AUGENSCHEIN: Asyldebakel hat neue Ideen nach Seelisberg gebracht

Statt einer Asylunterkunft ist das ehemalige Hotel Löwen heute ein Kurhaus. Mit der Methode der berührungslosen Behandlung scheinen jedoch nicht alle Einheimischen gleich viel anfangen zu können.

Florian Arnold
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Irene Zwyssig kümmert sich um die Blumen auf einem Balkon des ehemaligen Hotels Löwen. (Bild: Philipp Schmidli (Seelisberg, 4. August 2017))

Irene Zwyssig kümmert sich um die Blumen auf einem Balkon des ehemaligen Hotels Löwen. (Bild: Philipp Schmidli (Seelisberg, 4. August 2017))

Und plötzlich blickte im August 2016 die ganze Schweiz auf das 700-Seelen-Dorf. Dass sich die Seelisberger gegen die Regierung auflehnten, die das Hotel Löwen in eine Asylunterkunft umfunktionieren wollte, sorgte überall für Schlagzeilen. «Es war eine intensive und heftige Zeit», erinnert sich Christoph Näpflin von Seelisberg Tourismus, der die Sprecherrolle der Interessengemeinschaft «Vernünftige Asyllösung für Seelisberg» übernahm.

«In unserem Dorf gab es plötzlich eine grosse Angst», so Näpflin. Vor allem Eltern fürchteten sich davor, dass gleich neben der Schule rund 60 Asylsuchende hätten einquartiert werden sollen – und erst noch vorwiegend alleinstehende Männer. Erst im Oktober wurden die Pläne offiziell verworfen, nachdem man sich an einem runden Tisch ausgetauscht hatte. «Wenn man früher miteinander gesprochen hätte, wäre von Anfang an herausgekommen, dass der ‹Löwen› für eine Asylunterkunft ungeeignet ist», glaubt Näpflin. Trotz allem verbindet er den Vorfall im August 2016 nicht nur mit negativen Gefühlen: «Die Sache hat uns gezeigt, dass die Seelisberger zusammenstehen, wenn es darauf ankommt, und dass Probleme mit allen Beteiligten angegangen werden müssen.»

Von «so nicht» zum neuen Konzept

Heute schielt kein Löwe mehr von der weissen Fassade des Baus. Ein grünlich-gelbes Sternlogo und die Aufschrift «Kurhuus Capella» deutet die Veränderung im ehemaligen Hotel an. «Dank des unvernünftigen Asylvorschlags ist hier etwas Vernünftiges, Gesundheitsförderndes und Humanitäres entstanden», sagt Mitinitiantin Irene Zwyssig. Sie ist jene Frau, die an der ge­scheiterten Informationsveranstaltung im August 2016 das Wort ergriff: «So nicht, Frau Regierungsrätin», unterbrach sie Sozialdirektorin Barbara Bär bei ihren Ausführungen und setzte zu einer flammenden Rede an. Die Veranstaltung musste schliesslich abgebrochen werden, ohne dass Bär ihr Konzept vorstellen konnte. Wenige Wochen nach der Veranstaltung ha­be sie gemeinsam mit anderen Interessierten eine neue Idee für den «Löwen» entworfen, erinnert sich Irene Zwyssig. Nach der Aufbauphase wurde im Februar der gemeinnützige Verein Kur­huus Capella gegründet. Seitdem gehen Gäste ein und aus. Alles andere basiert auf Freiwilligenarbeit. «Um diese vollumfänglichen Arbeiten nachhaltig weiterführen und die Betriebskosten abdecken zu können, ist der Verein nebst Kost und Logis auf Beiträge der Gäste angewiesen», sagt Irene Zwyssig.

Gehbehinderte Menschen, die in kurzer Zeit wieder auf den Beinen stehen, Rheumapatienten, die schmerzfrei werden, Depressive, die Zuversicht und neuen Lebensmut finden: All dies sei im «Capella» zu beobachten, sagt Zwyssig. Wie ihre selber entwickelte Behandlung genau abläuft, erfahre jeder Gast vor Ort, sagt die Mutter von vier Kindern, die seit 33 Jahren in Seelisberg wohnt. Sie stelle mit einem erhöhten messbaren Energielevel die «Ordnung im System der Klienten» wieder her, und dies, ohne sie zu berühren. Die Selbstheilung werde dadurch wieder in Gang gesetzt. «Einfach gesagt kommen die Leute traurig und mutlos zu uns und verlassen nach ein paar Tagen guten Mutes das Haus.»

In Seelisberg ist jedoch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Kurhuus Capella zu spüren. «Die Neugierde im Dorf hält sich in Grenzen. Bis anhin sind wenige freiwillige Einheimische interessiert», sagt Zwyssig. Weiter war im Projekt enthalten, dass im Haus vier bis acht Asylsuchende hätten gut beschäftigt werden können. Doch weder das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) noch die Regierung hätten auf das ausgearbeitete Projekt je reagiert.

«Es dürfte allen gedient sein»

«Weder beim SRK noch beim Amt für Arbeit und Migration ist ein Gesuch des Kurhauses für die Beschäftigung von Personen aus dem Asylbereich eingegangen», sagt Regierungsrätin Barbara Bär. Das Projekt im ehemaligen «Löwen» sei privat und deshalb nicht bewilligungspflichtig. «Wenn sich die Räumlichkeiten des ‹Löwen› eignen und sich die Gäste dort wohl fühlen, dürfte allen gedient sein», so Bär.

Auf die Ereignisse vom August 2016 blickt die Regierungsrätin mittlerweile nüchtern zurück. «Sie haben allen bewusst gemacht, dass die Herausforderungen des Asyl- und Flüchtlingswesens nur gemeinsam bewältigt werden können.» Deshalb sei im vergangenen Jahr zusammen mit den Gemeinden eine Gesamtschau Asylwesen und ein Leitbild Asyl Uri erarbeitet worden. «Diese konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema ‹Asyl und Flüchtlinge› hat die Zusammenarbeit und das gegenseitige Vertrauen zwischen Kanton und Gemeinden gestärkt.» Man habe ein Fundament geschaffen, um künftige Aufgaben gemeinsam zu lösen. Persönlich möge sie Seelisberg nach wie vor sehr gut.

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch