An der Isleten endet eine brisante Ära

Mit der Einstellung ihrer Produktion beendet die Cheddite eine fast 150-jährige Tätigkeit, die mit Alfred Nobel ihren Anfang nahm.

Lucien Rahm
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Das Areal der Sprengstofffabrik Cheddite in Bauen.

Das Areal der Sprengstofffabrik Cheddite in Bauen.

Bild: Lucien Rahm (Bauen, 27. November 2019)

Die Geschichte der Bauer Sprengstofffabrik Cheddite wird demnächst um ein Kapitel erweitert. Zu Beginn des kommenden Jahres soll auf dem Areal an der Isleten zum letzten Mal Nitroglyzerin produziert werden, bevor die Anlagen zurückgebaut und das Gelände umgenutzt werden soll.

Die Wurzeln der Cheddite reichen ins vorletzte Jahrhundert zurück. Der schwedische Chemiker Alfred Nobel, der vor allem wegen des in seinem Namen gestifteten Preises bekannt ist, rief 1873 die Produktionsstätte an der Isleten ins Leben. Der Ort bot eine ideale Nähe zum Gotthard, wo der Sprengstoff beim Tunnelbau zum Einsatz kam. Weltweit hatte er zuvor ein Dutzend andere Fabriken gegründet. Das Produkt: Nitroglyzerin, ein damals neuartiger Sprengstoff. Nobel verwendete den Stoff für sein Dynamit, das eine rund fünfmal höhere Sprengkraft als das damals gängige Schwarzpulver aufwies.

In Bauen fand Nobel eine gewisse Infrastruktur vor: Er übernahm die Gebäude einer 20 Jahre zuvor errichteten Papierfabrik. Die Bevölkerung war aufgrund des nicht ungefährlichen Produkts skeptisch gegenüber dem Vorhaben. An der Dorfgemeinde vom 2. Juni 1873 wurde beschlossen, gegen die «Bulver-Fabarick mit Beschwerde aufzutreten», wie Hansjakob Burkhardt in seinem Buch «Dynamit am Gotthard: Sprengstoff in der Schweiz» schreibt.

Markus Sigrist, Geschäftsführer der Sprengstofffabrik Cheddite, mit einem Palett pharmazeutischen Nitroglyzerins.

Markus Sigrist, Geschäftsführer der Sprengstofffabrik Cheddite, mit einem Palett pharmazeutischen Nitroglyzerins.

Bild: Lucien Rahm (Bauen, 27. November 2019)

Explosionen forderten weltweit zahlreiche Tote

Die Vorbehalte der Dorfbevölkerung waren nicht ganz unberechtigt. Andernorts war es aufgrund des hochexplosiven Stoffs zu verheerenden Unfällen gekommen. 1864 zerstörten rund 300 Pfund Nitroglyzerin die Fabrik in Schweden, wo Nobel mit dem Stoff experimentieren liess. Fünf Personen kamen ums Leben, darunter Nobels Bruder Emil. In den beiden darauffolgenden Jahren kam es zu mehreren Explosionen während des Transports des flüssigen Sprengstoffs. Auf einem Dampfschiff vor Panama starben 47, in einem Lagerhaus in San Francisco 14 Leute. In einer deutschen Fabrik forderte ein Unfall Dutzende Opfer.

Auch Isleten blieben solche Vorfälle nicht erspart. Bereits 1880 kam es bei der Abfüllung des Sprengstoffs zu einer Detonation, die zum Tod zweier Arbeiterinnen aus Flüelen führte. 1954 – Nobels Fabrik befindet sich mittlerweile im Besitz der französischen «Société Universelle d’Explosifs – La Cheddite», welche die Fabrik 1916 kaufte – forderte eine weitere Explosion zwei Menschenleben. Gleich zu zwei tragischen Vorfällen kam es im Jahr 1982. Anfang Februar gingen rund 800 Kilogramm Sprengstoff und 100 Liter Nitroglyzerin hoch. Zwei Tote und sieben Verletzte waren zu beklagen. Im darauffolgenden Oktober kam es zu einem Unfall während der Vernichtung von Munition, welche die Cheddite für die Munitionsfabrik Altdorf ausführte. Vier Männer aus Bürglen, Schattdorf, Seedorf und Jugoslawien fanden dabei den Tod.

Die diversen Unglücksfälle haben dazu geführt, dass die Sicherheitsbestimmungen laufend verbessert wurden. «Heute schauen wir zum Beispiel, dass ein Gebäude während der Fabrikation nur von einer begrenzten Anzahl Leute besetzt wird», sagt Markus Sigrist. Der promovierte Chemiker ist seit 1992 in der Cheddite angestellt, seit 1998 als Geschäftsführer. Anders als bis zur Jahrtausendwende, als die Nitriranlage zwei bis dreimal wöchentlich ganztägig in Betrieb war, läuft sie seit 2003 nur noch etwa drei Mal im Jahr während zwei Stunden. Die Fabrikation und Verarbeitung untersteht umfassender Sicherheitsmassnahmen.

