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ANDERMATT: Letzter Kapuzinerpfarrer verlässt Andermatt: «Eigentlich wollten sie mich gar nicht»

Einst sorgte die Fiche von Marzell Camenzind im Urserntal für Ärger. Doch nun lassen die Urschner ihren Seelsorger, Schauspieler und Stammtischkollegen nur ungern ziehen. Mit ihm endet auch die Kapuzinertradition in Andermatt.
Elias Bricker
Der gebürtige Gersauer Marzell Camenzind war genau 30 Jahre lang Pfarrer in Andermatt. (Bild: Elias Bricker (Andermatt, 20. Oktober 2017))

Der gebürtige Gersauer Marzell Camenzind war genau 30 Jahre lang Pfarrer in Andermatt. (Bild: Elias Bricker (Andermatt, 20. Oktober 2017))

Elias Bricker

elias.bricker@urnerzeitung.ch

«Morgengebet um 6 Uhr? So früh schon? Daran muss ich mich erst gewöhnen», sagte Kapuziner­pater Marzell Camenzind, als ihm mitgeteilt wurde, wie sein Tagesplan künftig aussehen soll.

Denn genau 30 Jahre lang konnte er als Pfarrer von Andermatt mehr oder weniger seinen Tag so gestalten, wie es ihm passte. Doch nun kehrt er ins Kloster zurück – nach Schwyz. So wollen es seine Vorgesetzten. «Das wird eine grosse Umstellung für mich», sagt der Seelsorger und fügt mit einem Lachen an: «Doch eigentlich macht mir das nicht Bauchweh. Denn im Kloster muss ich ja nicht mehr selber haushalten, sondern kann nur noch an den Tisch sitzen.»

Der Pfarrer war an vielen Fronten gefragt

329 Jahre lang war Andermatt fest in den Händen der Kapuziner. Doch morgen Sonntag gibt der Orden die Leitung der Pfarrei offiziell ans Bistum Chur zurück (siehe Box). Andermatt ist die letzte Pfarrei der Schweiz, die noch von Kapuzinern geführt wurde. Der Orden kämpft schon lange gegen Überalterung und mit fehlendem Nachwuchs. Deshalb muss er nun die Kräfte in den noch bestehenden Klöstern bündeln. Viele Andermatter bedauern die Abberufung des volksnahen Pfarrers. «Das ist doch schön», sagt dieser. Doch auch ihm dürfte der Abschied nicht ganz leicht fallen. Andermatt ist seine Heimat geworden. Und dennoch sagt er: «Ich nimes eifach vor ä wäg.»

Camenzind war nicht nur Pfarrer von Andermatt, sondern von 2000 bis 2005 Pfarrer von Göschenen sowie die vergangenen zehn Jahre Pfarradministrator von Hospental und Realp. Gelegentlich hielt er Gottesdienste auf dem Gotthard ab. Daneben kümmerte er sich um die Pfarreiadministration und gab Religionsunterricht an der Schule. Zudem betreute er fast dreissig Jahre lang die Wetterstation von Meteo Schweiz in Andermatt.

«Ich schaffte es bis zum Bundesrat»

Der letzte Kapuzinerpfarrer war im Dorf gern gesehen. Denn er genoss nicht nur das gesellige Zusammensein bei Pfarreireisen und -ausflügen, Feiertagen oder nach den Alpsegnungen, sondern beteiligte sich aktiv am Dorf­leben. Zehn Jahre lang führte er Regie im Dorftheater und stand regelmässig auf der Bühne. Teilweise hatte er auch grössere Rollen inne. «Im diesjährigen Freilichtspiel in Göschenen schaffte ich es sogar bis zum Bundesrat», sagt der Pfarrer verschmitzt.

Zudem ist Camenzind auch Mitglied verschiedenster geselliger Stammtischvereine – so etwa des Klubs der einsamen Männer, des «Höitröchner»-Klubs oder des «Bhaupti»-Klubs. Denn es ist kein Geheimnis, dass Camenzind gerne in den Andermatter Beizen einkehrte. «Einerseits hatte ich nicht immer Lust, selber zu kochen – gerade als ich jeweils noch bis am Mittag an der Schule unterrichtete», sagt er. «Andererseits ging ich auch zu den Leuten und konnte so vieles gleich mit ihnen besprechen.»

Beim Unwetter 1987 betete er an der Reuss

Dabei hatte Camenzind 1987 in Andermatt keinen einfachen Start. Kaum wurde im Tal bekannt, dass der im Raum Basel tätige Ordensbruder nach Andermatt berufen werde, begann eine regelrechte Stimmungsmache gegen ihn. Grund für das Kesseltreiben: Der Kapuziner hatte eine Fiche – und weil dies in Armeekreisen bekannt war, wusste bald ganz Andermatt davon.

Denn Camenzind hatte einst als Jugendseelsorger eine Veranstaltung unter dem Titel «Friedens-RS» organisiert. Zudem war er Dienstverweigerern, die damals noch ins Gefängnis mussten, gelegentlich vor Militärgericht als Betreuer zur Seite gestanden. Doch dies sah man Ende der Achtzigerjahre im Kasernendorf nicht gerne. «Ich wurde als subversiver Armeegegner verschrien», so Camenzind. Einige hätten zudem bei seinen Predigten anfänglich genaustens hingehört, ob er wirklich nichts gegen das Militär sage. «Eigentlich wollten sie mich gar nicht», sagt Camenzind. «Doch zum Glück erfuhr ich erst später davon.»

Doch Marzell Camenzind verschaffte sich schnell Respekt: Kaum eine Woche im Amt, kam es im August 1987 im Kanton Uri zum verheerenden Unwetter. «Mitten in der Nacht wurde ich aus dem Bett geläutet», erinnert sich Camenzind. Der Pfarrer hatte eine Vorahnung vom Ausmass der Katastrophe. «Ich habe als Kind in Gersau mehrmals erlebt, wie der Bach über die Ufer trat und einmal sogar unseren Keller flutete», sagt er. So zog der Kapuziner noch in der Dunkelheit mit der Monstranz aus und betete an der reissenden Reuss. Das rechneten ihm die Urschner hoch an.

«Schwyz ist ja zum Glück nicht so weit weg»

Seither ist viel Wasser die Schöllenen hinuntergeflossen, und vieles im Urserntal hat sich verändert – nicht nur wegen des stetigen Rückzugs des Militärs und des Sawiris-Resorts. «Die Kirchenbänke werden immer leerer», stellt Camenzind fest. Zudem bedauert er, dass die Leute heute nach dem Gottesdienst nicht mehr am Stammtisch zusammensitzen würden. «Das fehlt mir ein bisschen», sagt er. Dafür seien die Andermatter heute offener als noch vor dreissig Jahren. Vielleicht hat sie Camenzind gerade deshalb so lieb bekommen. Er ist jedenfalls überzeugt, dass er auch künftig hin und wieder in sein geliebtes Andermatt kommt: «Schwyz ist ja zum Glück nicht so weit weg.»

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