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ANDERMATT: Volksmusiker im Interview: «Man braucht den traditionellen Rucksack»

Volksmusik liegt im Trend – und manche können sogar davon leben. Der 31-jährige Fränggi Gehrig erzählt, was seine Musikrichtung ausmacht und was ihn zum Berufsmusiker in der Volksmusikszene gemacht hat.
Interview Florian Arnold
Der 31-jährige Volksmusiker Fränggi Gehrig hat im Kanton Uri viel Popularität erlangt. (Bild: Florian Arnold (Andermatt, 18. Januar 2018))

Der 31-jährige Volksmusiker Fränggi Gehrig hat im Kanton Uri viel Popularität erlangt. (Bild: Florian Arnold (Andermatt, 18. Januar 2018))

Interview Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Fränggi Gehrig, was ist eigentlich Volksmusik?

Der Begriff wird schon fast für alles verwendet, was man nicht irgendwie sonst einordnen kann. Ursprünglich war es die Musik, welche die Leute einer Region gemacht haben, ohne dass sie diese woanders gehört haben. Ein Muotathaler etwa, der vielleicht als 20-Jähriger das erste Mal nach Schwyz kam und weder Radio noch Fernseher zu Hause hatte, war keinen Einflüssen ausgesetzt. So entstand die Urmusik der Regionen.

Dann wäre es heute ja gar nicht mehr möglich, Volksmusik zu machen.

Diese Urform kann man natürlich weiterentwickeln. Seltener geworden ist die spezifische Zuordnung zu einer Region. Man ist Einflüssen ausgesetzt, ob man will oder nicht.

Wie schafft man es, Tradition und Neues unter einen Hut zu bringen?

Der Schlüssel dazu, dass die Verbindung zwischen Tradition und Neuem gelingt, ist das riesige Interesse an dem, was vorher war. Man braucht den traditionellen Rucksack, muss die Finessen kennen und wissen, wie welcher Volksmusiker getönt hat. In der Regel saugt man das als Kind auf und wächst da rein. Es gibt nur ein paar wenige Ausnahmen, die sich dieses Wissen später aneignen konnten.

Sie machen Volksmusik von Kindsbeinen an. Kam das immer gut an?

Es war mir egal, wie das meine Kollegen gefunden haben. Natürlich musste ich mir ab und zu Sprüche anhören.

Hat Sie das nicht gestört?

Es waren nie extreme Kommentare. Für mich gab es zwei Welten. Meine Kollegen haben von der Musikwelt wenig mitbekommen. Wenn man als kleiner Bub ein Stück gut spielen konnte, waren bei den Musikern alle hin und weg. Das hat mich angespornt. So kam ich auch schon früh mit Koryphäen wie Willy Valotti in Kontakt. Durch das Hören von Radio und CDs hatte ich meine Vorbilder. All das fliesst in die Musik ein, die ich heute mache.

Es gibt Traditionalisten, die Ihre Musik für zu modern halten.

Von manchen wird man einfach schubladisiert. Und dann gibt es Weitsichtigere, die merken, dass ich sehr viel Verschiedenes mache. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich auf etwas zu fixieren.

Vor allem die traditionelle Volksmusik scheint zurzeit im Trend zu liegen. Wieso zieht es gerade auch junge Leute zu den Wurzeln?

Für mich zeugt das von der Qualität, welche diese Musik hat. Sie kommt von der Region. Und es gibt viele Gruppen, die sie wahnsinnig gut spielen können. Wenn Volksmusik im Elternhaus einen Stellenwert hat, hilft auch das. Und wenn Junge untereinander darüber reden, entsteht rasch eine Szene.

Sie unterrichten junge Musikanten. Was wollen Ihre Schüler lernen?

Ich mache die Erfahrung, dass es den Schülern ziemlich egal ist, was sie spielen. Sie sind von Grund auf extrem offen. Es gibt wenige, die genaue Wünsche äussern. Gleiches stelle ich auch bei den «Jungtalentschuppen» vom Haus der Volksmusik fest. Viele Junge wissen gar nicht, was es alles gibt. Und plötzlich, wenn sie älter werden, machen sie einen grossen Schritt und finden genau ihren Stil.

Sie prägen die «Neue Volksmusik» mit. Wie stehen Sie zu dem Begriff?

Ich finde ihn falsch. Die Volksmusik ist nicht neu. Sie ist nur mehr Einflüssen ausgesetzt. Unsere Generation verarbeitet einfach das, was sie aufsaugt. Niemand versucht dabei, etwas zu verkünsteln. Vielleicht könnte man es «entwickelte Volksmusik» nennen.

Mit dieser Art von Musik bestreiten Sie den grössten Teil Ihres Lebensunterhalts. Das wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen.

