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AUSSTELLUNG: Von der Reinzucht bis zur Zweinutzung

«Uris Rindviecher und ihre Geschichte», so lautet der Titel der Sommerausstellung 2017 im Historischen Museum Uri. In einer dreiteiligen Serie liefert unsere Zeitung Wissenswertes zu dieser Thematik.
Rolf Gisler-Jauch
Die Kuh gehört zum Schweizer und Urner Landschaftsbild und stellt als Nutztier auch eine Touristenattraktion dar. Dabei wurde dem Rindvieh auch die Aufmerksamkeit der Weiblichkeit zuteil. (Bild: Richard Aschwanden/Staatsarchiv Uri (Oberalp, August 1943))

Die Kuh gehört zum Schweizer und Urner Landschaftsbild und stellt als Nutztier auch eine Touristenattraktion dar. Dabei wurde dem Rindvieh auch die Aufmerksamkeit der Weiblichkeit zuteil. (Bild: Richard Aschwanden/Staatsarchiv Uri (Oberalp, August 1943))

Rolf Gisler-Jauch

redaktion@urnerzeitung.ch

Die ersten Rinder dürften mit der Einwanderung der Alemannen im 7. Jahrhundert nach Uri gekommen sein. Der Wald wurde gerodet, um Weideflächen für das Vieh zu schaffen. Landschaft und Klima waren für diese Wirtschaftsform geeignet. Die Rindviehhaltung hielt sich in bescheidenem Rahmen und hatte nur den landesinternen Bedürfnissen zu dienen. Eine eigentliche Tierzucht gab es noch nicht. Die Tiere pflanzten sich im Herdenverband fort. Sie waren dementsprechend klein und leichtgewichtig und ihr Ertrag bescheiden. Eine Kuh gab pro Tag 3 bis 5 Liter Milch, heute sind es durchschnittlich 25 bis 40 Liter. Die Laktationsperiode dauerte nur 6 bis 8 Monate (heute 305 Tage).

Im 19. Jahrhundert kamen in Uri zwei Rindviehrassen vor. In Ursern und im oberen Reusstal wurde im Allgemeinen die kleine Alpenrasse gehalten. Diese «Bündnerkühe» waren 200 bis 300 Kilogramm schwer, sehr feingliederig und meistens von fahler, weissgrauer Farbe. Sie bestiegen die steilsten Hänge und gaben täglich 3 bis 4 Mass (Liter) Milch. Die Tiere hatten einen Marktpreis von 48 bis 64 Franken. Der Lohn eines Arbeiters betrug in dieser Zeit rund 2 Franken. Im unteren Kantonsteil war die dunkelbraune «Schwyzerrasse» allgemein verbreitet. Die Zucht dieser Braunviehrasse begann im 15. Jahrhundert im Kloster Einsiedeln. Es wurden noch verschiedene Braunviehschläge gehalten. Die Urner Rinder waren im Durchschnitt etwas kleiner als diejenigen im benachbarten Schwyz und Unterwalden. Gründe hierfür wurden in der kargen Haltung der Kälber sowie in der Rauheit der Urner Alpen gesehen. Eine solche Kuh wog 350 bis 450 Kilogramm, gab täglich rund 4 bis 6 Liter Milch und kostete 96 bis 112 Franken.

Die Reinzucht war oberstes Gebot

Gezüchtet wurden Tiere, die als Raufutterverzehrer gleichzeitig Milch lieferten, Fleisch produzierten und sich als Zugtiere eigneten. In der Landwirtschaft herrschte noch agrarische Vielfalt. Die Rasse des Viehs war an die lokalen Verhältnisse angepasst. Man ging davon aus, dass die Rindviehrassen nur in ihren Herkunftsgebieten gedeihen und durch züchterische Massnahmen verbessert werden konnten. Es wurde befürchtet, dass Kreuzungen zwischen unterschiedlichen Rassen zu einer Aufspaltung der erwünschten Eigenschaften führen und damit die von Bund und Kantonen angestrebte Qualitätszucht gefährden würden. Deshalb propagierten Behörden und Züchterorganisationen ausschliesslich die Reinzucht innerhalb der bestehenden Rassen. Die gesamtschweizerischen Zuchtverbände teilten das Land in vier Zuchtgebiete ein und wiesen jedem Gebiet eine Rindviehrasse zu (Simmentaler Fleckvieh, Eringervieh, Braunvieh und Schwarzfleckvieh). In den einzelnen Gebieten wurde nur die Zucht innerhalb der dort anerkannten Rasse gefördert. Die Kreuzungszüchtung mit ausländischen Rassen war verboten.

