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Dölf Mathis: als Nidwaldner Wildhüter oft auf der Spur der Wilderer

«Jäger, Tiere, Wilderer – Handwerk und Legenden in Nidwalden»: So heisst der Titel einer Ausstellung in Stans. Sie dürfte auch viele Urner interessieren – nicht zuletzt, weil sie Dölf Mathis kennen.
Christof Hirtler
Noch heute ist der auch im Urnerland als ehemaliger Nidwaldner Wildhüter, aber auch als Slalomfahrer und treffsicherer Schütze bestens bekannte Dölf Mathis noch täglich im Wald unterwegs. (Bild: Christof Hirtler, Oberrickenbach, April 2019)

Noch heute ist der auch im Urnerland als ehemaliger Nidwaldner Wildhüter, aber auch als Slalomfahrer und treffsicherer Schütze bestens bekannte Dölf Mathis noch täglich im Wald unterwegs. (Bild: Christof Hirtler, Oberrickenbach, April 2019)

In Nidwalden, viel länger als in der übrigen Schweiz, war die Jagd frei: Gämsen, Steinböcke, Hirsche und Rehe waren fast ausgerottet. Mit dem Bundesgesetz für Jagd- und Vogelschutz wurde 1875 die Jagdzeit massiv eingeschränkt und in den Banngebieten vollständig verboten. Kantonale Wildhüter überwachten die Jagd und bekämpften die Wilderei. In Nidwalden gingen aber viele Jäger weiterhin ausserhalb der erlaubten Jagdzeit auf Jagd. Sie wurden von der Bevölkerung als abenteuerliche, mutige Gesetzesbrecher bewundert.

Die Konflikte zwischen Wilderern und Wildhütern beschränkten sich auf harmloses Geplänkel – bis am 14. Oktober 1899. An diesem Tag erschoss der Nidwaldner Zimmermann Adolf Scheuber aus Wolfenschiessen den Obwaldner Wildhüter Werner Durrer und dessen Sohn Joseph Durrer im Jagdbanngebiet auf der Gruobialp im Kanton Obwalden. Nach seiner Festnahme gelang Scheuber die Flucht ins Ausland. Er wurde nie gefasst. Die letzte gesicherte Spur verlor sich 1901 in Uruguay.

Auch Mathis ist mit Fall Scheuber vertraut

Der Fall Scheuber beschäftigte nicht nur die Zeitgenossen, sondern auch die nachfolgenden Generationen. Die Brutalität der Tat, die Flucht des Mörders und das rätselhafte Untertauchen waren aussergewöhnlich und lassen noch heute viel Raum für Spekulationen und Vermutungen. Der Kult um die Scheuber-Affäre wird auch in der Ausstellung «Jäger, Tiere, Wilderer – Handwerk und Legenden in Nidwalden» aufgegriffen, die zurzeit im Nidwaldner Museum in Stans zu sehen ist. Mit dem «Fall Scheuber» ist auch der heute 81-jährige Dölf Mathis vertraut. Der pensionierte Wildhüter wohnt zuhinterst im malerischen Bergdorf Oberrickenbach. Seine Frau, Theres Mathis-Planzer, stammt aus dem Riedertal. Mathis, aufgewachsen mit sechs Geschwistern auf dem Bergbauernhof Fell, schaute im Sommer auf der Eigenalp Schindelboden zu Kühen und Rindern, im Winter trainierte er Slalom – direkt beim Haus, ohne Skilift, ohne Piste. Sechsmal wurde er Schweizer Meister im Slalom, 1962 gewann er den Lauberhorn-Slalom, wurde «Sportler des Jahres».

