Porträt

Altdorferin macht Pfingsten für Gehörlose zu einem Erlebnis

Agnes Zwyssig ist Gebärdensprachdolmetscherin und sorgt manchmal sogar für Hühnerhaut. Musik wird in ihrer Übersetzung mit den Augen erlebbar.

Markus Zwyssig
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Als Kind hatte sie ein Erlebnis, das sie berührte. Bei einem Ausflug nach Seelisberg stand ein älterer Mann am Strassenrand, der gehörlos war. Er schien darauf zu warten, dass jemand sich mit ihm unterhält. «Mein Vater hielt an und sprach mit dem Mann», erinnert sich Agnes Zwyssig. «Wie sich die beiden genau verständigen konnten, weiss ich nicht.» Die Reaktion des Mannes blieb ihr unvergesslich. Er strahlte übers ganze Gesicht und war sehr erfreut über die spontane Begegnung.

Jahre später begann Agnes Zwyssig sich intensiver mit der Geschichte der Gehörlosen auseinander zu setzen. «Früher gab sehr viele Zwangsmassnahmen. Das war fast wie bei Verdingkindern.» Gehörlose und Hörbehinderte wurden oftmals versteckt. «Wenn man die Geschichte etwas genauer betrachtet, dann ist das sehr happig. Die Gebärdensprache war lange Zeit verboten. Die Geschichte der Gehörlosen ist ein trauriges Kapitel.»

Katechetin und Gebärdensprachdolmetscherin Agnes Zwyssig übersetzt an Pfingsten für Gehörlose und Hörbehinderte. Diese Geste bedeutet Ehre und ehren.

Katechetin und Gebärdensprachdolmetscherin Agnes Zwyssig übersetzt an Pfingsten für Gehörlose und Hörbehinderte. Diese Geste bedeutet Ehre und ehren.

Bild: Markus Zwyssig (Altdorf, 26. Mai 2020)

Ein anderes prägendes Erlebnis war, dass die Schwester ihres Gottenkindes nach nicht ausgeheilter Mittelohrentzündung nicht mehr gut hörte. Sie musste operiert werden und es war nicht klar, ob sich alles zum Guten wendet.

All das ermunterte Agnes Zwyssig, die Gebärdensprache zu lernen. Die ausgebildete Floristin entschloss sich später, die Ausbildung zur Gebärdensprachdolmetscherin zu absolvieren. In Weiterbildungen hat sie ihre berufliche Kompetenz verbessert. Die 55-Jährige arbeitet in der ganzen Zentralschweiz als Gebärdensprachdolmetscherin. Anfragen kommen von Ämtern, öffentlichen Institutionen und von hörenden und gehörlosen Privatpersonen. Vermittelt werden diese über die Stiftung Procom. «Ich arbeite überall, wo Gehörlose und Hörende zusammen kommen», sagt sie. Das kann ein Beratungsgespräch sein für Schule und Beruf, bei einer Versicherung oder beim Arzt.

Brückenbauerin zwischen Hörenden und Gehörlosen

Für Agnes Zwyssig kommt es nicht darauf an, für wie viele Gehörlose und Hörbehinderte sie übersetzen muss. Im Kanton Uri sind vielleicht zehn Menschen Gebärdensprachbenutzer, schätzt sie. Sie bezeichnet sich selbst als Brückenbauerin zwischen der Welt der Hörenden und der Gehörlosen. Entscheidend ist dies für gehörlose Eltern, die an die Hochzeit ihres Kindes eingeladen sind und ohne Gebärdensprachdolmetscherin nichts verstehen würden. Bei einer Beerdigung dankte ihr ein gehörloser Mensch. Er hätte sonst in der Kirche nichts verstanden und einzig nachträglich den Lebenslauf zum Lesen erhalten.

Hinter der Lautsprache und der Gehörlosensprache stehen zwei verschiedene Sprachsysteme und Kulturen. Hörende orientieren sich auditiv, Gehörlose visuell. Sie sagen, sie sind Augenmenschen. «Die Gebärdensprache ist eine wunderschöne Sprache», sagt Agnes Zwyssig. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache. Es gibt sogar regionale Dialekte. Agnes Zwyssig ist überzeugt:

«In Gebärdensprache kann man sich emotionaler und vielfältiger ausdrücken als in der Lautsprache.»

Das Bewegungen der Blätter in den Bäume, ein Sonnenaufgang - Gehörlose würden die Welt mit den Augen viel intensiver wahrnehmen als Hörende. «Übersetzen in Gebärdensprache ist geistiger Spitzensport», sagt Agnes Zwyssig. Die 55-Jährige Gebärdensprachdolmetscherin bezeichnet die Arbeit als eine komplexe, bei der man sehr konzentriert sein müsse, aber auch eine schöne Aufgabe.