Die Zentralschweiz war Stammland für das Braunvieh. Durch Austausch wurde die grossrahmige und fein gebaute Kuh gezüchtet. Das Braunvieh fand auch in den angrenzenden deutschsprachigen Alpenländern Eingang. Im Jahre 1869 erfolgten die ersten Exporte in die Vereinigten Staaten und in andere Länder weltweit. In 100 Jahren sollte es mit diesem Zuchtzweig (Sektion) ein Wiedersehen geben.

Nach der Gründung des Schweizerischen Braunviehzuchtverbandes 1897 wurde die Rasse weiter verbessert und vereinheitlicht. Die Zucht hatte weiterhin ein dreifaches Ziel: Milch, Fleisch und Zugsarbeit. Es wurden für die Nutzung auch Verhältniszahlen propagiert. 60:30:10 galt für das Braunvieh! So entwickelte sich ein sehr vielseitiges Tier. Seine starken Glieder und Klauen ermöglichten ihm die Futtersuche auch in schwierigem Gelände mit spärlichem Graswuchs und begrenzten Wasserstellen. Die Euterqualitäten richteten sich nach den Bedürfnissen der Handmelker. Man züchtete nach dem Grundsatz, dass die Kuh die Milch und der Stier den Muskelansatz zu bringen habe. Allmählich verschwand jedoch in Uri das rätische Grauvieh. Es setzte sich das etwas schwerere Braunvieh als offizielle Rasse im ganzen Kanton durch.

Einführung der Viehprämierung

1853 wurde in Uri zwecks Hebung der Viehzucht die Prämierung für Zucht­stiere eingeführt, 1884 folgte die Prämierung der weiblichen Tiere. Ausgangs des 19. Jahrhunderts widmete sich dann auch die Gemeinnützige Gesellschaft Uri der Verbesserung der Viehzucht. Als Hauptmängel wurden angesehen: teilweise zu junges Zuchtmaterial der männlichen Tiere, allzu mangelhafte Nahrung im ersten Lebensjahr, schlechte Stallhaltung und Unreinlichkeit, Mangel an Bewegung sowie eine schlechte Sömmerung des Jungviehs.

Um 1900 wurden auch in Uri die ersten Viehzuchtgenossenschaften gegründet. Nebst der Anschaffung eines gemeinsamen Stiers («Genossenschaftsmuni») wurde das Herdebuch eingeführt. Dadurch veränderte sich die Viehzucht. Die Herdebuchzucht orientierte sich an der Reinrassigkeit und legte als entscheidendes Zuchtkriterium für die Bestimmung der reinen Rassen das Exterieur der Tiere (Körperbau und Farbe) fest. Abweichungen von der Norm der «schönen» Kuh waren auszumerzen. Der Stammbaum der Tiere war nun entscheidend für deren Bewertung.

Gemäss Bundesbeschluss von 1944 über die Abgrenzung der Rassengebiete musste nun eine Rasse mindestens 20 Prozent des gesamten Bestandes ausmachen oder mindestens 1000 Tiere zählen, um in einer Region anerkannt zu werden. Viehzuchtgenossenschaften konnten somit nur gegründet werden, wenn diese Bedingungen eingehalten wurden. Ohne Genossenschaften war die Anerkennung der Stiere für das Herdebuch nicht möglich.

