ANDERMATT: Fiel Luxushotel «Chedi» auf Hochstapler rein?

Das «Chedi» vertraute einem Angestellten, der sagte, Sommelier für japanischen Reiswein zu sein. Ob er das wirklich ist, stellt ein Kenner arg in Frage. Die Hotelverantwortlichen haben reagiert.

Matthias Stadler
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Im «Japanese Restaurant» des Hotels Chedi kam es zum Abgang des Sake-Sommeliers. (Symbolbild: Thomas Linkel, Laif)

Im «Japanese Restaurant» des Hotels Chedi kam es zum Abgang des Sake-Sommeliers. (Symbolbild: Thomas Linkel, Laif)

Matthias Stadler

matthias.stadler@urnerzeitung.ch

Man mag vielleicht schon mal davon gehört haben. Doch Sake – auch bekannt als Japanischer Reiswein – ist nicht die Art von Getränk, mit der sich der normale Schweizer Weintrinker bestens auskennt. Hergestellt aus Reis, Wasser und Hefe, kann das klare oder auch trübe Getränk bis zu starke 20 Volumenprozent Alkohol beinhalten.

Dass Reiswein aber nicht nur wegen des Alkoholgehalts Kopfschmerzen verursachen kann, weiss man spätestens seit einigen Wochen im Luxushotel Chedi in Andermatt. Genauer gesagt im japanischen Restaurant, das dem Fünfsternehaus des ägyptischen Investors Samih Sawiris angegliedert ist und laut eigenen Angaben die «erlesenste Sake-Karte der Schweiz» anbietet.

Hotel ermöglichte Ausbildung in Japan

Seit 2015 arbeitete im Restaurant ein Verantwortlicher für die Speisen und Getränke, im Jargon «F&B-Manager». Der gebürtige Frankfurter kam dabei auch mit Sake in Berührung. Das «Chedi» ermöglichte es ihm im Sommer 2016 laut Angaben des Hotels, die «renommierte Ausbildung zum Sake-Sommelier in Japan» zu absolvieren, also zu einem Spezialisten von Sake. Die Prüfung in Tokio bestand er laut einer damaligen Medienmitteilung des Hotels mit einem «ausgezeichneten Ergebnis». Die Verantwortlichen des «Chedi» gingen bis vor kurzem davon aus, dass er die nötigen Zertifikate zum Sake-Sommelier erlangt hatte. So pries das Management den Mann als «ersten Sake-Sommelier der Schweiz» an, welcher die Prüfung direkt in Japan abgelegt habe. Er habe dort während zehn Tagen über 300 verschiedene Sake degustiert.Diese Aussagen galten so lange, bis sich vor einigen Wochen ein Leser unserer Zeitung der Sache annahm.

Er war stutzig geworden, weil er einige Jahre in Japan gelebt hat und sich «in der internationalen Sake-Szene recht gut auskenne», wie er unserer Zeitung gegenüber schreibt. Aber vom Sommelier des «Chedi» habe er «bis dato nichts gehört». Anfragen bei der weltweit tätigen «Sake Sommelier Association» hätten dann seinen Verdacht bestätigt, dass hier etwas nicht stimmen könne und der Sommelier wahrscheinlich gar keiner sei. Denn der Verband habe ihm bestätigt, dass der mutmasslich falsche Sommelier kein Absolvent der Sake-Kurse sei. Dieser Verband wollte auf Anfrage unserer Zeitung die erwähnten Anschuldigungen weder bestätigen noch dementieren.

Seit Ende der Wintersaison nicht mehr im Restaurant

Kurz nach Entdeckung des möglichen Betrugs konfrontierte der Leser die Verantwortlichen des «Chedi» mit den Anschuldigungen, woraufhin diese laut Aussagen des Lesers eingescannte ­Dokumente als Beleg für die bestandenen Prüfungen hervorbrachten. An diesen war laut dem Leser aber «etwas faul», weshalb er nicht locker liess.

Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt das Luxushotel nun, dass es im «Japanese Restaurant» zu einem Abgang kam. «Wir waren uns der Ungültigkeit der vorhandenen Bestätigung nicht bewusst», schreibt das Management in einer Stellungnahme. «Der betreffende Mitarbeiter ist nicht mehr in unserem Hotel tätig.» Seit Ende der vergangenen Wintersaison sei er nicht mehr angestellt. Ob er fristlos entlassen wurde, will das Hotel nicht sagen. «Wir wählen unsere Mitarbeiter nach zeitgemässen und branchenüblichen Human-Ressources-Prozessen sorgfältig aus. Grundsätzlich vertrauen wir unseren Mitarbeitern», schreiben die Verantwortlichen weiter.

Öffentlichkeit «nicht aktiv» informiert

Auf den Vorwurf, das Hotel habe versucht, den Vorfall unter den Teppich zu kehren, entgegnet das Management: «Nachdem wir von externer Stelle auf die mögliche Problematik aufmerksam gemacht wurden, haben wir die Angelegenheit seriös geprüft und die notwendigen Schritte eingeleitet. Aufgrund des Personenschutzes und der Diskretion haben wir uns dazu entschieden, die Öffentlichkeit über den Fall nicht aktiv zu informieren.» Viel mehr lässt sich den Verantwortlichen nicht entlocken. So bleibt im Dunkeln, ob das «Chedi» rechtlich gegen den mutmasslichen Betrüger – für den die Unschuldsvermutung gilt – vorgehen wird. Ebenfalls unbekannt ist, wie es zu diesem Fall kommen konnte und was genau in Japan geschah. Wo der Beschuldigte nun tätig ist, ist auch nicht bekannt. Unsere Zeitung konnte keinen Kontakt mit ihm aufnehmen. Klar ist aber, dass das «Chedi» ohne Sake-Sommelier dasteht. Allerdings soll sich das bald ändern. Laut dem Management wird in den kommenden Wochen ein neuer Sommelier ausgebildet. Bleibt zu hoffen, dass dieser seinen Vorgesetzen reinen (Reis-)Wein einschenkt.