ANDERMATT: Der höchste Startplatz Europas befindet sich jetzt im Urserntal

Im Urserntal ist seit kurzem der höchstgelegene Startplatz für Deltas in Betrieb. Federführend für die Realisierung war der Deltaclub Stans mit den Initianten Bruno Bohren, Ruedi Imholz und Märk Limbacher.

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Bruno Bohren startet auf dem Gemsstock zum ersten Flug von der neuen Rampe aus. (Bilder: PD (Andermatt, Juli 2017))

Bruno Bohren startet auf dem Gemsstock zum ersten Flug von der neuen Rampe aus. (Bilder: PD (Andermatt, Juli 2017))

An drei Tagen im Monat Juli bauten zahlreiche Mitglieder des Deltaclubs Stans auf der Südseite des Gemsstocks oberhalb von Andermatt knapp 3000 Meter über Meer eine Startrampe für Deltas auf. Als Projektleiter stand der Bürgler Bruno Bohren im Einsatz. Er ist beim Deltaclub Stans zuständig für die Start­plätze in Uri und seit dreissig Jahren Deltaflieger. Zusammen mit Ruedi Imholz aus Volketswil und Märk Limbacher aus Alpnach war er auch der eigentliche Initiant. «Je höher der Startplatz, desto besser», sagt Bohren. Und mit der Rampe auf dem Gemsstock ist denn auch der höchstgelegene Startplatz in Europa realisiert worden, der den Deltisten die Hochalpen erschliesst.

Während die Skifahrer Richtung Nordseite wegfahren, starten die Deltisten nach Süden, wo die Sonne die südlichen Bergflanken aufwärmen kann, um Thermik überhaupt erst entstehen zu lassen. Im Unteralptal kann eine Thermik erwartet werden, die es ermöglicht, in Höhen von 4000 Metern und mehr aufzusteigen.

Vom Baugesuch bis zum Landeplatz

Die Südseite des Gemsstocks ist allerdings eine eigentliche Geröllhalde mit riesigen Felsbrocken. Dort war es bis vor kurzem unmöglich, zu einem Flug zu starten. Für die benötigte Startrampe brauchte es Bewilligungen des Grundstückeigentümers, der Landwirte, die den Landeplatz bewirtschaften, ein Baugesuch und last but not least das Einverständnis der Luftseilbahn, um die Deltisten überhaupt zu transportieren. Die Ausrüstung eines Piloten wiegt gut 40 Kilogramm. Ein Hängegleiter ist zirka fünf Meter lang. Nicht viele Bahnen, die in die Hochalpen fahren, können das Equipment transportieren. Es mussten denn auch viele Gespräche geführt und diverse Formulare ausgefüllt werden.

Vereinsinternes Know-how genutzt

Der 170 Mitglieder zählende Deltaclub Stans konnte bei der Vorbereitung und Realisierung des Projekts auf eine geballte Ladung vereinsinternes Know-how zählen. Ein Geologe beurteilte das Gelände, ein Mitarbeiter eines Schrotthändlers beschaffte das meiste Material, und ein ehemaliger Angestellter einer Luftseilbahn war für die Sicherung der Arbeiter zuständig. Ein paar Mechaniker und Schlosser, zum Teil mit Hochgebirgserfahrung, vervollständigten die Crew, die im Einsatz stand.

Am 22. Juli fand das Einfliegen statt. Projektleiter Bruno Bohren liess es sich nicht nehmen, als erster Pilot mit einem Delta vom Gemsstock aus Richtung Süden zu starten. Gleich nach dem Start flog er in die erwartete Thermik ein und liess sich in wenigen Minuten über den Gipfel tragen. Nach gut 90 Minuten Flugzeit erfolgte eine sanfte Landung in Andermatt. Somit war der Erstflug eine schöne Bestätigung dafür, dass die Rampe auf dem Gemsstock funktioniert – jedoch nur bei wenig Wind. Der Startplatz ist für alle Piloten frei verfügbar, die Winde, Thermik, das Fluggerät und die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen können.

