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Gletscherarchäologen unter Zeitdruck: Hochalpiner Steinzeitfund wird am Oberalpstock geborgen

Archäologen haben in den vergangenen Tagen erfolgreich eine Notgrabung am Urner Brunnifirn-Gletscher durchgeführt. Die Funde gehören zu den ältesten im Eis konservierten Artefakten im Alpenraum.

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Die Archäologen führten auf dem Gemeindegebiet von Silenen im Kanton Uri im Bereich der Unteren Stremlücke zwischen dem Vorderrheintal bei Disentis/Sedrun und dem Urner Maderanertal eine Grabung durch.
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An dieser Stelle hat ein Kristallsucher im Jahr 2013 eine spezielle Entdeckung gemacht.
Der einheimische Strahler stiess in einer Kristallkluft – unmittelbar am zurückschmelzenden Brunnifirn-Gletscher – auf Holzreste, Geweihstangen und Kristallsplitter. Schnell war klar: An dieser Stelle hatten schon einmal Menschen nach Kristallen gesucht. Das Gletschereis hatte die Gegenstände während Jahrtausenden luftdicht konserviert.
Auf über 2800 Meter mussten die Archäologen bei engen Platzverhältnissen in steilem Gelände arbeiten.
Der Untergrund am Rande des Brunnifirn-Gletschers war eisig und erschwerte die Arbeit.
Da die Fundstelle aufgrund des Gletscherrückgangs der Erosion ausgesetzt ist und der Platz von Strahlern und Alpinisten begangen wird, entschieden die Archäologen, den Fundort nochmals genauer zu untersuchen – und erfreuten sich dabei sichtlich an den Fundstücken.
Ein Wettrennen gegen den Schnee: Für die Arbeiten im Gelände stand den Gletscherarchäologen nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung weil im September auf dieser Höhe aber bereits wieder mit Neuschnee gerechnet werden muss. Den ersten Schneefall gab es bereits am 30. August.

Die Archäologen führten auf dem Gemeindegebiet von Silenen im Kanton Uri im Bereich der Unteren Stremlücke zwischen dem Vorderrheintal bei Disentis/Sedrun und dem Urner Maderanertal eine Grabung durch.

Bild: Valentin Luthiger

(RIN) Die vergangenen Tage haben Archäologen in den Urner Bergen einiges abverlangt: Drei Tage, von Dienstag bis Donnerstag, befand sich ihr Arbeitsplatz im Gebirge auf einer Höhe von rund 2800 Metern über Meer. Dementsprechend dünn war die Luft, gross die körperliche Anstrengung. Hinzu kamen die engen Platzverhältnisse im steilen Gelände und der eisige Untergrund am Rande des Brunnifirn-Gletschers. Die Mitglieder des Grabungsteams mussten daher berggängig sein. Die Archäologen führten auf dem Gemeindegebiet von Silenen im Bereich der Unteren Stremlücke zwischen dem Vorderrheintal bei Disentis/Sedrun und dem Urner Maderanertal eine Grabung durch. Dies geschah im Auftrag der Fachstelle Denkmalpflege und Archäologie der Justizdirektion des Kantons Uri.

Die Geschichte nahm seinen Anfang, als ein einheimischer Kristallsucher im Jahr 2013 an jener Stelle eine spezielle Entdeckung gemacht hatte; Holzreste, Geweihstangen und Kristallsplitter. Schnell war klar: An dieser Stelle hatten schon einmal Menschen nach Kristallen gesucht. Das Gletschereis hatte die Gegenstände während Jahrtausenden luftdicht konserviert.

«Beste Chancen auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse»

Untersuchungen mittels Radiokarbondatierungen ergaben, dass Menschen die Stremlücke bereits in der Zeit von 7500 bis 5800 Jahren vor Christus begangen haben müssen – rund 4000 Jahre, bevor der berühmte Ötzi in den Südtiroler Alpen lebte. Damit würden die Funde zu den ältesten im Eis konservierten Artefakten im Alpenraum gehören, wie die Urner Justizdirektion in einer Mitteilung festhält. Für archäologische Funde sind in der Schweiz die Kantone zuständig. In Uri ist das eine bei der Justizdirektion angesiedelte Fachstelle. «Die Fundstelle birgt beste Chancen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen», sagt Christian Auf der Maur, der vom Kanton Uri beauftragte archäologischer Gutachter.

