Sommerserie: «Mein Lieblingsplatz» Aussicht lässt Strapazen vergessen

Der «Lieblingsplatz» von UZ-Redaktor Philipp Zurfluh bietet einen fantastischen Panoramablick. Der Ort erinnert auch an seinen Vater.

Philipp Zurfluh
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Der Rophaien bietet einen atemberaubenden Rundblick. Die Sicht reicht bis nach Luzern. (Bild: Philipp Zurfluh, 30. Juli 2019)

Der Rophaien bietet einen atemberaubenden Rundblick. Die Sicht reicht bis nach Luzern. (Bild: Philipp Zurfluh, 30. Juli 2019)

Um gleich eines vorwegzunehmen: Mich als Gipfelstürmer zu bezeichnen, wäre eine masslose Übertreibung. Während ich als Kind mit der Familie immer mal wieder in den Bergen unterwegs bin – wohl meistens notgedrungen – und mir mein Vater die schönsten Flecken im Kanton Uri zeigt, ist die Lust am Wandern im letzten Jahrzehnt deutlich zurückgegangen. So stehen andere Sportarten an der Tagesordnung. Das Erkunden von Gipfeln und Seen rückt mehr denn je in den Hintergrund.

Vor kurzem heisst die Devise aber wieder: Wanderschuhe überziehen und ab in die Höhe. Angekommen an der Bergstation der Seilbahn Ruogig geht’s mit einem rund 15-minütigen Fussmarsch weiter zum idyllischen Fleschsee. Kurz bevor ich diesen erreiche, der nebst mehreren Feuerstellen zum Verweilen einlädt, höre ich plötzlich meinen Namen rufen. Was ich nicht für möglich gehalten habe, wird Tatsache. Ich treffe auf einen guten Freund, der zusammen mit seiner Freundin auf der Terrasse verweilt, die einen wunderbaren Blick auf das Schächental sowie die Rophaienkette bietet. Nach einer kleinen Stärkung nehme ich die verbleibende Strecke unter die Füsse.

Die Schweissperlen machen sich bezahlt

Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen führt der Weg an der Alp Schön Chulm vorbei. Das Gelände wird steiler und anspruchsvoller. Auf der Gratwanderung Richtung Rophaien schweift mein Blick immer wieder nach links und rechts. Was für ein wunderbares Panorama! Die Schweissperlen, die sich auf meinem Gesicht bilden, machen sich bezahlt, denke ich mir. Doch noch ist es nicht geschafft. Berggänger sind wenig unterwegs, die meisten weilen wohl irgendwo in den Sommerferien. Von weitem erblicke ich das Rophaienkreuz, nur noch wenige hundert Meter Fussmarsch, gleich ist es geschafft.

Hoch über dem Urnersee gelegen, belohnt der Rophaien den Wanderer mit einer herrlichen Aussicht über den Vierwaldstättersee. Der Blick von dieser Gipfelwarte aus lässt die Mühen des rund zweistündigen Aufstieges rasch vergessen. Die Panoramasicht bietet so einiges: In der Tiefe schimmert der See in schönem Türkis. Im Westen sieht man die Autobahn A2, wie sie sich vom Seelisbergtunnel herkommend Richtung Erstfeldertal schlängelt. Schweift der Blick weiter Richtung Osten, so erkennt man Isleten, Isenthal, Bauen und das Rütli. Darüber liegt wie auf einer Terrasse Seelisberg. Die Sicht reicht bis nach Luzern, auch der Pilatus ist zu erkennen.

Philipp Zurfluh geniesst die Aussicht auf die Urner Bergwelt. (Bild: PD)

Philipp Zurfluh geniesst die Aussicht auf die Urner Bergwelt. (Bild: PD)

Ein einzigartiges Gipfelkreuz mit einer langen Geschichte

Die Geschichte des weithin sichtbaren und markanten Kreuzes auf dem Rophaien ist lang und bringt viele Anekdoten mit sich: Früher gab es in Uri ursprünglich nur drei mit allen Rechten ausgestattete Pfarrkirchen: Altdorf, Silenen und Bürglen. Flüelen wird Altdorf zugeordnet. Am 16. November 1964 wird in Flüelen die eigene Kirche St. Georg vom päpstlichen Nuntius Fredericus Borromäus, einem Verwandten des heiligen Karl Borromäus, eingeweiht. Somit konnte sich Flüelen kirchlich ganz von Altdorf loslösen. 1964 wird das 300-jährige Bestehen der Kirche St.Georg gefeiert. Dieses Ereignis liefert der katholischen Jungmannschaft Flüelen den Grundgedanken, auf dem 2078 Meter hohen Flüeler Hausberg ein Kreuz zu errichten.

Mit dabei ist auch mein Vater. Er lebt in seiner Jugend in Flüelen und als junger Erwachsener beteiligt er sich mit rund 70 weiteren Personen mit viel Herzblut an dieser Herausforderung. «Schau mal, ich habe geholfen, dieses Kreuz dort oben auf den Berg zu tragen», sagte mein Vater zu mir, als ich noch klein bin. Am 1. August 1965 wird das 10,4 Meter hohe Kreuz aufgebaut – eine Herkulesaufgabe. Sämtliche schweren Einzelteile mussten auf dem Rücken von der Stockalp (1705 Meter über Meer) auf den Gipfel getragen werden. Das Material wird auf 1,5 Tonnen geschätzt. Am 10. Oktober wird das Kreuz feierlich eingeweiht – das später auch mein Geburtstag werden sollte.

Nicht wie heute müssen damals noch keine aufwendigen und zeitraubenden Baubewilligungen eingeholt werden. Wie in der Jubiläumsschrift der IG Pro Rophaienkreuz zu lesen ist, begnügte man sich mit einer Orientierung der Gemeindebehörden sowie des Amtes für Luftfahrt, weil eine Flugroute über den Rophaien verlief.

Am 1. August 1965 wurde das 10,4 Meter hohe Kreuz aufgebaut. (Bild: Philipp Zurfluh, 30. Juli 2019)

Am 1. August 1965 wurde das 10,4 Meter hohe Kreuz aufgebaut. (Bild: Philipp Zurfluh, 30. Juli 2019)

Neu werden auf dem Rophaien LED-Lampen eingesetzt

Auch das Flüeler Wahrzeichen ist dem Zahn der Zeit ausgesetzt. Blitzeinschläge fügen dem Konstrukt immer wieder Schaden zu. Deshalb wird das Kreuz 1979 abgebaut und nach Flüelen transportiert. Es wird in der Folge gründlich saniert und später mit einem Helikopter wieder an seinen ursprünglichen Standort zurückversetzt. Dem Ideenreichtum der Flüeler sind keine Grenzen gesetzt: Sie wollen, dass das Monument jeweils am 1. August zum Leuchten gebracht wird. Seit 1969 wird das Kreuz mit Neonröhren und mit Hilfe eines Stromaggregates beleuchtet. Seit ein paar Jahren sind Testversuche im Gang, um mit LED-Licht die Beleuchtung zu vereinfachen.

Der Rückweg ist weniger anspruchsvoll, es geht rasch vorwärts. Wie es der Zufall so will, treffe ich auf einen Schwyzer, mit dem ich in früheren Jahren zusammen in Altdorf Fussball gespielt habe. Rückblickend erstaunt mich nicht, dass das Wandern generationenübergreifend eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten ist. Ein Ausflug in die Berge bietet Erholung und Entspannung und lässt die Alltagssorgen vergessen. Dennoch wird sich die Leidenschaft für das Wandern wohl weiterhin in Grenzen halten.