Startplätze in den Hochalpen sind gefragt

Für Delta- und Gleitschirm­piloten ist die Schweiz ein wah-res Schlaraffenland. Nirgendwo sonst gibt es so viele Startplätze. Die Frage, warum es noch einen zusätzlichen Startplatz auf dem Gemsstock brauchte, ist somit durchaus verständlich und berechtigt. Die Antwort: Das hängt mit den Jahreszeiten zusammen. Im Winter wird wenig geflogen. Der logistische Aufwand für einen kurzen Gleitflug ist in dieser Jahreszeit zu gross, denn Thermik ist wenig bis gar nicht vorhanden. Der Schnee und der tiefe Sonnenstand verhindern das. Das Thermikfliegen ist es aber, worauf es ankommt. Thermik entsteht, wenn die Sonne den Boden erwärmt und dieser wiederum die darüberliegende Luft erwärmt. Warme Luft ist leichter als kalte Luft. Sie steigt auf und befördert motorlose Gleiter mühelos nach oben. An guten thermischen Tagen kann stundenlang über mehrere 100 Kilometer geflogen werden.

«Nach dem Winter beginnt das Herz des Streckenfliegers wieder schneller zu schlagen», sagt Bruno Bohren. «Gebannt sitzt er dann vor dem Computer und beobachtet das Wetter. Der Schnee beginnt zu schmelzen, die Tage werden wieder länger. Erste Thermik beginnt aufzusteigen, anfangs eher im Voralpenland und im Jura. Je länger die Tage werden und je mehr der letzte Schnee geschmolzen ist, desto mehr verlagern sich die guten Fluggebiete in die Hochalpen», weiss der Bürgler. «An schwülheissen Tagen im Hochsommer entstehen in tieferen Lagen aber wenig bis keine Aufwinde mehr. Jetzt kommt die Zeit der Hochalpen», erklärt der begeisterte Deltist. «Genau in diesem Bereich gibt es aber wenig Berge, die mit einer Bahn erschlossen sind und Deltas transportieren können», nennt Bohren einen weiteren Grund, weshalb man am Gemsstock gebaut hat.

Deltisten landen auf grössten Wiesen

Ein gutes Fluggebiet braucht neben dem Startplatz und der Bahn aber auch einen Landeplatz. Dieser sollte gross genug und in möglichst alle Richtungen frei sein, denn der Deltist muss immer gegen den Wind landen können. Bei stärkerem Wind dürfen sich keine Hindernisse vor dem erwarteten Aufsetzpunkt befinden. Zu gross werden die Turbulenzen hinter Gebäuden oder natürlichen Erhöhungen. «Wirbel können weit über 100 Meter nach einem Hindernis für einen landenden Delta ein Problem darstellen», betont Bohren. «Zu unserer grossen Freude dürfen wir in Andermatt auf den grössten Wiesen landen, sofern das Gras nicht zu hoch ist.»

Die Hobbyflieger bedanken sich bei der Korporation Ursern, den Bauern, der Baukommission und den Bediensteten der Luftseilbahn, die grosses Verständnis für das Anliegen der Deltisten gezeigt hätten. (red)

Die Initianten, von links: Bruno Bohren, Ruedi Imholz und Märk Limbacher. (Bild: PD)

Die Initianten, von links: Bruno Bohren, Ruedi Imholz und Märk Limbacher. (Bild: PD)

Die Mitglieder bei den Bauarbeiten auf knapp 3000 Metern über Meer. (Bild: PD)

Die Mitglieder bei den Bauarbeiten auf knapp 3000 Metern über Meer. (Bild: PD)

Initiant Bruno Bohren liess es sich nicht nehmen, als Erster die spezielle Thermik zu nutzen und sich über den Gipfel hinauftragen zu lassen und den Blick ins Urserntal zu geniessen. (Bild: PD)

Initiant Bruno Bohren liess es sich nicht nehmen, als Erster die spezielle Thermik zu nutzen und sich über den Gipfel hinauftragen zu lassen und den Blick ins Urserntal zu geniessen. (Bild: PD)