Für die Arbeiten im Gelände stand den Gletscherarchäologen nur ein kleines Zeitfenster zur Verfügung, denn die Stelle auf 2800 Meter über Meer ist jeweils erst Ende Sommer komplett schneefrei. Der erste Neuschnee dieses Jahres gab es bereits wieder am 30. August. «Wir mussten also den genau richtigen Zeitpunkt abwarten», sagt Gletscherarchäologe Marcel Cornelissen. Er leitet im Auftrag des Kantons die Arbeiten vor Ort. «Bei einer dicken Schneeschicht hätte eine Grabung keinen Sinn gemacht», so Cornelissen. Auch musste in dieser kurzen Zeit das Wetter stimmen, denn Helikopterflüge, um das geborgene Material ins Tal zu fliegen, sind nur bei klarer Sicht möglich. «Dort oben sind wir zudem Wind und Wetter ausgesetzt», sagt Cornelissen. «Bei Regen oder Gewittern könnten wir uns nirgendwohin zurückziehen. Das nächstgelegene Gebäude ist die Cavardiras-SAC-Hütte, zu der man zu Fuss mehr als eine Stunde benötigt.

Urner Institut wird geborgenes Material untersuchen

Die Archäologen haben in den vergangenen Tagen einen Sondiergraben am Abhang unterhalb der Kluft erstellt. Ziel war es, mögliche Reste von mehreren Tausend Jahre alten Abfallschichten aus der Zeit der ersten Strahler zu finden. Eindeutige Ergebnisse werden erst nach Analyse der organischen Bestandteile aus den Erdproben vorliegen, wie die Justizdirektion weiter schreibt. Zudem wurde das Schuttmaterial rund um die Kristallkluft in grosse Säcke für die anschliessende Fundschlämmung gefüllt. Daraus gewonnene Funde würden dank ihrer Form und Herstellungsweise helfen, genauere Daten zum Abbauvorgang von Bergkristall und ganz allgemein zur Lebensweise der damaligen Menschen zu liefern.

Das Urner Institut Kulturen der Alpen an der Universität Luzern in Altdorf wird dieses Material in den kommenden Monaten wissenschaftlich aufarbeiten. Die Projektverantwortlichen des Instituts «Kulturen der Alpen» erhoffen sich viel von dieser Fleissarbeit. «Wir erwarten, dass wir mehr über die Geschichte des Strahlerwesens lernen können. Diese heute noch lebendige Tradition ist offenbar Tausende von Jahren alt», sagt Romed Aschwanden, Geschäftsführer des Instituts Kulturen der Alpen. «Zudem wissen wir auch über die steinzeitliche Gesellschaft in den Alpen noch sehr wenig.» Überdies möchten die Forscher, Aufschlüsse über die Klima- und Gletschergeschichte erhalten. Erste Untersuchungsresultate sind Ende 2021 zu erwarten.

Kristallkluft steht in einem grösseren Kontext

Bereits 2015 und 2017 führte der Archäologische Dienst des Kantons Graubünden in Zusammenarbeit mit der Urner Denkmalpflege- und Archäologie-Fachstelle erste Untersuchungen in der Kristallkluft durch. Die damaligen Funde offenbarten, dass die Menschen in der Mittelsteinzeit die Kristalle gleich vor Ort weiterverarbeitet hatten. Sie stellten aus den Bergkristallen Werkzeuge her. So fanden die Archäologen bei der Stremlücke beispielsweise Klingen, Pfeilspitzen, Bohrer und Kratzer – teilweise kaum grösser als zwei Zentimeter. «Wir glauben, dass die Kristallkluft in einem grösseren Kontext steht», sagt Romed Aschwanden. «An diversen anderen Orten im Kanton Uri und im benachbarten Alpenraum fanden Archäologen in den vergangenen Jahrzehnten Spuren, die auf eine Kristallverarbeitung hindeuten.»

Das Urner Institut «Kulturen der Alpen» an der Universität Luzern befindet sich an der Dätwylerstrasse 25 in Altdorf und ist seit November 2019 in Betrieb. Der Kanton Uri und die Universität Luzern bauen es gemeinsam auf, um verschiedene Forschungsprojekte mit regionalen und gesamtalpinen Fragestellungen im Kontext globaler Herausforderungen durchzuführen.

Funde am Gletscher müssen gemeldet werden

Um die klimatisch bedrohten Funde – das konservierende Gletschereis zieht sich zurück – sicherzustellen, sind Archäologen auf die Unterstützung und Informationen von Wanderern, Mountainbikern, Strahlern oder Jägern angewiesen: Sie werden angehalten, Fundgegenstände zu fotografieren, zu markieren und den genauen Standort den entsprechenden archäologischen Fachstellen oder Behörden mitzuteilen, wie die Justizdirektion schreibt. Funde sollten nur dann mitgenommen werden, wenn sie unmittelbar bedroht sind oder der Ort nicht wiedergefunden werden kann.

Die Kontaktdaten der zuständigen Fachstellen findet man online unter www.archaelogie.ch oder www.alparch.ch. Für Uri befinden sich diese Angaben unter www.ur.ch/unterinstanzen/1324.

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