Fasnächtler wollen frei bleiben

Das Ämtli-Rücken bei der Fröschenzunft ist nicht mehr zeitgemäss. Andere Modelle kommen besser an.

Christian Tschümperlin
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Elvelinus der LIX.: Der Fasnachtsprinz 2020 in Andermatt heisst Marcel Wenger. Er ist besser bekannt als «Jumbo». (Bild: PD)

Elvelinus der LIX.: Der Fasnachtsprinz 2020 in Andermatt heisst Marcel Wenger. Er ist besser bekannt als «Jumbo». (Bild: PD)

Wie heisst der neue Prinz von Andermatt? Im Vorfeld zur traditionellen Generalversammlung der Fasnachtsgesellschaft war viel spekuliert worden. Seit Montagabend ist sein Name bekannt: Marcel Wenger, der in Andermatt besser bekannt ist als «Jumbo». «Man gab mir diesen Übernamen, weil ich in der Sekundarschule schon grösser war als der Lehrer», sagt der 51-Jährige. Der langjährige Inhaber des Hotels Monopol und ehemalige Präsident des Tourismusvereins Andermatt wurde einstimmig gewählt. «Es ist eine Ehre, dieses Amt auszuüben. Es ist natürlich auch mit viel Aufwand verbunden, aber man gibt dem Volk auch etwas zurück», sagt Wenger, der am Sonntag aus China zurückgekehrt war, wo er als Jury-Mitglied an der Barkeeper-Weltmeisterschaft teilgenommen hatte. Der Name ist Programm: Das Fasnachtsmotto dieses Jahr lautet «Jumbo». «Die Fantasien sind frei, ich bin gespannt, wie die Andermatterinnen und Andermatter das Thema umsetzen», so Wenger.

Gidelmäändig-Umzug und Wurstverteilet im dichten Schneegestöber an der Andermatter Fasnacht. (Bild: Uwe Zaugg, Andermatt, 04.03.2019)

Gidelmäändig-Umzug und Wurstverteilet im dichten Schneegestöber an der Andermatter Fasnacht. (Bild: Uwe Zaugg, Andermatt, 04.03.2019)

Die Fasnachtsgesellschaft Elvelinus leidet keineswegs unter Nachwuchsproblemen – anders die Seedorfer Fröschenzunft. Diese musste ihre Tätigkeit auf Eis legen (siehe unsere Zeitung vom 11. November). Alt-Prinz und Präsident der Elvelinus-Gesellschaft Rolf Albertin führt ihren Erfolg auf den touristischen Aufschwung zurück, der im Zuge von Samih Sawiris’ Investitionen einsetzte. «Die Fasnacht wird immer grösser, vor allem die Kinderbescherung», sagt er. Die wachsende Grösse der Fasnacht stellt die Gesellschaft vor neue Probleme: «Wir sind sieben Leute im Vorstand. Bisher konnten wir die Fasnacht selber organisieren. Doch nun brauchen wir ein OK», so Albertin. Wenn es nach seinen Vorstellungen geht, könnte sich das OK jedes Jahr aus neuen Leuten zusammensetzen.

Die Katzenmusik Unterschächen feierte am Freitag, 2. Feburar 2018, mit einem Sternmarsch und einem anschliessenden Fest in der Aula des Schulhauses ihr 40-Jahr-Jubiläum. (Bild: Franz Imholz, Unterschächen, 02.02.2018)

Die Katzenmusik Unterschächen feierte am Freitag, 2. Feburar 2018, mit einem Sternmarsch und einem anschliessenden Fest in der Aula des Schulhauses ihr 40-Jahr-Jubiläum. (Bild: Franz Imholz, Unterschächen, 02.02.2018)

Ein rotierendes Konzept kennt die Fasnachtsgesellschaft Unterschächen, die im vergangenen Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feierte. «Unsere Mitgliederzahlen variieren von Fasnacht zu Fasnacht», sagt Zunftmeister Jonas Arnold. Zur Generalversammlung, die am Freitag stattfand, sei nämlich jeder Unterschächer herzlich eingeladen. Wer teilnimmt, bezahlt einen Jahresbeitrag von 15 Franken. Damit sind die Unkosten für die Fasnacht laut Arnold gedeckt.

Ein Hauch Exotik kommt nach Unterschächen

Das Motto 2020 in Unterschächen lautet Afrika. «Wir reisen auf einen anderen Kontinent. Das wird eine bunte Fasnacht.» Arnold denkt dabei etwa an exotische Tiere oder traditionell geschmückte Einwohner. Dieses Jahr musste übrigens die Münze über das Motto entscheiden. Denn es stand 12 zu 12 Stimmen zwischen dem Motto Afrika und dem Motto Après Ski. «Das gab es noch nie», sagt Arnold.

