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AMBRI: Blauweiss im Blut

Früher stand er in der Fankurve, heute knüpft er für den HC Ambri-Piotta wertvolle Beziehungen in der deutschen Schweiz: Der 28-jährige Altdorfer Michael Zwyssig ist der jüngste Verwaltungsrat im Schweizer Eishockey. Ein Porträt.
Michael Zwyssig vor der Curva Sud (oben) und im Gespräch mit dem Konditions­trainer von Ambri. Auf dem Eis ging es bisweilen hart zur Sache. (Bilder Sven Aregger und Keystone/Samuel Golay)

Michael Zwyssig vor der Curva Sud (oben) und im Gespräch mit dem Konditions­trainer von Ambri. Auf dem Eis ging es bisweilen hart zur Sache. (Bilder Sven Aregger und Keystone/Samuel Golay)

Als Michael Zwyssig vor dem Spiel durch die Valascia schreitet, stoppt er alle paar Meter. Er schüttelt Hände, klopft auf Schultern und lächelt gewinnend. Fans, Sponsoren, Journalisten oder Funktionäre – Zwyssig kennt sie alle. Die Valascia ist so etwas wie sein Wohnzimmer und Ambri seine zweite Fa­milie. Es ist Dienstagabend, die Bian­co­blu spielen gegen Bern. Zwyssig trägt einen italienischen Massanzug mit dem Ambri-Logo auf der Brust, ein weisses Hemd und eine blaue Krawatte. Die dunklen Haare sind akkurat gegelt.

Seit zwei Jahren sitzt der 28-jährige Altdorfer, der in Schwyz wohnt, im Verwaltungsrat des HC Ambri-Piotta. Er ist der jüngste seines Fachs im Schweizer Eishockey. Das Amt bringt Verpflichtungen mit sich. Gewöhnlich lädt er Sponsoren ein, die er während des Spiels be­treut. Vor einer Woche war er mit Köbi Kuhn im Stadion. Jetzt hat er für einmal keine Gäste, er kann sich ganz aufs Spiel konzentrieren, gleich neben der Spielerbank und nahe der Curva Sud. Die Fans in der Kurve singen und johlen. Zwyssig hat Bekannte entdeckt, winkt ihnen zu und sagt: «Ich liebe die Kurve, darum stehe ich gerne hier.»

Weinend aus der Valascia gerannt

Lange stand Michael Zwyssig selber in der Curva Sud. Er war drei Jahre alt, als ihn sein Vater erstmals in die Valascia mitnahm; zu einem Freundschaftsspiel gegen das italienische Nationalteam. «Ich habe sofort mein Herz an Ambri verloren», sagt er. «Der Sport, die Fankultur und alles Drumherum faszinierten mich.» In den folgenden Jahren sollte Zwyssig immer öfter in der Kurve sein, bis zu 45 Spiele besuchte er pro Saison. Er feierte, wenn Ambri gewann. Er litt, wenn Ambri verlor. Wie schmerzhaft Niederlagen sein können, musste er 1999 erfahren. Es war das letzte Spiel im Playoff-Final gegen Erzrivale Lugano, als Regis Fuchs die Luganesi zum Meistertitel schoss. Der 12-jährige Michael rannte weinend aus der Valascia. Ein Traum war geplatzt, der Traum von der ersten Meisterschaft für die Biancoblu. Auf seinem Handy zeigt Zwyssig ein Bild, wie er mit seinem Vater in der Kurve steht, vor ihnen auf dem Eis die jubelnden Lugano-Spieler. Das Bild versetzt ihm noch immer einen Stich ins Herz. Aber ein wahrer Fan steht auch in schweren Zeiten hinter seinem Verein. Und gerade Ambri-Anhänger brauchen eine dicke Haut, weil Siege nicht zum Alltag gehören. Zwyssig hatte schon immer Sympathien für Underdogs, die sich gegen die Mächtigen und Etablierten auflehnen. Ambri-Piotta im 300-Seelen-Dorf in der Leventina verkörpert diese Rolle wie kaum ein anderer Verein. Zwyssig zieht Parallelen zur «kleinen, feinen, unabhängigen Schweiz», die sich gegen die EU behaupten muss. Klein, fein, unabhängig – das sei auch Ambri.

Seine Liebe zu Ambri wollte Michael Zwyssig als junger Erwachsener nicht länger nur in der Kurve zeigen. In einem Urner Einkaufscenter zog er einen Fan-Corner auf und engagierte sich in Fan­gruppierungen. Er war besorgt um den Verein. An einem Fan-Treffen gab er Präsident Filippo Lombardi zu verstehen, dass sich Ambri in der Deutschschweiz zu wenig einsetze. Es fehle an Sponsoring, Kommunikation und Events. Seine Worte hinterliessen Eindruck. 2013 bestellte ihn Lombardi nach Andermatt, wo Samih Sawiris ein Fest zum neuen Tourismusresort veranstaltete. Lombardi wusste, dass Ambri seine Anhänger in der deutschen Schweiz vernachlässigt hatte. Die Beziehungen waren auf dem Nullpunkt. Das musste sich ändern. Und dazu brauchte er Zwyssig, den gewieften Verkäufer, der sowohl in Fankreisen als auch als Key Account Manager eines Anbieters von Reinigungstechnik wertvolle Beziehungen aufgebaut hatte. Der Urner sollte im Verwaltungsrat die Fanbasis in der deutschen Schweiz stärken und Sponsoren generieren. Zwyssig sagte zu – unter der Bedingung, bei seinen Aufgaben freie Hand zu haben.

