ANNALISE RUSSI, LANDRATSPRÄSIDENTIN: «Politisieren, wo der Schuh drückt»

Annalise Russi ist eine engagierte Politikerin. Trotzdem sagt sie: «Ich will nicht missionieren.» Ihre Meinung bringt sie ein, als Landrätin, Lehrerin und Privatperson.

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Helene Cocchi-Gnos, Geschäftsleitungsmitglied Grüne Uri (links), und Annalise Russi strahlen um die Wette. (Bild Urs Hanhart/Neue UZ)

Helene Cocchi-Gnos, Geschäftsleitungsmitglied Grüne Uri (links), und Annalise Russi strahlen um die Wette. (Bild Urs Hanhart/Neue UZ)

Sie sind bekannt dafür, dass Sie offen Ihre Meinung sagen. Wird es da nicht schwierig für Sie, wenn sie als Landratspräsidentin statt aktiv Politisieren das Parlament führen und vor allem repräsentieren müssen?
Annalise Russi: Das ist das Haar in der ehrenvollen Suppe. Bei der Ratsdebatte kann ich ein Jahr lang nicht mitdiskutieren. Ich darf mich nicht zu den politischen Tagesgeschäften äussern. Anderseits habe ich als Landratspräsidentin Gelegenheit, an vielen Veranstaltungen mit ganz unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu kommen. Da werde ich selbstverständlich meine Ansichten kund tun.

Vor acht Jahren haben Sie erstmals für den Landrat kandidiert. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie es bis zur höchsten Urnerin schaffen werden?
Russi: Nein, das hätte ich damals nie gedacht. Als ich für die Wahlen 2000 erstmals kandidierte, bin ich zuerst einmal fürchterlich erschrocken, dass ich gewählt worden war.

Weshalb so bescheiden?
Russi: Als grüne Politikerin gehört man zu einer Minderheit. Da hat man es schwer, genügend Stimmen auf sich zu vereinen. Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, dass mich Altdorf nun zum dritten Mal als Landrätin gewählt hat. Es ist somit auch ein historischer Moment, dass eine Grüne höchste Urnerin sein kann.

Sorgen Sie als Landratspräsidentin für einen Aufschwung bei den Grünen?
Russi: Das wäre schön. 2000 war ich als einzige Grüne im Landrat. 2004 kam Armin Braunwalder dazu und jetzt ist auch Alf Arnold dabei. Aber bei all dem dürfen wir die Augen nicht verschliessen. Nicht nur die Links-Grünen, alle haben dasselbe Problem. Es gelingt uns nicht, junge Leute zu motivieren und mobilisieren.

Wenn es schon so schwierig ist, Menschen für Politik zu mobilisieren, müsste man da nicht vermehrt unter den Gemeinden zusammenarbeiten?
Russi: Das ist schon lange ein Anliegen meiner Fraktion. Wir müssen eine Gebietsreform angehen. Und da sollen alle, aber auch wirklich alle Urnerinnen und Urner dahinter stehen können. Die Gemeinden sollen meiner Ansicht nach möglichst viel von ihrer Eigenständigkeit behalten, aber sie müssen bereit sein, über die regionalen Grenzen hinaus zusammenzuarbeiten.

Sie sind die vierte Frau, die zur Landratspräsidentin gewählt wird. Ist das nicht zu wenig?
Russi: Das ist viel zu wenig. Im Landratsbüro müssten eigentlich nicht nur immer alle vier Fraktionen sondern auch noch gleich viele Frauen wie Männer sein. Aber bei den Wahlen im April hat das Volk andere Prioritäten gesetzt. Im Landrat verlieren wir zwei Frauen.

Was muss sich da ändern?
Russi: Es braucht viele Frauen auf der Liste und vor allem auch Wähler, die für uns stimmen. Ich bin klar für Quotenregelungen. Beginnen müsste man aber anderswo.

Wo?
Russi: In der Familie. Männer und Frauen sollen die Betreuungs- und Haushaltspflichten so verteilen, dass schon das Kleinkind mitbekommt, dass es keine eigentliche Frauen- und Männerarbeit gibt. Frauen sollten zudem immer einen Fuss im Beruf behalten. Das traditionelle Bild von Ehe und Familie ist heutzutage ein unsicheres Lebenskonzept geworden. Das belegen die hohen Scheidungsraten. Die Frau ist bei einer Trennung vielfach in einer ganz schwierigen Lage. Der Wiedereinstieg in den Beruf wird für sie schwierig. Frauen müssen die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer. Das beginnt in der Schule und in der Ausbildung. Auch ist für mich klar: Für die gleiche Arbeit muss es den gleichen Lohn geben.

Interview von Markus Zwyssig

Das ausführliche Interview lesen Sie am Dienstag in der Neuen Urner Zeitung.