Urner Bäume leiden unter Trockenstress

Beim «Bergwaldprojekt» wird der Klimawandel spürbar. Freiwillige helfen aber, den Wald gesund zu halten.

Christian Tschümperlin
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Max Stotz (links) und Jos Sienknecht haben sich freiwillig gemeldet.Bild: cts (Schattdorf, 30.7.2019)

Max Stotz (links) und Jos Sienknecht haben sich freiwillig gemeldet.Bild: cts (Schattdorf, 30.7.2019)

Ab nach Mallorca, Teneriffa oder Australien, so das Credo vieler in den Sommerferien. Nicht so bei einer achtköpfigen Gruppe des Bergwaldprojektes. Diese kümmert sich in Bürglen und Schattdorf eine Woche lang um den Schutzwald und die Kulturlandschaftspflege. Die Motive für einen solchen Einsatz sind vielfältig.

Max Stotz aus Hamburg und Jos Sienknecht aus Den Haag nehmen im Rickiwald oberhalb vom Sonnenplateau Haldi gerade einen Vogelbeerbaum auseinander und schichten die Äste auf einen Haufen. Dieser soll als Schutzwall gegen Lawinen dienen. Sinn der ganzen Aktion ist es, die Wiese zu entwalden, damit darauf Vieh grasen kann. Der Einsatz ist untypisch für das Bergwaldprojekt, denn häufig geht es darum, Wälder zu lichten, damit die Jungbäume nachwachsen können.

Sienknecht doziert an der Rotterdamer Business School zum Thema Nachhaltigkeit. «Man sitzt immer so in seinem Büro mit Blick auf den Rotterdamer Hafen. Viele Menschen in der Stadt wissen gar nicht, wie fragil das Ökosystem ist», sagt Jos. Hier in den Bergen von Uri könne er die Natur unmittelbar erfahren und vieles über die Interaktion von Wald, Tieren und Landwirtschaft lernen. «Am liebsten würde ich meine Studenten auch mal eine Woche hier hochschicken», sagt er.

Liebe zu den Alpen einmal anders ausgedrückt

Stotz hat über eine Freundin von dem Projekt erfahren. «Sie hat mich gefragt, ob ich mitmachen will, da habe ich zugesagt», so der passionierte Wanderer und Alpenliebhaber. Er bereute es keine Minute. Stotz hat gerade sein Studium beendet und erholt sich gerne hier.

Etwas weiter unten am Hang trifft man auf Marlene Finkenbein aus Emmendingen, Deutschland. «Ich bin seit ein paar Jahren Rentnerin und habe früher im Büro gearbeitet beim Steuerberater. Ich bin sehr gerne in den Bergen», sagt sie. Die Ecke kenne sie vor allem als Touristin. «Wenn ich schon ständig hier bin, kann ich auch mal etwas Gutes tun», sagt sie. Es mache ihr Spass, sich körperlich auszupowern.

Eine, die das Bergwaldprojekt schon etwas besser kennt, ist Annika Nelles aus Rheinland-Pfalz, Deutschland. Sie absolviert ein zweieinhalbmonatiges Praktikum beim Bergwaldprojekt und will später Forstwirtschaft studieren. Auf die Frage, was sie am Hintergrund der Freiwilligen bei anderen Gruppen am meisten überrascht habe, sagt sie: «Viele kommen hier her, die in einer Lebenskrise sind. Vielleicht haben die Leute ja dann das Bedürfnis, in den Wald zu gehen.» Es liegen viele Steine auf den Wiesen. Ab und an hören es die Freiwilligen rumpeln. Angst, dass sie unter einen Steinschlag kommen, haben die Teilnehmer allerdings nicht.

«Gefährlich wird es vor allem, wenn es gewittert», sagt Projektleiterin Monika Hug. Sie ist fasziniert von der Berglandschaft. «Man sieht Bäume, die auf den Steinen wachsen, selbst mit wenig Erde», sagt sie. Allerdings hat sie auch allen Grund, sich Sorgen um den Wald zu machen: «Beim Hitzesommer 2018 erlebten die Bäume Trockenstress, das wirkt noch Jahre nach», sagt sie. Hier oben seien bereits die Winter hart für die Bäume, es sei ein Überlebenskampf. «Wenn es künftig im Sommer noch trockener wird, haben es die Bäume noch schwieriger», sagt sie.

Auf Tuchfühlung mit der Schutzwirkung des Waldes

Das Bergwaldprojekt ist seit 29 Jahren im Kanton Uri präsent. Seither ist die Idee immer die gleiche geblieben. «Unser Ziel ist es, durch die Arbeit die Schutzwirkung des Waldes kennen zu lernen», sagt Monika Hug. Der Wald schütze etwa vor Steinschlag, Lawinen oder Hochwasser.

«Die Bäume nehmen das Wasser auf und verhindern so Überschwemmungen in halb Europa», sagt Hug. Und mit Blick auf die Axenstrasse, die seit vergangener Woche wegen eines Steinschlages gesperrt ist, sagt sie: «Gäbe es keine Bäume, kämen dort noch viel häufiger Steine runter.» Für sie ist klar: «Der Wald braucht uns nicht, aber wir brauchen den Wald.»

Monika Hug streicht die gute Zusammenarbeit mit dem Forstdienst hervor. Betriebsleiter Hubert Gamma hat die Einsätze der Freiwilligen massgeblich mitgestaltet und ihnen zwei Forstwart-Vorarbeiter zur Seite gestellt: Marco Meier und Ruedi Philipp. Sie übernehmen während des Einsatzes gefährliche Arbeiten wie etwa die mit der Motorsäge. «Die stärkeren Baumgruppen lassen wir stehen wegen des Steinschlages», erklärt Marco Meier.

Um 17 Uhr verlässt die bunte Truppe den Schauplatz. Sie nächtigen in einem alten Wohnhaus, in dem es keine Dusche gibt. «Wir haben einen Brunnen, wo wir uns waschen und die Zähne putzen und wer eine Abkühlung will, der springt heute Abend ganz einfach in den Schächenbach», sagt Monika Hug.

Weitere Informationen zum Bergwaldprojekt findet man unter bergwaldprojekt.ch.