ANDERMATT: Reise führt in Steinzeit zurück

Wer das Talmuseum Ursern besucht, begibt sich auf die Spuren der Geschichte. Dabei gibt es auch Erkenntnisse für die aktuelle Klimadebatte.

Georg Epp
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Felix Renner-Aschwanden, Hauptinitiator der Sonderausstellung, erläutert die Themen Gletscher und Urschnerwald. (Bild Georg Epp)

Felix Renner-Aschwanden, Hauptinitiator der Sonderausstellung, erläutert die Themen Gletscher und Urschnerwald. (Bild Georg Epp)

Im Talmuseum Ursern in Andermatt wurde es am Freitagabend sehr eng. Die Vernissage der Sonderausstellung «Gletscher, Wald und Steinzeitmenschen im Urschnertal» stiess auf grosses Interesse. Alex Renner, der Präsident des Stiftungsrates Talmuseum Ursern, freute sich, die Urschner Prominenz mit Talammann Hans Regli an der Spitze und Regierungsrat Beat Jörg zu begrüssen. Er bedankte sich bei Initiator Felix Renner, dass die Sonderausstellung zu Stande gekommen ist. Geograf Dr. Felix Renner-Aschwanden ist in Hospental aufgewachsen, wohnt aktuell in Kastanienbaum LU und arbeitet als Abteilungsleiter bei der Dienststelle Umwelt und Energie im Kanton Luzern. Zusammen mit Dr. Max Maisch, Professor am Geographischen Institut Uni Zürich, und Archäologe Dr. Christian Auf der Maur, Luzern, sowie Ruedi Kreienbühl, Architekt im Talmuseum, realisierte er eine Sonderausstellung. Diese beinhaltet die drei Themen: Gletscher, Geschichte des Urschnerwaldes und archäologische Spurensuche.

Galenstock bald ohne Gletscher?

Felix Renner eröffnete die Sonderausstellung mit interessanten Ergänzungen. Die letzte grosse Eiszeit begann vor ungefähr 115 000 Jahren. Während dieser Kaltphase stiess der Reussgletscher mehrmals bis ins Mittelland vor. Das Urserntal war damals mit einer mehr als 1000 Meter mächtigen Eisschicht bedeckt, nur die höchsten Gipfel schauten aus dem Eis heraus. Nach dem Rückzug des Gletschers ins Urserntal vor zirka 15 000 Jahren trat ein tiefer See zu Tage. Durch Gletscherschurf und Schmelzwasser wurden die weicheren Felsen rund 250 Meter tief herausgehobelt. Der See ist im Laufe der Jahrtausende mit Flussgeschiebe ganz aufgefüllt worden. Die überdurchschnittlichen Temperaturen seit den Sechzigerjahren und vor allem seit dem Jahr 2000 beschleunigen den Gletscherschwund in einem fast unerträglichen Masse. Wenn es der Weltpolitik nicht gelingt, den CO2-Ausstoss, der für die Erderwärmung verantwortlich ist, rasch zu verringern, dann wird der Galenstock bald ohne Gletscher sein. Verschiedene Infotafeln rapportieren die Zeitreise von der Eiszeit in die Gegenwart.

Rodungen erhöhten Lawinengefahr

Das Urserntal ist im Vergleich zu benachbarten Talschaften auffallend waldarm. Der heutige Waldbestand beschränkt sich auf wenige Bannwälder am Gurschen ob Andermatt, am Kirchberg, am St. Annaberg bei Hospental und am Lochberg ob Realp. Zahlreiche Funde von Lärchen- und Arvenstämmen im Witenwasserental, auf dem Oberalppass und in der Unteralp belegen, dass das ganze Tal um 6000 v. Chr. bis in Höhenlagen von 2000 Metern bewaldet war. Ein sehr gut erhaltener Lärchenstamm aus dem Witenwasserental aus den Jahren 6263 bis 5766 v. Chr. mit 497 Jahrringen kann in der Ausstellung bestaunt werden. Die genauen Ursachen für die heutige Waldarmut können wohl nie abschliessend geklärt werden, auch der exakte Zeitpunkt der Entwaldung nicht. Ab Ende des 11. Jahrhunderts baute das Kloster Disentis wegen der zunehmenden Bedeutung der Gotthardroute die Herrschaft über das Urserntal aus. Die ersten Dauerbesiedler des Tals waren romanischen Ursprungs. Gut 100 Jahre später begannen die Walser (Alemannen) mit der Besiedelung des Tals. Die Walser, bekannt als Roderer und Kolonisten, waren verantwortlich für die Weidelandgewinnung in grossem Stil, und es folgte eine eigentliche Entwaldung. Diese war aber nicht allein das Werk der Walser, die Natur hat vermutlich ebenfalls stark mitgewirkt. Rodungen an den steilen Talflanken haben rasch dazu geführt, dass die Lawinentätigkeit stark erhöht wurde.

Aussergewöhnliche Funde

Auch erste menschlichen Spuren könne bis in die mesolithische Zeit um 6000 v. Chr. zurückverfolgt werden. In drei Vitrinen zeigt der Luzerner Archäologe Christian Auf der Maur Gegenstände wie Werkzeuge aus Bergkristall, Pfeilspitzen oder Klingen aus jener Zeit. In einer Kluft auf dem Gemeindegebiet Silenen entdeckte der Strahler Heinz Infanger 2014 auf 2800 Metern ein Hirschgeweih und Holzreste aus dem Jahre 6000 bis 5000 v. Chr. Abgerundet wird die Sonderausstellung mit einer Diashow zu den genannten Themen von Prof. Dr. Max Maisch.

Lob und Anerkennung zur Ausstellung gab es von Bildungs- und Kulturdirektor Beat Jörg. «Inzwischen ist klar, dass das Klima auf der Erde zu einem Teil von uns Menschen gemacht oder beeinflusst wird», sagte er. «Wenn unsere Gletscher komplett abschmelzen, wird das gravierende Folgen für den Wasserhaushalt haben.» Alle, nicht nur Politik und Wissenschaft, seien gefordert, Einfluss zu nehmen. Insbesondere vor der aktuellen globalen Klimadebatte sei es sehr verdienstvoll, dass sich die Sonderausstellung dem Thema Gletscher, Wald und Steinzeitmensch widme.

Georg Epp

Hinweis

Die Sonderausstellung ist in der Wintersaison (bis 10. April) jeweils von Mittwoch bis Sonntag, 16 bis 18 Uhr, geöffnet; die Sommersaison startet am 15. Juni.