AUSSTELLUNG: Amerika-Verwandtschaft kehrt zurück

«Uris Rindviecher und ihre Geschichte», so lautet der Titel der Sommerausstellung 2017 im Historischen Museum Uri. In einer dreiteiligen Serie liefert unsere Zeitung Wissenswertes zu dieser Thematik.

Rolf Gisler-Jauch
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Im 20. Jahrhundert wurde Braunvieh nach Nordamerika exportiert und zur Milchproduktion gezüchtet. Als dieses Zuchtziel auch in Uri ein Thema wurde, kehrten die amerikanischen «Schwestern» auch auf den Hof von Karl Herger-Kempf in Schattdorf zurück.

Im 20. Jahrhundert wurde Braunvieh nach Nordamerika exportiert und zur Milchproduktion gezüchtet. Als dieses Zuchtziel auch in Uri ein Thema wurde, kehrten die amerikanischen «Schwestern» auch auf den Hof von Karl Herger-Kempf in Schattdorf zurück.

Rolf Gisler-Jauch

redaktion@urnerzeitung.ch

Mit dem Einzug der Motorkraft in der Landwirtschaft hatte das Rindvieh als Zugtier ausgedient (siehe Teil 1 in der UZ vom 31. Juli). Die klassische Dreinutzung wurde ab den 1960er-Jahren vor allem auf die Milchproduktion reduziert. Die Viehzucht konzentrierte sich auf die Steigerung der Milchleistung. Dies sollte neben der künstlichen Besamung (KB) mit der Einkreuzung ausländischer Milchrassen erreicht werden. Mit der Verdrängungskreuzung kamen jedoch die traditionellen einheimischen Rassen in Bedrängnis.

Zur Steigerung der Milchleistung beim einheimischen Vieh wurde die Milchleistungsprüfung (MLP) ausgebaut. Parallel dazu wurde die künstliche Besamung für diejenigen Züchter von Interesse, welche die Milchleistung erhöhen wollten. Die beiden grossen Zuchtverbände des Simmentaler Fleckviehs und des Braunviehs begegneten der KB anfänglich grossmehrheitlich mit Skepsis oder gar mit offener Ablehnung. Die künstliche Besamung stellte letztlich das Zuchtziel der Mehrfachnutzungskuh in Frage, weil sie sich besonders gut zur Steigerung der einseitigen Zuchtziele (Fleisch- oder Milchproduktion) eignete. Es wurde befürchtet, dass mit der Einführung der KB die «Gebirgstüchtigkeit» aller Rassen in der Schweiz verloren gehen könnte. Man argumentierte damit, dass auf den klein- und mittelbäuerlich geprägten Landwirtschaftsbetrieben die Futtergrundlage für die Haltung einseitiger Leistungstiere gar nicht vorhanden sei, was Zukäufe sowie den vermehrten Einsatz von Kraftfutter nach sich ziehen würde.

Das Prinzip der Reinzucht gerät unter Druck

Weil bei der KB der Samen über weite Distanzen transportiert werden konnte, kam auch das Prinzip der Reinzucht unter Druck. Die Zuchtverbände wehrten sich bis Mitte der 1960er-Jahre gegen die Kreuzung von schweizerischen Mehrfachnutzungsrassen mit ausländischen Milch- oder Mastrassen und setzten sich für die Beibehaltung der Rassengebiete ein. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre setzte ein Gesinnungswandel ein. Die KB wurde akzeptiert. Sachlich entscheidend war dabei der Ausbau der Nachzuchtprüfungen (NZP), die dank des Einsatzes von tiefgefrorenem Samen in einem grossen Umfang möglich wurden. Mit der NZP konnten die Vererbungseigenschaften von Stieren an den Leistungen der Nachkommen empirisch überprüft und gezielte Paarungen mit leistungserprobten Kühen durchgeführt werden.

Die Einkreuzung beginnt schwarz-weiss gefleckt

Die einheimischen Schwarzfleckvieh-Herden (Freiburger) hatten zu diesem Zeitpunkt nur noch in einigen Regionen der Kantone Freiburg, Neuenburg und Basel Bestand. Das Überleben der Rasse war gefährdet, da keine neuen Genossenschaften mehr gegründet werden konnten. Als Folge der Bestandesabnahme nahm der Blutverwandtschaftsgrad stark zu. So kam der Erbfehler, der auf einen einzelnen Stier zurückging, immer häufiger vor, und die Lage der Rasse war mehr als prekär.

Um diesen Erbfehler beim Freiburger Schwarzfleckvieh zu beheben, erlaubten die Bundesbehörden in den 1950er- und 1960er-Jahren erstmals die Paarung von Freiburger Schwarzfleckkühen mit Stieren der milchbetonten Holstein-Friesen-Rasse. Die erzielten Fortschritte in der Milchleistung hatten zur Folge, dass die auf eine Mehrfachnutzung ausgerichtete Freiburger Schwarzfleckviehrasse innerhalb von 15 Jahren vollständig ersetzt wurde. Das Streben nach Reinrassigkeit geriet dann auch beim Simmentaler Fleckvieh unter Druck. Der Import von Montbéliard-Vieh und -Samen blieb verboten. Man wich im Waadtländer Jura somit illegal nach Frankreich aus. So kam es zum «Guerre des Vaches». Das Verbot, Tiere unterschiedlicher Rassen zu kreuzen, wurde 1966 aufgehoben.

