ANDERMATT: Sie sorgen für ein Spektakel

Mit ohren- betäubendem Glockengeläut zogen am Chilbisamstag die Woldmanndli ins Dorf. Diesmal kamen sie kräftig ins Schwitzen.

Paul Gwerder
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Junge und Alte ziehen lautstark mit grossen Glocken als Woldmanndli durch Andermatt. (Bild Paul Gwerder)

Junge und Alte ziehen lautstark mit grossen Glocken als Woldmanndli durch Andermatt. (Bild Paul Gwerder)

Paul Gwerder

Bei prächtigem Herbstwetter und sommerlichen Temperaturen machten sich am Samstagmittag rund hundert Woldmanndli im Gurschenwald bereit. Als die Andermatter Kirchturmuhr 13 Uhr schlug, machten sich Frauen, Männer und viele Kinder, die alle sonderbare Jutesäcke übergezogen hatten, auf den Weg ins Dorf. Die meisten von ihnen trugen grosse und kleinere Tryy­chlä, mit denen sie einen ohrenbetäubenden Lärm veranstalteten. Andere bliesen kräftig in die altertümlichen Ziegenbockhörner, die einen schauerlichen Ton von sich gaben.

Mit Suppe belohnt

In den Strassen von Andermatt wurden die Woldmanndli von Hunderten Zuschauern freudig empfangen. Einmal mehr liessen sie sich dieses jährlich stattfindende Spektakel nicht entgehen. Auf der Dorfstrasse zwischen den Häusern waren die Leute gut beraten, Ohr-stöpsel zu tragen, denn der rhythmische Ton der Kuhglocken wurde in den engen Gassen noch verstärkt und ging den Leuten durch Mark und Bein. Die blechernen Glocken und die Ziegenbockhörner, in die kräftig geblasen wurde, vermischte sich zwischen den Strassen zu einer komischen, dröhnenden unrhythmischen Melodie. Nach einer grossen Dorfrunde endete der Umzug bei der Dorfbrücke, und auf dem grossen Platz daneben gab es für alle Beteiligten und Gäste eine fein schmeckende Fleischsuppe und dazu ein Getränk.

Auch Roger Nager machte mit

Vor allem Durst hatten die Männchen aus dem Wald, denn unter den Jutesäcken kamen sie bei diesem schönen Wetter arg ins Schwitzen. Bedient wurden die Leute von der St.-Nikolaus-Organisation, die aus einer 12-köpfigen Gruppe lediger Männer besteht. Inmitten der schwitzenden Woldmanndli stand auch Roger Nager, der Gemeindepräsident von Andermatt: «Seit ich laufen kann, bin ich fast immer mit den Woldmanndli ins Dorf gezogen, dies gehört einfach zu unserer Tradition und ist ein schöner Brauch.»

Unter den Woldmanndli waren auch viele Kinder auszumachen. «Ich war schon mehrmals dabei, und es macht mir riesigen Spass, bei diesem Spektakel dabei sein zu können», sagte Lia Baumann, welche mit den beiden Schwestern Elena und Jana und ihrem Vater mit den Woldmanndli ins Dorf kam.

Wald hegen und vor Frevel schützen

Besorgt um das Dorf, legten die Siedler bereits im Jahr 1397 den Schutzwald unter dem Gurschen in den Bann. Die Absicht der Bannlegung bestand wohl eindeutig darin, den noch verbliebenen Wald vor menschlichen Eingriffen zu schützen und hegend zu vermehren. Deshalb wurden damals vermutlich Taglöhner angestellt, deren Aufgabe darin bestand, vom Frühling bis Winteranbruch den eminent wichtigen Gurschenwald zu hegen und vor Holzfrevel zu bewahren. Als Schutz vor der rauen Witterung trugen sie Kleider aus Jute und zur Verständigung nutzten sie Ziegenbockhörner.

Wenn mit dem Alpabtrieb alle Menschen und Tiere zurück ins Dorf gekehrt waren, war es auch für die Woldmanndli Zeit, ihre Posten zu verlassen und heimzukehren – immer am Chilbisamstag, um Punkt 13 Uhr.

In einem sind sich heute alle Bewohner von Andermatt einig: dass die Bedeutung des Waldes unter dem Gurschen als Schutz des Dorfes heute nicht weniger wichtig ist als damals vor über 600 Jahren.