Kritik bei der Wahl

Im September 2013 wurde er in den Verwaltungsrat gewählt. Doch die Wahl war von Misstönen begleitet. Mitglieder von Fangruppen warfen Zwyssig vor, an Ausschreitungen beteiligt gewesen zu sein, und unterstellten ihm Nähe zur Hooligan-Szene. Zwyssig bestreitet nicht, dass er Freunde bei den Ambri-Ultras hat. Aber er stellt klar: «Ultras sind nur leidenschaftliche Fans, die für die einzigartigen Gesänge und Choreografien sorgen, für die Ambri in der ganzen Schweiz bewundert wird. Mit Hooligans, also gewaltbereiten Anhängern, hatte ich nie etwas zu tun.» Um die Zweifel zu beseitigen, traf er sich mit Fans zu einer Aussprache in Altdorf. Die Kritiker blieben stumm. «Bis heute hat mir nie jemand persönlich seine Vorbehalte geäussert. Das ist schwach», sagt Zwyssig.

Michael Gisler, Präsident des Donatoren-Clubs HCAP, räumt ein, dass es Be­denken gegeben habe. «Aber die Suppe wurde heisser gekocht als gegessen.» Gisler schätzt die Zusammenarbeit mit Zwyssig. «Er hat die blau-weissen Farben im Blut und ist engagiert. Wir sind froh, dass wir einen Deutschschweizer Vertreter haben, der unsere Anliegen an den Klub weiterträgt.» Ähnlich sieht es Maria Luisa Bernini, die Ambri bei der Sponsorensuche hilft und als Kommunikationsberaterin für Lombardi tätig ist. «Michael ist Ambris Tor zur Deutschschweiz», sagt sie. «Mit seinem Tatendrang kann er etwas bewegen.» Zwyssig nimmt sein Amt ernst. In Brunnen orga­nisierte er eine erfolgreiche Ambri-Gala, die nun am 7. November zum zweiten Mal stattfindet. Er lancierte eine Marketingbroschüre, Fanbusse, Schülerwettbewerbe. Und mit seiner Hilfe hat der Klub seit 2013 über 20 Sponsoren aus der Deutschschweiz gewinnen können. Beruflich kommt er schweizweit mit Un­ternehmen in Kontakt, die auch po­ten­zielle Partner für Ambri sind. «Das Netzwerk ist das A und O», betont er. «Schritt für Schritt gleisen wir Projekte auf, von denen der Verein einen langfristigen Nutzen hat.»

Auf dünnem Eis

Sven Aregger

Langfristig helfen soll dem finanziell gebeutelten Ambri auch das neue Stadion, das aufgrund von Liga-Bestimmungen bis Saisonbeginn 2018/19 in Betrieb gehen muss. Die marode Valascia, die zudem in einem lawinengefährdeten Gebiet steht, wird einem multifunktionellen und 45 Millionen Franken teuren Sportkomplex weichen. Einer Eishalle mit komfortablen Sponsoren-Logen und zeitgemässem Catering, mit Eiskunstlaufbahn, Museum, Läden und Restaurants, die übers ganze Jahr geöffnet haben. Das neue Stadion soll dem Verein, der zuletzt ein Defizit von 1,6 Millionen erwirtschaf­tete, jährlich Mehreinnahmen von 2 bis 3 Millionen Franken bescheren. Mit den Plänen bewegt sich der Klub allerdings auf dünnem Eis. Viele Fans sehen mit dem Ende der legendären Valascia den Mythos Ambri bedroht. Sie befürchten eine Kommerzialisierung und «Eventisierung», die in anderen Schweizer Eishockeystadien längst stattgefunden haben. Dabei war gerade die kalte und windige Valascia ein Sinnbild für einen Dorfverein, der sich schon immer etwas abseits der Norm bewegte, abseits der Mächtigen und Etablierten. Zwyssig kann die Bedenken verstehen. «Es ist nicht einfach, etwas Altehrwürdiges loszulassen», sagt er. «Aber nur mit dem neuen Stadion können wir unser sportliches und finanzielles Überleben sichern.» Er betont, dass sich der Mythos Ambri vor allem über die Stimmung definiere. Deshalb werde es auch im neuen Stadion eine Curva Sud geben.

Am Dienstag singen die Fans in der Kurve ununterbrochen, obgleich Ambri verliert. Auch Zwyssig hat mitgejubelt, mitgezittert, mitgelitten. Doch nach Spielende kühlen die Emotionen rasch ab, er will sich als Verwaltungsrat eine professionelle Haltung bewahren. «Mund abputzen, und weiter gehts», meint er trocken. Dann blickt er in die Kurve, wo die Fans nach jedem Sieg die Hymne «La Montanara» anstimmen. Heute erklingt sie nicht. Und Michael Zwyssig sagt: «Schade, ich hätte sie gerne gehört.»

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