Eine Dolmetscherin gibt nicht nur das gesprochene Wort weiter. Sie übersetzt vielmehr alles, was passiert und die Anwesenden beschäftigt: Weinende Kinder, Menschen, die Husten, eine Türe, die zuknallt, ein Natel, das läutet oder eine Ambulanz, die vorbei fährt.

Gehörlose können die Musik mit ihren Augen wahrnehmen

Agnes Zwyssig übersetzt auch die Musik für die Gehörlosen. «Den musikalischen Anteil zu vermitteln, ist nochmals anspruchsvoller als das gesprochene Wort.» Es sei Knochenarbeit, die Botschaft, den Inhalt und den Musikstil zu verstehen. Meine Aufgabe ist es, mit Gesten, Körperhaltung und Mimik aufzuzeigen, was im Musikstück tragend ist.» Es geht darum, den Rhythmus, das Tempo, laute, leise, hohe, tiefe und auch ganz zarte Töne zu vermitteln. Die Gehörlosen könnten zwar nicht hören, aber fühlen und verstehen, sagt die Gebärdensprachdolmetscherin.

«Alles, was wir mit dem Ohr wahrnehmen, versuche ich in Gebärdensprache weiter zu geben», erklärt sie ihre Arbeit. So können Gehörlose die Musik, die dem Gottesdienst den feierlichen Rahmen gibt, mit ihren Augen wahrnehmen. Das schönste, was ihr passieren könne, sei, wenn ein Gehörloser ihr sage, er habe Hühnerhaut bekommen. Ein Hörbehinderter habe ihr einmal gesagt, es sei so schön, dass auch die Musik übersetzt werde, da gehe einem das Herz auf.

Die Lautsprache sei wie eine Kette, in der jede Perle in der richtigen Reihenfolge eine spezielle Bedeutung habe. Bei der Gebärdensprache könne man sich eine Orchesterdirigentin vorstellen, die die Notenpartitur von allen Registern vor sich habe. Dabei gehören die Hände, die Mimik und die Bewegungen des Oberkörpers dazu. Auch für ältere schwerhörige Menschen kann die Gebärdensprache eine Hilfe sein. Eindrücklich sei, wenn Hörende nach dem Kirchenbesuch kommen und sagen: «Ich verstehe die Sprache nicht, aber Ihre Gebärden und Mimik haben mir geholfen, beim Gottesdienst mehr mit zu bekommen als sonst.»

Katechetin und Gebärdensprachdolmetscherin Agnes Zwyssig zeigt die Geste für das Amen.

Katechetin und Gebärdensprachdolmetscherin Agnes Zwyssig zeigt die Geste für das Amen.

Bild: Markus Zwyssig (26. Mai 2020)

Bis zu 300 Menschen schauten die Online-Gottesdienste

Die Pfarrei Altdorf überträgt Gottesdienste via Homepage live. Bis zu 300 Menschen hätten jeweils zu geschaut, sagt der Altdorfer Pfarrer Daniel Krieg. Am Sonntag, 17. Mai, wurde der Gottesdienst erstmals mit der Gebärdensprachendolmetscherin durchgeführt. Am Pfingstsonntag ist der Gottesdienst in der die Kirche St. Martin für Gläubige wieder mit den Auflagen des Bundes zugänglich. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass weiterhin viele ältere Menschen nicht in die Kirche kommen und die Feier stattdessen zu Hause per Stream mitverfolgen.

Bei der Vorbereitung hilft auch das Internet

Agnes Zwyssig ist froh, wenn sie sich auf einen Einsatz als Dolmetscherin vorbereiten kann. Je mehr sie vorgängig wisse, umso besser sei das. Wenn ihr die Informationen fehlen, surft sie im Internet oder schaut im Gebärdensprachlexikon des Schweizerischen Gehörlosenbundes nach neuen Gebärden. Es sei wichtig, Fachbegriffe, Abkürzungen und Wörter mit Doppelbedeutungen zu kennen.

Für den Gottesdienst an Pfingsten hat sie die Predigt erhalten und kennt die Bibelstellen. Trotzdem wird noch viel Spontanes auf die Gebärdensprachdolmetscherin zu kommen.

Hinweis: Der Gottesdienst am Pfingstsonntag kann um 10 Uhr auf der Homepage www.kg-altdorf.ch live mitverfolgt werden.