Hochkomplexe Produktionsanlage

Der Herstellungsprozess vollzieht sich in einem kleinen Gebäude im hintersten Teil des Fabrikareals, wo ein Gehweg in die Schlucht hineinführt. Die am anderen Ufer des Isentalerbachs emporsteigende Felswand würde bei einer Explosion als Schutzwall dienen. Im Gebäudeinnern befindet sich eine komplexe Konstruktion aus Chromstahlbehältern, die durch Rohre und Schläuche verbunden sind. «Die Anlage entspricht nicht mehr ganz dem neusten Stand. Heutige Exemplare kann man fernbedienen», sagt Sigrist, vor der 60Jahre alten Einrichtung stehend. Bedient wird sie jeweils von zwei Personen – was dem Maximum entspricht, das aus Sicherheitsgründen während der Fabrikation zugelassen ist. Die Bedienung der Produktionsanlage, die mittels 20 Schaltern und Hahnen erfolgt, sei eine komplexe Angelegenheit, sagt Sigrist. «Die richtige Reihenfolge der einzelnen Schritte ist sehr wichtig, sonst kann es gefährlich werden.» Der Prozess nehme inklusive Prüfung der Sicherheitseinrichtungen und Reinigung etwa drei Tage in Anspruch.

Die Produktionsanlage zur Herstellung von Nitroglyzerin.

Die Produktionsanlage zur Herstellung von Nitroglyzerin.

Bild: Lucien Rahm (Bauen, 27. November 2019)

Dass nur noch etwa dreimal jährlich statt wöchentlich produziert wird, hängt mit dem Mengenbedarf zusammen, den der heutige Verwendungszweck des Nitroglyzerins erfordert. Seit 2003 dient das Hauptprodukt der Cheddite nicht mehr als Sprengstoff, sondern wird in der Medizin verwendet. An der Isleten werden Mischungen mit Laktose, Alkohol und anderen Stoffen hergestellt, die dann von den Abnehmern zu Herzmedikamenten weiterverarbeitet werden. Diese befinden sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch in der Ukraine, der Türkei oder Südamerika. Nach der Produktionseinstellung werden sie der Walliser Pharmafirma Valsynthese, die ebenfalls Nitroglyzerin herstellt, übergeben.

Hätte die Cheddite vor rund 15 Jahren nicht das pharmazeutische Nitroglyzerin für sich entdeckt, hätte sie die Produktion wohl schon damals eingestellt. Denn die Herstellung von Sprengstoff wäre mit immer strengeren Vorschriften verbunden gewesen, die neue Investitionen erfordert hätten. Auf den Weg des medizinischen Nitroglyzerins führte sie ein Kunde aus dem Tessin, der die damalige Sprengstofffabrik um ein Muster für pharmazeutische Zwecke bat. «Er war damit zufrieden, und wir entwickelten das Produkt weiter», sagt Sigrist. Das ermöglichte, auch im Ausland ein Kundennetz aufzubauen, das bis weit in andere Kontinente reicht.

Mittlerweile bietet aber auch dieser Zweig nicht mehr die besten Zukunftsaussichten. «In der langfristigen Tendenz wird der weltweite Bedarf abnehmen», so Sigrist. Da weitere Investitionen nötig gewesen wären, und auch wegen der unsicheren Aussichten, habe man sich für die Einstellung der Produktion entschieden. Das bedeute aber nicht, dass das Firmengelände zwingend verkauft werde. «Das ist nicht ausgeschlossen. Das Gelände befindet sich in der Industriezone und wäre vielleicht auch für andere Firmen interessant», sagt Sigrist. Aber auch an anderen Ideen zur Umnutzung mangelt es nicht. «Alles ist denkbar: eine Einrichtung für Surfer, Wohnhäuser, ein Kongresszentrum oder auch eine Burn-out-Klinik.» Man sei derzeit daran, die verschiedenen Optionen mit dem Verwaltungsrat in Frankreich anzuschauen.

Auch personell ist noch einiges ungewiss

Was mit den sechs Mitarbeitern passiert, die sich heute 400 Stellenprozent teilen, ist noch nicht gänzlich klar. «Sicher besteht bis Ende 2020 noch viel Arbeit beim Abbau der Anlagen und beim Herrichten von Gebäuden für Vermietungen. Langfristig bietet der Unterhalt des grossen Geländes immer wieder Beschäftigungen», sagt Sigrist. Würde man sich für ein Tourismusprojekt auf dem Areal entscheiden, könnten mehrere Leute weiterbeschäftigt werden.

Auch Sigrist selber bleibt nun noch sicher ein Jahr lang zu hundert Prozent angestellt. Es steht noch der Abbau der Anlagen an, den er begleitet, ebenfalls die Abklärungen und Planungen für neue Projekte sowie die Ermöglichung von neuen Vermietungen. Danach könnte er sich auch eine zeitweise Beschäftigung an einem anderen Produktionsort der Mutterfirma in Frankreich vorstellen. So würde auch für den gebürtigen Berner nach 27 Jahren Uri ein neues Kapitel aufgeschlagen.