ANDERMATT: Das Schicksal eines Bergdorfes kommt auf Kinoleinwand

Das Tourismusresort von Samih Sawiris bewegt die Menschen im Urserntal. Regisseur Leonidas Bieri hat Gegner und Befürworter jahrelang begleitet. Sein Kinofilm wirft grosse Fragen über das Leben auf.

Anian Heierli
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Die Protagonisten Peter und Agnes Indergand. (Bild: PD)

Die Protagonisten Peter und Agnes Indergand. (Bild: PD)

Regisseur Leonidas Bieri (35) hat den Mut, unangenehme Fragen zu stellen. Bereits in den ersten Sequenzen seines neuen Dokumentarfilms «Andermatt – Global Village» wird klar: Bieri will mehr als Heidi-Romantik und Alpenidylle vermitteln. Er zeigt «die Geschichte eines Bergdorfs in der Krise, erweckt aus dem Dornröschenschlaf durch den milliardenschweren Investor Samih Sawiris, der Heimat und Hoffnung zur handelbaren Ware macht», wie es im Filmbeschrieb heisst. Die Dokumentation richtet ihren Fokus auf die Entstehung des Tourismusresorts von Sawiris. Von 2008 bis 2014 hat Bieri einheimische Gegner und Befürworter des Grossprojekts begleitet. Die Schweizer Erstaufführung findet am Donnerstag, 27. August, in Andermatt statt.

Extra bei der Bergbahn angeheuert

Für seine 90-minütige Dokumentation blickte Bieri hinter die Kulissen des Dorfs Andermatt, was für einen Stadtzürcher nicht immer einfach war. «Ich musste mir etwas einfallen lassen», erzählt er. Um den Kontakt zur Bevölkerung herzustellen, hat er für die Wintersaison 2007/08 bei den Andermatt-Gotthard-Sportbahnen als Gondelbahnfahrer angeheuert. Dadurch kam er am Mittagstisch mit den Pistenarbeitern, Kassiererinnen und Serviceangestellten ins Gespräch. «Damals ist mir klar geworden, dass das Projekt die Leute in besonderem Masse bewegt. Es geht um das Schicksal des Dorfes. In dieser Zeit habe ich meinen Entschluss gefasst, die Dokumentation zu drehen.»

Vorteile dank Zürcher Herkunft

Während der Dreharbeiten hat er die Andermatter als kontaktfreudig erlebt. «Uri ist traditionell ein Durchgangskanton. Es gibt eine offene Kultur gegenüber fremden Einflüssen», sagt Bieri. «Als aussenstehender Zürcher hatte ich sogar einen Vorteil: Die befragten Personen haben in mir mehr den neutralen Beobachter und nicht eine Bedrohung gesehen. Sie waren meist entspannt.»

Einer der interviewten Protagonisten ist der ehemalige Bergbauer Thomas Regli, der enttäuscht ist, dass die Dorfbewohner so leichtgläubig ihr Land einem fremden Investor überlassen. Wegen eines 18-Loch-Golfplatzes muss er seinen Betrieb aufgeben und ein neues Leben beginnen. Er versucht sich heute als Bauarbeiter und kann sich von seiner Vergangenheit als Landwirt doch nicht ganz lösen.

Ein ganz anderes Bild vermitteln die Andermatter Maggie Gnos und Joel Regli. Beide sind jung, dynamisch und innovativ. Sie eröffnen mehrere Gastrobetriebe, um am Ende mit Sawiris als Geschäftspartner über das Konzept ihrer nächsten Bar zu diskutieren. Gnos und Regli sind überzeugt: Vor dem Grossprojekt habe es für die Jugend im Tal keine Zukunft gegeben.

Zentrale Fragen bleiben offen

Regisseur Bieri versteht seine Dokumentation nicht als Kritik am Sawiris-Projekt. Er wolle – exemplarisch an Andermatt – eine Entwicklung zeigen, die heute vielerorts in der Schweiz zu beobachten sei. «Geld aus dem Ausland wird investiert. Dadurch verändert sich aber die Heimat. Einerseits will man attraktiv für ausländische Sponsoren bleiben, andererseits bringt das Luxusprobleme mit sich», erklärt er. «Man kann das Projekt nicht einfach als gut oder schlecht bezeichnen. Es stellt sich die Frage, was daraus gemacht wird.» Bieri fällt bewusst kein abschliessendes Urteil. Der Film soll den Zuschauer angeregt und mit offenen Fragen in die eigene Gedankenwelt entlassen: Wie sieht ein persönliches Happy End für Andermatt aus? Welche Rolle spielt der Tanz ums Goldene Kalb im eigenen Leben? Und wie geht man selber mit unausweichlichen Veränderungen um? «‹Andermatt – Global Village› ist also nicht nur ein Film über das Schicksal einer kleinen Dorfgemeinschaft, sondern auch über die grossen Fragen des Lebens, wie sie sich weltweit stellen», so Bieri. Er vermutet, dass der Film in Uri gemischte Gefühle auslösen wird. «Einige Szenen werden Betretenheit auslösen, andere regen zum Lachen an», glaubt der Regisseur. «Vielleicht empfinden manche Zuschauer den Film als zu kritisch. Ich bin aber der Meinung, mein Team und ich sind fair geblieben.»

Hinweis

Die Premiere von «Andermatt – Global Village» findet am 27. August,19.30 Uhr, in der Aula des Bodenschulhauses Andermatt statt. Alle Mit­wirkenden des Films sind anwesend. Am 28. August, 20.15 Uhr, ist Kinopremiere im Kino Leuzinger in Altdorf, am 1. September, 20.30 Uhr, läuft der Dokfilm im Kino Bourbaki in Luzern.

Während des Drehs ändert das Dorfbild. (Bild: PD)

Während des Drehs ändert das Dorfbild. (Bild: PD)

Andermatt wird für Jahre zur Baustelle. (Bild: PD)

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