ANDERMATT: Mensch hilft Gletscher beim Wachsen

Carlo Danioth packt den Gurschengletscher jeden Sommer mit Vlies ein. Nun zeigt die Technik Erfolg: In diesem Jahr ist das ewige Eis deutlich dicker geworden.

Anian Heierli
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Jedes Jahr deckt Carlo Danioth auch die dunklen Felsen am Gletscherrand ab, damit sie weniger Wärme aufnehmen. (Bild: Urs Hanhart)

Jedes Jahr deckt Carlo Danioth auch die dunklen Felsen am Gletscherrand ab, damit sie weniger Wärme aufnehmen. (Bild: Urs Hanhart)

Rundherum schmelzen sie, die Gletscher der Schweiz. Nicht so das ewige Eis von Andermatt. Im Vergleich zum Vorjahr hat der Gurschengletscher am Gemsstock in der Dicke deutlich zugelegt. Aber nicht aus eigener Kraft. Für das Wachstum sind auch Pistenchef Carlo Danioth und sein Team mitverantwortlich. Seit acht Jahren packen sie die Schneemassen jeden Sommer mit einem weissen Vlies ein. Dieses reflektiert die Sonnenstrahlen. Dadurch bleibt das Eis kalt und schmilzt weniger stark.

«Wir können nicht gewinnen»

8000 bis 10 000 Quadratmeter Fläche hat das Team im Mai zugedeckt. Nun wurde das Vlies entfernt, und der Erfolg wird sichtbar. Die Stellen, welche mit dem Vlies bedeckt waren, sind nicht nur weniger stark geschmolzen. Es ist sogar noch Altschnee vom vergangenen Winter übrig geblieben. Will heissen, dass der Gletscher gewachsen ist. Stellenweise hat er über einen Meter Dicke gewonnen. In höheren Regionen ist der Gletscher wegen des vergangenen strengen Winters und des kalten Frühlings sogar ohne Vlies stabil geblieben.

Dennoch sieht Carlo Danioth für die Zukunft schwarz: «Den Kampf gegen die Klimaerwärmung können wir nicht gewinnen.» Das Vlies zögere den Gletscherschwund nur weiter hinaus, wie Danioth erklärt.

Diese Lebensverlängerung rechnet sich: Allein die Montage und der Ersatz des Vliesstoffs kosten rund 50 000 Franken jährlich. Mit dieser Massnahme werden 30 000 Kubikmeter Schnee geschützt. Das Abdecken ist aber immer noch günstiger als Kunstschnee. Zum Vergleich: Ein Kubikmeter technisch erzeugter Schnee kostet 5 Franken. Die Vliesvariante kommt die Skigebietsbetreiber deshalb dreimal günstiger.

25 Jahre arbeitet Danioth nun für die Andermatt-Gotthard-Sportbahnen. Seither sah er mit eigenen Augen, wie das Klima am Gemsstock immer wärmer wurde. Die Gletscherzunge schrumpfte, die Schneefallgrenze kletterte nach oben, und die Vegetation veränderte sich. «Erlen und Sträucher erobern höhere Regionen», so Danioth. «Auch jetzt ist es wieder einmal viel zu warm für Oktober.» In der vergangenen Woche hat es auf dem Gemsstock geregnet – und das auf einer Höhe von fast 3000 Metern. Zudem kommt es an warmen Sommertagen immer öfters zu Erdrutschen und Felsstürzen. Permafrost, der bislang die Felsen wie Leim zusammenhielt, fehlt heute grossflächig. Seit den Neunzigerjahren wird an der Bergstation Gemsstock mit Messgeräten jede noch so kleine Verschiebung an der Infrastruktur im Boden beobachtet. Bisher gab es aber keine riskanten Bewegungen. Auch, weil man flüssigen Beton in die Gesteinsschicht unter der Station spritzte. Dieser ersetzt die Funktion des Permafrostes und schützt vor Erosionen. Klar ist aber: Künftig wird die Herausforderung nicht geringer. «Es ist krass, zu sehen, wie wenig Schnee mittlerweile auch auf den umliegenden Bergen liegt», sagt Danioth. «Vor zehn Jahren hat das noch ganz anders ausgesehen.»

ETH belegt Vlieswirkung

Andreas Bauder, Glaziologe an der ETH Zürich, hat den Effekt des Vlieses am Gurschengletscher wissenschaftlich untersucht. Er verglich Testflächen mit und ohne Abdeckung über einen längeren Zeitraum. Dabei bemerkte der Forscher einen spürbaren Effekt: «Unter dem Vlies schmilzt der Schnee rund zwei Drittel weniger stark als auf einer offenen Fläche.» Das bedeutet: Während ohne Vlies ein Meter Schnee verschwindet, gehen mit Vlies in der gleichen Zeit nur 30 Zentimeter flöten.

Gletscher haben neben der touristischen noch eine weitere enorm wichtige Bedeutung. Sie speichern Süsswasser und steuern den Wasserhaushalt. Heute führen Bergbäche wegen der Gletscherschmelze im Sommer mehr Wasser. «Dieses Verhältnis zwischen den Jahreszeiten wird wegen der Klima­erwärmung vermutlich in 50 Jahren kippen», prognostiziert der Glaziologe. Dann fliesst im Winter mehr Wasser. Das wirkt sich empfindlich auf die Flora und Fauna und somit auf den Menschen aus.

Mehr Gletscher brauchen Vlies

«Um dem effektiv entgegenzuwirken, müssten ganze Gletscher grossflächig zugedeckt werden», sagt Andreas Bauder. «Das verursacht jedoch immense Kosten.»

Jann Marx, Leiter der Abteilung Naturgefahren des Kantons Uri, relativiert die Nachricht vom Wachstum: «Gut möglich, dass die Schneemasse in diesem Jahr stellenweise dicker wurde. Dagegen schmilzt die Zunge weiter.» Will heissen: In der Länge ist der Gletscher trotz Vlies rückläufig. Damit das ewige Eis bleibt und auch die Zunge wieder wächst, bräuchte es laut Marx mehrere schneereiche Winter und kalte Sommer. «Der Gletscherschwund ist keine Entwicklung der Neuzeit», betont der Experte. Langfristig gesehen gehen die Eismassen in der Schweiz seit Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Wenn auch nicht kontinuierlich und in dem Tempo wie heute. So sind einzelne Gletscher in den Siebzigerjahren wegen der strengen Winter kurzfristig wieder gewachsen. «Der Schwund wird aber bald rasant zunehmen. Denn je kleiner die restliche Eisfläche wird, umso schneller schmilzt der Gletscher», erklärt Marx.