Dölf Mathis war als Skirennfahrer Weltklasse. 1962 gewann er den Lauberhorn-Slalom. (Bild: PD)

Dölf Mathis war als Skirennfahrer Weltklasse. 1962 gewann er den Lauberhorn-Slalom. (Bild: PD)

Den halben Halbkanton abgedeckt

Am 1. August 1964 wurde Mathis im Alter von 26 Jahren vom Landrat des Kantons Nidwalden als Wildhüter gewählt und vereidigt. Seine Aufgabe: die Überwachung des Eidgenössischen Banngebiets Huetstock. Dieses erstreckt sich von Trübsee oberhalb von Engelberg über den Graustock, den Huetstock, das Widderfeld bis zum Stanserhorn. Es macht rund die Hälfte des 276 km2 umfassenden Halbkantons aus. Bei seinen Kontrollgängen war er meist allein unterwegs, zu Fuss oder auf Skiern. Jeden Abend schrieb er pflichtbewusst seine Wegstrecken und Beobachtungen in sein Rapportbuch.

Die Gebrüder Arnold starben 1950 beim Wildern in einer Lawine. Im Juni 1950 wurden sie nach der Schneeschmelze geborgen, eingesargt und ins Tal getragen. (Bild: PD)

Die Gebrüder Arnold starben 1950 beim Wildern in einer Lawine. Im Juni 1950 wurden sie nach der Schneeschmelze geborgen, eingesargt und ins Tal getragen. (Bild: PD)

Dölf Mathis weiss von mehreren Ereignissen, bei denen Wilderer getötet wurden. Zwei Fälle sind Gegenstand eines Dokumentarfilms: «Im Januar 1950 kamen Josef Arnold und Franz Arnold, ein Onkel von mir, beim Wildern in eine Lawine. Gefunden hat man sie erst im Juni nach der Schneeschmelze», erzählt Mathis. «Am 27. Oktober 1979 fand man Jost Arnold erschossen in seinem Bett auf der Alp Lauchern. Die Todesumstände wurden nie aufgeklärt, das gab Anlass zu Spekulationen.

«Die Jagd nach Wilderern glich einem Katz-und-Maus-Spiel», berichtet Mathis. «Die Wilderer beobachteten den Wildhüter und umgekehrt. Alles wurde genau registriert. Die Wilderer achteten genau, wo das Auto des Wildhüters stand. Sie hüteten sich, in der Nähe zu jagen. Als ich einmal einen dreitägigen Wildhüterkurs besuchte, stellte ich darum jeden Tag mein Auto genau dorthin, wo die ‹Schlimmsten› in dieser Gegend wohnten. Ich war tagsüber weg und für die Wilderer trotzdem präsent.»

Das weisse Leintuch warnt die Wilderer

In den 1950er-Jahren besassen die wenigsten Haushalte in Oberrickenbach ein Telefon. Die Familien der Wilderer setzten darum Zeichen. Waren die Polizei oder der Wildhüter in der Nähe, hängte man beim Haus ein weisses Leintuch an die Wäscheleine. Die Wilderer gingen am Morgen früh aus dem Haus, schossen ein Tier, nahmen es aus und hängten es irgendwo in einen Stall. Tagsüber besuchten sie zum Beispiel einen Viehmarkt, wurden gesehen und hatten so ein Alibi. Nachts holten sie das Tier und brachten es nach Hause.

«Am meisten wurde nach der Jagd gewildert», sagt Dölf Mathis. «Die Bauern gingen im Winter in den Wald zum Holzen. Einige hatten immer ein Gewehr dabei. Sie holzten und schossen illegal Tiere. Viele wurden gar nie erwischt. Oft jagten die Wilderer in Gruppen, hatten ihre Taktik und Ablenkungsmanöver. Wenn jemand mit mir auf einen Kon- trollgang wollte, war ich gewarnt. Meist war dies nur ein Vorwand. Die Wilderer wussten so, in welchem Gebiet der Wildhüter unterwegs war und konnten anderswo ungestört Tiere jagen.»