Die gewonnenen Resultate der Kreuzungsversuche führten dazu, dass bei den Züchtern die Vorstellungen vom besonderen Wert der Rassenreinheit zu verblassen begannen. Die steigende Nachfrage nach entweder milch- oder fleischbetonten Tieren führte dazu, dass die Züchter das entsprechende Erbgut über die Kreuzung mit Milch- oder Fleischrassen erreichen wollten. Die Gesetzgebung wurde dem geänderten Bedürfnis angepasst. So wurden die Schwarzfleck-Rinder nun mit milchbetonten Holstein-Stieren aus Nordamerika gekreuzt. Die Entwicklung war rasant.

Temperamentvoll und gute Futterverwerter

Um 1980 begann auch die Familie Tresch in Attinghausen zur Holstein-Rasse zu wechseln. Man war mit der Milchleistung des Braunviehs nicht mehr zufrieden gewesen. Franz Tresch ist von seinen schwarz-weiss gefleckten Kühen begeistert, denn er will «Chiäh, wo Pfütz hennt». Die Holstein-Kühe seien temperamentvoll und sehr gute Futterverwerter. Wegen der starken Verbreitung der Rasse habe er bei der Zucht auch eine genetische Sicherheit. Die Holstein-Kuh Decrausaz Iron O’Kalibra aus dem ehemaligen Stall der Brüder Tino und Valo Gisler, Bürglen, (GS Alliance, Familie Steiner) wurde 2013 und 2016 gar Weltsiegerin.

Beim Braunvieh stand bis in die 1970er-Jahre die Vielseitigkeit im Vordergrund. Einzelne Züchter hatten jedoch genug von den «Schaukühen» und gaben den Produktionstypen den Vorrang. Die Euter sollten den Melkmaschinen angepasst werden, und zugleich musste die Milchleistung gesteigert werden, um auch mit den anderen Milchrassen konkurrieren zu können. Um dies zu erreichen, wurden seit Mitte der 1960er-Jahre in Nordamerika gezüchtete Brown-Swiss in die einheimische Braunvieh- rasse eingekreuzt.

Eine Vereinigung gibt Gegensteuer

Im Gegensatz zum Fleckvieh wurden bei der Kreuzung von Braunvieh Tiere verwendet, die in Nordamerika zwar zur Milchproduktion gezüchtet wurden, jedoch ursprünglich der gleichen Rasse entstammten. Die sichtbaren Verbesserungen der ersten Brown-Swiss-Kühe führten auch dank der künstlichen Besamung zu einer rasanten Dezimierung des traditionellen Braunviehbestandes. Dieser drohte innert weniger Tiergenerationen völlig verdrängt zu werden (Verdrängungskreuzung). Mit der Gründung der Vereinigung zur Erhaltung des Original Braunviehs wurde im Jahre 1981 Gegensteuer gegeben. Das Schweizer Original Braunvieh (OB) mit reinem Schweizer Blut sollte als Zweinutzungsrasse erhalten bleiben. Die Dezimierung konnte gestoppt werden. Heute liegt der Bestand schweizweit bei rund 4 Prozent des Braunviehbestandes.

Auf dem Hof von Karl Herger-Kempf in Schattdorf wurde bis in die 1970er-Jahre Braunvieh als Zweinutzungsrasse gehalten. Bei den Überlegungen zur Steigerung der Milchleistung wurde Brown-Swiss in die Zucht einbezogen. Da das Vieh auf dem Urnerboden gesömmert wird, schaut Karl Herger bei der Zuchtauswahl darauf, dass sein Vieh nicht zu gross und zu schwer wird. Er liegt mit seiner Herde (20 Kühe, 8 Rinder, 5 bis 6 Kälber) somit zwischen dem Original Braunvieh und den Hochleistungskühen der Brown-Swiss.

Die Zucht ist auf Zweinutzung ausgerichtet

Gustav Zurfluh in Isenthal hat den Landwirtschaftsbetrieb von seinem Vater übernommen. Anfang der 1980er-Jahre hatte er damit begonnen, Brown-Swiss einzukreuzen. Der Erfolg blieb nicht aus, Stier Sax wurde sogar für die künstliche Besamung eingesetzt. Für den Familienbetrieb hatte dann die Haltung von Hochleistungskühen vor allem wegen der «Alpig» (Sömmerung des Viehs) nicht mehr gestimmt. Seit 1999 hat Gustav Zurfluh deshalb wieder ganz auf Original Braunvieh umgestellt. Er bezeichnet den Entscheid als beste Idee, die er für seinen Betrieb gehabt habe. Die Haltung sei kostengünstig. Die Zucht sei auf die Zweinutzung ausgerichtet, die Kühe würden nicht allzu schwer. Im Sommer gibt Gustav Zurfluh die Milch auf Oberalp einem Senn zum Käsen, im Winter hält er Mastkälber.

Damit war die Entwicklung in der Viehzucht jedoch noch nicht abgeschlossen. Nebst Brown-Swiss, Original Braunvieh und Holstein sollte sich die Rassenvielfalt der Rindviecher mit der Mutterkuhhaltung in Uri nochmals erweitern.