Ein Unglück kommt selten allein

In den Jahren des Zweiten Weltkriegs befasste sich die Viehzucht erstmals mit dem Gedanken der Leistungsfähigkeit. In Uri erlitt der Viehbestand vorerst jedoch grossen Schaden. Insgesamt gab es im Jahr 1939 knapp 1700 Betriebe mit gut 12 000 Rindviechern. Ein Jahr später führte die Armee hierzulande Übungskurse mit Nebelgas durch. Der im Rauch vorhandene Giftstoff setzte sich auf Feld und Wiesen nieder, wo er vom Vieh aufgenommen wurde. Da der Stoff nicht wasserlöslich war, blieb er über Jahre hinweg und gelangte auch ins Heu. Das Gift schwächte das Immunsystem der Tiere. Die Milchproduktion ging zurück, die Tiere litten unter Appetitlosigkeit und Durchfall, Hautentzündungen sowie Geschwüren. Tränen- und Speichelfluss, ein struppiges Fell sowie abnormaler Durst waren typische Merkmale dieses «Nebelviehs». Es magerte rasch bis auf die Knochen ab, bis den Besitzern nur noch die Notschlachtung übrigblieb. Gesamthaft wurden während der vier Jahre knapp 14 000 Stück Vieh geschlachtet. Insgesamt kamen 1200 Landwirte zu Schaden, einige von ihnen mussten bis dreimal ihren gesamten Viehbestand ersetzen. Der gute Ruf des Urner Viehs war nachhaltig geschädigt.

Doch ein Unglück kommt selten allein. 1951 wurde Uri von der Maul- und Klauenseuche heimgesucht! In Seedorf wurde praktisch der gesamte Viehbestand dahingerafft. Kantonsweit fielen der Epidemie 696 Stück Rindvieh zum Opfer. Im Frühjahr 1966 trat in der Zentralschweiz die Seuche nochmals auf, Uri blieb jedoch glücklicherweise verschont.

Der Einzug der Technik führt zur Zweinutzung

Das Braunvieh wurde auch als Arbeitstier eingesetzt. Hierzu eignete sich vor allem der Ochse, das kastrierte männliche Rind. Früher wurde auch die «Zwick-Mäni» als Zugtier benutzt, da diese kräftiger als die Kuh, jedoch ruhiger als der Stier war. Die Zwicke gibt es bei seltenen Zwillingsgeburten, bei denen eines der Zwillingskälber ein Stier ist. Bei seiner Zwillingsschwester wird die vollständige Ausbildung der Eierstöcke verhindert, und das Tier bleibt in der Regel unfruchtbar. Heute wird die Zwicke als Mastkalb verwendet.

Der Einzug der Technik machte auch vor der Landwirtschaft nicht Halt. Seit den 1950er-Jahren hielten die Traktoren und Motormäher Einzug auf den Bauernhöfen und machten die tierische Zugkraft zunehmend überflüssig. Diese Entwicklung hatte Auswirkungen auf die Zuchtziele. Eine Beschränkung auf die Zweinutzung wurde ökonomisch sinnvoll. Wie in anderen Ländern begann auch in der Schweiz die Milchleistung ins Zentrum der züchterischen Bestrebungen zu rücken. Die vier traditionellen Rindviehrassen gerieten in Bedrängnis.

Melker auf der Staffelalp im Maderanertal. (Bild: Michael Aschwanden/Staatsarchiv Uri)

Melker auf der Staffelalp im Maderanertal. (Bild: Michael Aschwanden/Staatsarchiv Uri)

Die kantonale Viehschau fand bis in die 1960er-Jahre auf dem Oberlehn statt. Zugegen waren auch die Viehhändler. (Bild: Foto Aschwanden/Staatsarchiv Uri (Altdorf, um 1950))

Die kantonale Viehschau fand bis in die 1960er-Jahre auf dem Oberlehn statt. Zugegen waren auch die Viehhändler. (Bild: Foto Aschwanden/Staatsarchiv Uri (Altdorf, um 1950))

Bauer Stickiger steht dem Fotografen um 1900 Porträt mit der schönsten Kuh im Stall. (Bild: Michael Aschwanden/Staatsarchiv Uri (um 1900))

Bauer Stickiger steht dem Fotografen um 1900 Porträt mit der schönsten Kuh im Stall. (Bild: Michael Aschwanden/Staatsarchiv Uri (um 1900))

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