ANDERMATT: Die Lizenz zum Kiten

In Uri kann man seit kurzem die Trendsportart Snowkiten lernen. Dabei sind zwei Dinge garantiert: Ein hoher Spassfaktor und massiver Muskelkater.

Anian Heierli
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Unter dem wachsamen Blick von Kitelehrer Felix Arnold testet Journalist Anian Heierli in Andermatt Snowkiting. (Bild: Roger Grütter)

Unter dem wachsamen Blick von Kitelehrer Felix Arnold testet Journalist Anian Heierli in Andermatt Snowkiting. (Bild: Roger Grütter)

Krafttraining ist im Vergleich zum Snowkiten ein Klacks. Von Kopf bis Fuss ist jeder Muskel angespannt. Zumindest bei blutigen Anfängern dauert es keine zehn Minuten, bis die Thermowäsche nassgeschwitzt ist und am Körper klebt. Sobald Wind in den Schirm weht, wirken enorme Zugkräfte auf den Snowkiter. Dieser muss, um nicht nach vorne umzufallen, mit dem ganzen Körper dagegenhalten. Gleichzeitig steuert er das Snowboard, lenkt den Schirm und achtet auf die Umgebung.

Bild: Roger Grütter / Neue LZ
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Einzigartig in der Zentralschweiz

Wind gibt es im Kanton Uri massenhaft. Das weiss auch Kitelehrer Felix Arnold. Kurzerhand machte er deshalb seine Leidenschaft zum Beruf. Zusammen mit dem Kollegen Fabio Wihler eröffnete der 26-Jährige in diesem Winter die erste Urner Snowkite-Schule Excite Kiteboarding in Andermatt. Es ist die erste dauerbetriebene Schule in der Zentralschweiz. Mit Erfolg: Bislang haben die beiden immer genügend Kundschaft. Und dazu gehört neu auch unsere Zeitung. So hat am vergangenen Freitag Journalist Anian Heierli den Trendsport selber getestet.

Der Puls läuft hoch, der Atem geht schnell. Trotzdem gilt es, total aufmerksam zu bleiben. Mit den Gedanken abschweifen wäre heikel. Denn wie jeder Sport birgt auch Snowkiten Risiken. Für jene, die ihren Schirm nicht im Griff haben, stellen Hindernisse und starke Windböen eine echte Gefahr dar. So könnte der Zusammenprall mit einer Telefon- oder Stromleitung zum Unfall mit fatalen Folgen führen.

Profi Felix Arnold vergleicht Kiten mit Autofahren: «Ziel ist es, die Abläufe zu automatisieren. Das heisst, man muss den Schirm kontrollieren und auf die Umgebung achten, ohne über die Handgriffe aktiv nachzudenken.» Dazu braucht es Fachwissen und Routine. Zwei Dinge, die im Grundkurs vermittelt werden. «Ich empfehle jedem Anfänger zu Beginn dringend eine Schulung. Schliesslich fährt auch niemand ohne Prüfung alleine Auto», sagt Arnold nachdrücklich.

Zwar kann in der Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern auch ohne Lizenz auf eigene Faust jeder kiten, doch davon rät der Profi ab. Zu gross sei das Risiko für sich und andere. Denn ein Kiteschirm, der mit starker Wucht auf den Boden knallt, kann auch Unbeteiligte ernsthaft verletzen. «Trotzdem gibt es immer wieder schwarze Schafe», so Arnold. «Personen, die im Internet ohne Vorwissen günstige Ware einkaufen und dann irgendwo kiten.» Wenn man sich hingegen an die Spielregeln hält, ist Kiten nicht gefährlicher als andere Sportarten. Schwere Unfälle entstehen nur äusserst selten.

Theorie ist Pflicht

«Sicherheit ist in unserer Schule das oberste Credo», so Arnold. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Wassersport Schulen (VDWS) und hält sich strikt an deren internationale Ausbildungsvorschriften. «Bevor jemand praktisch übt, gilt es, die Theorie zu lernen», erklärt der Profi. Darunter fällt erstens das Wissen über den Kite mit allen Bestandteilen. Zweitens gehören lokale und allgemeine Kenntnisse über den Wind dazu. In einem Stall gleich neben dem Kitegelände in Andermatt haben Arnold und sein Geschäftspartner Wihler einen Kursraum eingerichtet. Mit Videos, Tafeln und einer Übungs-Kitevorrichtung vermitteln sie Einzelpersonen und Kleingruppen erste Schritte.

Vor dem Start schnallt der Fahrer das sogenannte Trapez um. Es ähnelt einem Klettergurt und dient dazu, den Schirm fest am Körper zu fixieren. Zwischen den Seilen und dem Trapez sitzt die Control-Bar. Mit ihr lässt sich der Schirm steuern. Lenkt man die Bar nach links oder rechts, macht der Schirm eine entsprechende Kurve. Zieht man sie zum Körper, erhöht sich die Zugkraft. Schiebt man sie nach vorne, nimmt die Kraft ab. Zwischen Bar und Trapez sind zwei Sicherungen. Damit kann der Schirm im Notfall innert Sekunden vom Körper getrennt werden.

Zuerst noch ohne Brett

Erst im zweiten Teil der Grundschulung, die generell drei Tage dauert, gehts nach draussen. Doch bevor man sich ein Snowboard oder die Ski anschnallt, wird zu Fuss geübt. Was keinesfalls langweilig ist. Im Gegenteil: Das Steuern erinnert ans Lenkdrachenfliegen. Nur ist die Zugkraft enorm grösser und dementsprechend auch der Spassfaktor höher. Böen reissen einen mit, und die Füsse sind schon mal einige Zentimeter in der Luft. Dabei vergisst man manchmal sogar, wie anstrengend der Trendsport ist. Erst wenn ein Schüler mit dem Schirm fliegen, starten und landen kann, darf er aufs Brett. Und dann wirds knifflig. Vor allem Snowboarder sind gefordert. Im Gegensatz zum Pistenfahrer muss ein Snowkiter sein Brett in beide Richtungen steuern. Will heissen, dass kein Standbein immer vorne ist. Für Zuschauer sieht der Trendsport leicht aus. Doch der Schein trügt. Für ihre waghalsigen und mehrere Meter hohen Sprünge üben Profis meist jahrelang. In der Andermatter Schule finden auch Fortgeschrittenenkurse statt.