Nach dem Gymi haben mir einige geraten, Musik zu studieren. Das war damals absolut keine Option. Ich habe nicht den Hauch einer Chance gesehen, dass man davon leben kann. Der Wendepunkt kam, als ich in die Szene hineingekommen bin und gemerkt habe, wie Dani Häusler oder Markus Flückiger das geschafft haben. Nach meinem Abschluss als Bauingenieur habe ich deshalb voll auf diese Karte gesetzt und Volksmusik studiert.

Sie sind sogar einer der Ersten mit einem Hochschulabschluss mit Schwerpunkt Volksmusik. Was hat das in der Musikerszene ausgelöst?

Für das Bild der Volksmusik ist es sicher hilfreich, dass man sieht, dass es auch Leute mit Hochschulabschluss gibt. Denn früher wurde Volksmusik höchstens als Plan B angesehen, wenn es mit dem Studium nicht gelingt. Jene, die in das Studium hineinsehen, müssen zugeben, dass Volksmusik alles andere als einfach ist.

Wie wichtig ist der Abschluss in Bezug auf Ihren Lebensunterhalt?

Er ist manchmal eine gute Verhandlungsbasis, wenn es um die Gage geht. Ich ziehe dann oft den Vergleich zu dem, was ein Ingenieur verdient. In 50 Prozent der Fälle kommt es aber nicht drauf an. Wenn man unterrichtet, ist es schlicht die Existenzgrundlage, einen Abschluss zu haben. Das Studium hat aber sicher auch meinen Horizont erweitert.

Viele bringen einen «Beruf» mit einer 42-Stunden-Woche in Verbindung. Wie muss man sich das bei Ihnen als Musiker vorstellen?

Ich bin ein Phasenmensch. Es gibt Tage, an denen ich sechs bis acht Stunden spiele, wenn ich Lust darauf habe. Beim Komponieren vergisst man manchmal die Zeit – und sogar einzukaufen oder zu essen. In anderen Phasen spiele ich einfach viel, weil ich vor dem Auftritt üben muss. Dann gibt es aber auch Phasen, in denen es drinliegt, sich viel Freizeit zu gönnen, gerade etwa, wenn draussen schönes Wetter ist. Dieser Spagat muss gelingen. Wenn ich lange nicht viel gespielt habe, kommt irgendwann automatisch das Bedürfnis, wieder mehr zu machen.

Es gibt Leute, die sagen, in der Volksmusik töne alles gleich. Was entgegnen Sie jeweils?

Es tönt gleich, wenn man sich nicht damit befasst. So ergeht es auch anderen, die zum Beispiel nie Techno hören. Eine Stilrichtung hat nun mal gewisse Merkmale, und es ist wichtig, dass man diese wahrnimmt. In der Volksmusik gibt es aber eine grosse Bandbreite an Tempi, Taktarten, Instrumentierungen und Finessen, auf die man achten kann.

Momentan scheint es viele zu geben, die Ihre Musik alles andere als langweilig finden. Sie geniessen viel Popularität.

Vielleicht im Kanton Uri und schweizweit in einer kleinen Szene, in der man mich kennt. Es ist schön, dass die Leute das schätzen, was wir machen.

In diesem «wir» ist auch Ihre Schwester miteingeschlossen. «Maria und Fränggi Gehrig» ist eine richtige Marke geworden.

Auch das bezieht sich wohl vor allem auf den Kanton Uri. Es ist einfach eine kleine Nische, in der wir uns bewegen. Aber es ist toll, dass wir Anklang finden.

Trauen Sie sich überhaupt, statt Ihrer Schwester je eine andere Violinistin anzufragen?

So viel spielen wir gar nicht zusammen. Aber mit ihr geht es einfach am einfachsten. Wir haben sehr viele Stunden miteinander gespielt und sind so aufeinander abgestimmt, dass es in vielen Punkten gar keine Fragen mehr gibt.

Dies wohl auch in Zukunft nicht. Was ist diesbezüglich zu erwarten?

Es wird in ähnlichem Rahmen weiterlaufen wie bisher. Ich bin bei vielen Gruppen dabei. Vermehrt möchte ich aber auf eigene Sachen setzen. Eigene Stücke, Formationen und Projekte.

Jonny Gisler bekam vor zwei Wochen den «Goldenen Uristier». Was braucht es, dass Sie einst diesen Preis erhalten?

Ich muss wohl noch ein paar Jahre älter werden (lacht). Ich bin nur ein kleiner Fisch im Vergleich zu Jonny, der die Szene massgeblich geprägt hat. Er hat seinen unverkennbaren Stil etabliert. Das bedingt eine jahrelange Entwicklung. Momentan bin ich vielerorts der Mitspieler, der vor allem als Allrounder wahrgenommen wird. Aber es reizt mich, noch mehr aus mir herauszuholen und es unter die Leute zu bringen.

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