Wilderer stellen war gefährlich

«Wildern ist eine Sucht. Es gab Wilderer, die haben sogar Gämsblut getrunken. Wilderer stellen, war gefährlich. Dazu brauchte es Psychologie und überlegtes, ruhiges Handeln. Man musste mit Affekthandlungen rechnen. Ich ging darum nie direkt auf die Person zu. Einmal hörte ich ausserhalb der Jagdzeit im Laucherngebiet zwei Schüsse. In der Nacht fuhr ich auf gut Glück dorthin, wo ich den Wilderer vermutete. Ich wartete in der Nähe eines kleinen Stalles, rund 20 Meter entfernt in einem Versteck. Nach rund zwei Stunden sah ich das Licht einer Stirnlampe. Ein Mann tauchte auf, stieg die Leiter beim Stall hoch. Auf dem Rücken trug er eine Gämse. In diesen Moment habe ich ihn angesprochen. Er kam auf mich zu, legte die Gämse auf den Boden. Ich machte Rapport und nahm das Tier mit.» Meist stellte jedoch Mathis die Wilderer nicht selber, er informierte die Polizei, die dann daheim auf den Wilderer wartete.

«In den 1970er-Jahren bekam ich vom Kanton ein Funkgerät und hatte so direkten Kontakt mit der Polizei. Erhielt meine Frau daheim einen Anruf, hat sie auf den Polizeiposten telefoniert, und die Polizei hat mir nachgefunkt. Ich konnte so verschiedene Aufgaben erledigen, wenn ich in der Nähe war. Und meine Frau wusste, wo ich war und musste sich weniger Sorgen machen. Daheim hatten wir keinen Funk, die Kommunikation nach Hause funktionierte nur über die Polizei und war ziemlich kompliziert. Später kaufte ich mir ein Natel.»

«Ich kannte einen im Gebiet Arni, den packte das Jagdfieber bereits im August. Er musste auf die Jagd, ein, zwei Tage. Er war ein Getriebener. Danach hatte er wieder ein paar Tage Ruhe. Als ich ihm einmal nach einem Hegeabschuss eine alte Gämse zeigte, meinte er nur trocken: «Früher wären die nie so alt geworden.»

Die Gämsen sind seine Lieblingstiere

In der Stube von Dölf Mathis hängen – neben einem riesigen Kranzkasten voller Medaillen, Pokalen und Abzeichen – Geweihe und Köpfe ausgestopfter Gämsen. Das sind seine Lieblingstiere. Lebendige Rehe, Gämsen, Hirsche und Steinböcke kann er von seiner Terrasse aus beobachten. Mathis zeigt ein Foto eines Luchses. «Mitten am Tag spazierte ein Luchs vorbei, ich konnte ihn durchs Fernrohr fotografieren.» Auf einem anderen Bild ist der Wildhüter mit einem Adler zu sehen. «Ich bekam ein Telefon. In der Obermatt bei Mettlen sei ein Steinadler in ein Seil geflogen. Ich habe den Adler heimgenommen und ins Auto gesetzt. Plötzlich sass er auf dem Rücksitz auf der Lehne. Er war ein wenig beduselt, gemacht hat er mir nichts. Der Adler musste ins Tierspital. Nach einem Monat habe ich ihn am gleichen Ort wieder ausgesetzt, wo ich ihn gefunden habe. Plötzlich kam ein zweiter Adler, ein Weibchen, das auf ihn gewartet hatte. Zusammen sind sie Richtung Arnitobel geflogen.»

39 Jahre lang war Dölf Mathis Wildhüter. Nie hätte er sich eine andere Arbeit vorstellen können. Vor 20 Jahren kaufte sich er sich einen Schilter mit Seilwinde zum Holzen. Fast jeden Tag verbringt der ehemalige Wildhüter im Wald, zur Aufbereitung von Brennholz für den Eigenbedarf. Er fällt im Auftrag Weisstannen oder Mondholz und ist Schindelmacher. Immer dabei ist sein Feldstecher – vielleicht streift ja wieder Mal ein Luchs vorbei.

«Jäger, Tiere, Wilderer – Handwerk und Legenden in Nidwalden»: Ausstellung im Nidwaldner Museum in Stans vom 6. April bis 27. Oktober; Öffnungszeiten: Mittwoch, 14 bis 20 Uhr; Donnerstag bis Samstag, 14 bis 17 Uhr; Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Mehr Infos online

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