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ANDERMATT: Herdenschutzhunde werden zur Herausforderung für Touristen

Die Stimmung ist angeheizt: Herdenschutzhunde beschützen in der Unteralp 1100 Schafe vor dem Wolf. Das gibt aber Probleme mit Wanderern, Velofahrern und Ziegenhaltern.
Elias Bricker
Solche Herdenschutzhunde wie auf diesem Bild werden zum Schutz vor dem Wolf auch in der Unteralp bei Andermatt und auf Alpen in Isenthal eingesetzt. (Bild: Nadia Schärli (Flühli, 3. Juli 2010))

Solche Herdenschutzhunde wie auf diesem Bild werden zum Schutz vor dem Wolf auch in der Unteralp bei Andermatt und auf Alpen in Isenthal eingesetzt. (Bild: Nadia Schärli (Flühli, 3. Juli 2010))

Elias Bricker

elias.bricker@urnerzeitung.ch

«Ich will nicht einfach Futter für den Wolf produzieren», sagt Ernst Vogel. Der Berufsschäfer aus dem luzernischen Schwarzenberg treibt jeden Sommer rund 1100 Schafe ins Unteralptal ob Andermatt. Zwei Hirten betreuen die Herde jeweils. Doch um sich gegen einen Wolfsangriff zu wappnen, hat sich Vogel vor vier Jahren auch drei Herdenschutzhunde angeschafft.

Doch mit seinen Hunden hat sich Ernst Vogel nicht nur Freunde geschaffen. Die Stimmung im Urserntal ist inzwischen angespannt. Denn die grossen Hunde bellen laut, wenn jemand der Herde zu nahe kommt. Sie jagen den Wanderern Angst und Schrecken ein. Vergangene Woche soll ein Hund gar einen Biker angegangen haben, sodass er stürzte. Zudem biss ein Hund kürzlich eine Ziege, die sich in die Schafherde wagte. Die verletzte Ziege wurde danach gemetzget. Ein ähnlicher Vorfall hatte sich bereits vor drei Jahren mit einem Ziegenbock ereignet. Vogel ist aber überzeugt: «Die Ziege hätte man nicht gleich metzgen müssen. So schlimm waren die Wunden nicht.»

«Eigentlich haben sie nur ihre Arbeit gemacht»

Der Luzerner Berufsschäfer will die Probleme aber nicht herunterspielen. Dennoch sagt er: «Eigentlich haben die Hunde nur ihre Arbeit gemacht. Sie müssen eingreifen, wenn jemand der Herde zu nahe kommt. Hunde, die nicht reagieren, halten auch einen Wolf nicht ab.» Bisher habe er mit den Hunden aber nur wenige Probleme gehabt.

«Die aktuelle Situation ist für mich sehr schwierig», sagt Vogel. Einerseits werde er nun im Urserntal angefeindet. «Viele Leute wollen, dass ich mit meinen Hunden verschwinde.» Andererseits müsse er ja die Herde vor dem Wolf schützen.

Auch bei der Korporation Ursern, der Besitzerin der Urschner Alpen, kann man sich mit dem Einsatz von Herdenschutzhunden nicht anfreunden: «Wir haben viele Reklamationen», sagt Talammann Hans Regli. «Mit dem Wolf hatten wir ein Problem. Jetzt haben wir zwei.» Denn das Unteralptal sei ein Naherholungsgebiet, in dem sich viele Biker und Wanderer aufhalten würden. Zudem locke der Vier-Quellen-Weg viele Touristen an. «Tourismus und Herdenschutzhunde vertragen sich leider schlecht», so Regli. Auch darüber, dass die Hunde Ziegen ge­bissen haben, ist der Talammann nicht glücklich.

«Wir sind in einer Zwickmühle»

Ins gleiche Horn bläst der Andermatter Tourismusdirektor Flurin Riedi: «Wir sind vom Einsatz von Herdenschutzhunden in der Unteralp überhaupt nicht begeistert.» Auch im Tourismusbüro hätten sich viele Wanderer beklagt, weil sie Angst vor den Hunden hätten.

Allen Problemen zum Trotz: Die Korporation Ursern kann die Hunde nicht einfach verbieten. «Mir ist auch klar, dass der Schäfer seine Tiere schützen muss», sagt Talammann Regli. Ansonsten könnte am Schluss noch die Korporation belangt werden, wenn ein Wolf Tiere einer ungeschützten Herde reisen würde. «Das kann es ja auch nicht sein», sagt Regli. Gleichzeitig wolle die Korporation, dass die Alpen trotz des Wolfes auch weiterhin bestossen werden. «Wir sind also wirklich in einer Zwickmühle», so Regli. «Wir wissen nicht, wie wir die Problematik lösen sollen.» Am liebsten wären dem Talammann daher wolfsfreie Zonen.

«Man kann das Verhalten nicht abtrainieren»

Bei der Fachstelle Herdenschutzhunde, die im Auftrag des Bundes arbeitet, kennt man die Probleme (wir berichteten). «Das Zusammenspiel mit dem Tourismus ist eine sehr grosse Herausforderung», sagt Fachstellenleiter Felix Hahn. «Doch Hunde sind in den Alpen der einzige effektive Schutz gegen den Wolf.» Denn Schutzzäune seien für viele Alpen nicht praktikabel. Schafhalter und Älpler würden aber einen grossen zeitlichen und finanziellen Aufwand betreiben, um die Risiken für Wanderer und Velofahrer so gering wie möglich zu halten. Der ­finanzielle Aufwand werde zwar vom Bund abgegolten, aber nicht der zeitliche.

So würden die Hunde speziell geschult und an Tiere und Menschen gewöhnt. «Zudem wird das Verhalten der Hunde auch immer wieder überprüft», so Hahn. Gleichzeitig würden die Schäfer Wanderwege teilweise abzäunen, um Begegnungen zu verhindern – so auch in der Unteralp. Zudem würden überall, wo es Hunde gibt, Tafeln aufgestellt, welche Touristen über das richtige Verhalten informieren (siehe Box). «Doch man kann den Hunden ihr Verhalten nicht abtrainieren», sagt Hahn. «Das ist ihr Instinkt. Genauso kann man den Leuten die Angst vor Hunden kaum ausreden.»

Und zu den gebissenen Ziegen meint Hahn: «Wenn Ziegen wie in der Unteralp überall frei herumlaufen können, sind Probleme vorprogrammiert. Die Hunde werden instinktiv reagieren.»

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