Austrommeln in Altdorf (Bild: Valentin Luthiger, Altdorf, 13.02.2018)

Austrommeln in Altdorf (Bild: Valentin Luthiger, Altdorf, 13.02.2018)

Kein Motto kennt die Altdorfer Katzenmusikgesellschaft. «Da darf jeder kommen, wie er will», sagt deren Präsidentin Françoise Burkart. Und es kommen viele: Beim Eintrommeln am Mittwochabend vor dem Schmutzigen Donnerstag stehen zwischen 600 und 800 Spielerinnen und Spieler auf der Strasse. «Insofern sind wir die grösste Musikgesellschaft des Kantons», sagt Burkart und lacht. Sie relativiert aber auch: Man spiele schliesslich nur den Katzenmusik-Marsch. Dass auch Spielerinnen auf der Strasse stehen dürfen, war nicht immer eine Selbstverständlichkeit: 1998 kam es zum ersten Frauen-Austrommeln. «Einige Alteingesessene haben gemeint, das sei gegen die Tradition», so Burkart. Das habe im ersten Jahr zu Reibereien geführt. Einen Mitgliederschwund verzeichnete die Katzenmusikgesellschaft Altdorf deswegen allerdings nicht. Auch im Vorstand gab es nie Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Die Altdorfer Katzenmusikgesellschaft kennt nämlich keine Rochaden. «Man muss keine Angst haben, eines Tages Präsident werden zu müssen, wenn man das nicht möchte», so Burkart. Sie gibt sich überzeugt: «Je offener man das Ganze lässt, desto eher machen die Leute auch mit.» Sie spricht damit das Modell der Fröschenzunft in Seedorf an, bei dem man als Beisitzer beginnt und dann immer eine Stufe vorrückt bis zum Zunftmeister.

Eintrommeln in Seedorf am Mittwoch, 27. Februar 2019. (Bild: Christof Hirtler, Seedorf, 27.02.2019)

Eintrommeln in Seedorf am Mittwoch, 27. Februar 2019. (Bild: Christof Hirtler, Seedorf, 27.02.2019)

«Man kann sich gar nicht richtig einarbeiten»

Colombo Tramonti, letzter Zunftmeister der Fröschenzunft, findet das Modell seiner Fasnachtsgesellschaft nach wie vor eine gute Idee. «So hat man Einblick in jede Charge», sagt er. Das System habe 70 Jahre lang funktioniert. Er räumt aber auch ein: «Der Nachteil ist, man kann sich zum Teil gar nicht richtig einarbeiten, und wenn man soweit ist, muss man schon das nächste Amt übernehmen.» Heute könne man niemanden mehr für sieben Jahre verpflichten. Tatsächlich hätten einige im Vorstand Respekt davor gehabt, eines Tages Zunftmeister zu werden, weil damit auch repräsentative Aufgaben verbunden seien. Deshalb brauche es jetzt einen Neuanfang. «Wir mussten einen Schlussstrich ziehen», so Tramonti. Er stellt fest, dass es in Seedorf immer etwa dieselben seien, die in den Vereinen aktiv bei der Organisation mithelfen würden. Trotzdem hofft er, dass eine neue Fasnachtsgesellschaft mit einem offeneren Modell wieder mehr Freiwillige anziehen kann.

Impressionen vom Gugguri, das gemeinsame Konzert der Urner Guggenmusigen. (Bild:Boris Bürgisser, Flüelen, 9. Februar 2019)

Impressionen vom Gugguri, das gemeinsame Konzert der Urner Guggenmusigen. (Bild:Boris Bürgisser, Flüelen, 9. Februar 2019)


Jeder Flüeler ist potenzielles Mitglied

Sehr offen geht es auch bei der Fidelitas Flüelen zu und her. «Mitglied bei der Fidelitas ist jeder wohnhafte Flüeler», sagt Fabian Müller, der das Präsidium am Freitag an Kari Schilter abgegeben hat. Seit ihrer Gründung vor 96 Jahren habe sich die Gesellschaft nie Sorgen machen müssen wegen Nachwuchsproblemen. Dieses Jahr nahmen 70 Personen an der Mitgliederversammlung teil. «Die Fasnacht im Kanton Uri ist allgemein noch stark verwurzelt», sagt Müller.

Das spürt man auch in Seelisberg. «Wir finden eigentlich immer die Leute», sagt der Präsident der Gross-Grinden-Zunft Thomas Gisler. Gisler verortet das in dem Umstand, dass die Seelisberger sich sehr stark mit ihrer Fasnacht identifizieren können. «Der Zusammenhalt in Seelisberg ist gross», sagt er. Und die Seelisberger können ein Geheimnis für sich behalten: «Es ist das meistgehütete Geheimnis in Seelisberg, wer der neue Zunftmeister wird», sagt Gisler. Das wüssten nur der amtierende und der neue Zunftmeister sowie der Präsident. Der Zunftmeister sucht sich seinen Nachfolger jeweils selber aus. Gelüftet wird das Geheimnis am ersten Samstag im Januar, also am 4. Januar 2020.