. Seit 2005 ist Gisler mit «Sagenhaft» unterwegs. Dieses Quintett verbindet bei ihren Auftritten am «Gidelmäändig» jeweils typische Elemente der Basler Fasnacht mit traditionellem Urner Kulturgut. So tragen die «Sagenhaft»-Mitglieder in Basel angefertigte Schnitzelbänkler-Larven und treten damit als Urner Sagenfiguren auf: Uri­stier, Teufel, Pfarrer, Madame und «Gurtnälleri» («Weschwyyb»).

Auch mit den Helgen, den bildlichen Darstellungen, die zur Pointensteigerung beitragen, lebt die Gruppe dem Basler Vorbild nach. Und schliesslich orientiert sich «Sagenhaft» auch bei ihren Versen am gängigen Basler Muster. Es werden nämlich ausnahmslos Vierzeiler verfasst.

Der fasnächtliche Brückenschlag zum Stadtkanton an der deutschen Grenze trägt ganz klar die Handschrift von «Phideau». Er zeichnet nicht nur die Helgen, sondern er verfasst auch sämtliche Verse. Diese Anlehnung an Basel erstaunt angesichts von «Phideaus» Vergangenheit als FC-Zürich-Fan doch etwas ...

Schluss muss sitzen und unerwartet kommen

«Das Verfassen der Schnitzelbänke nimmt viel Zeit in Anspruch», betont Gisler. «Der Schluss eines Verses muss sitzen und völlig unerwartet kommen», beschreibt er die Kunst des Schnitzelbänkelns. «Und wenn man etwas in nur vier Zeilen auf den Punkt bringen will, ist das nicht ganz einfach. Man darf einleitend nichts verraten, und in den Zeilen drei und vier muss die unerwartete Pointe folgen.»

Für die träfen «Sagenhaft«-Pointen ist einzig und allein «Phideau» verantwortlich, um das saubere rhythmische Versmass kümmert sich Gislers Frau Regula. Das sei nicht unbedingt seine Stärke, genau so wenig wie das Singen. Bei drei, vier Proben mit den drei weiteren «Sagenhaft»-Mitgliedern, Sandra Lussmann, Sabina Marazzi und Stefan Gisler, wird den Reimen dann noch der gesangliche Schliff verpasst. «Beim Reimen achte ich immer und bei allem Biss darauf, den Respekt gegenüber den aufs Korn genommenen Personen zu wahren und nicht unter die Gürtellinie zu zielen», betont er. «Derbes und Verletzendes hat keine Chance. Solches würde auch bei den andern ‹Sagenhaft›-Mitgliedern durchfallen», sagt er. «Und schliesslich merken wir spätestens bei den Auftritten schnell einmal, welche Verse ankommen und welche nicht», sagt Gisler. Es sei deshalb möglich, dass das «Sagenhaft»-Repertoire während des «Gidelmäändigs» kürzer werde, weil auch mal ein Vers wegfalle, weil die erwartete Reaktion des Publikums ausbleibe. «Aber die Helgen sollen dies verhindern», sagt «Phideau.»

Von Donald Trump bis Habermacher

«Wichtig ist auch, dass man Themen wählt, die den Leuten noch präsent sind», betont Gisler. «Was kurz vor der Fasnacht passiert ist, eignet sich am besten.» Seinen Lieblingsvers 2017 will er (noch) nicht preisgeben. Dass Donald Trump, die Urner Regierung, die Neat-Eröffnung oder auch Überstunden-Kommandant Habermacher nicht fehlen werden, sei aber immerhin verraten ...

Hinweis

«Sagenhaft» sind heute Abend ab 19.30 Uhr in verschiedenen Altdorfer Restaurants und im Foyer des Theaters Uri zu hören.

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