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Baustelle sorgt für rote Köpfe

An der Reussacherstrasse entsteht derzeit ein Wohn- und Geschäftshaus. Was die Architekten als Pionierprojekt am künftigen Kantonsbahnhof bezeichnen, sorgt bei den Nachbarn für Lärm und Erschütterungen.
Carmen Epp
Im Gebiet Byfang Süd werden zurzeit 15 Meter lange Betonpfähle in den Boden gerammt. (Bild: Carmen Epp (Altdorf, 3. August 2018))

Im Gebiet Byfang Süd werden zurzeit 15 Meter lange Betonpfähle in den Boden gerammt. (Bild: Carmen Epp (Altdorf, 3. August 2018))

«Tack! Tack! Tack!», so tönt es derzeit rund um den Bahnhof Altdorf. Das Geräusch ist weitherum zu hören. «Wie ein ständig tropfender Wasserhahn», beschreibt ein Anwohner der Bahnhof- strasse. «Es ist zum Verrücktwerden!» Und selbst in Attinghausen kennt man das Hämmern inzwischen.

Der Ursprung des Geräuschs ist im Gebiet Byfang Süd ennet der Bahngeleise auszumachen. Hier entsteht seit Anfang Juli das Wohn- und Geschäftshaus «Reussacher» der CAS-Gruppe. Eine Untersuchung des Bodens durch einen Geologen hat ergeben, dass der Untergrund das siebenstöckige Gebäude nicht tragen könnte. Damit der Bau nicht dereinst im Boden versinkt, müssen also zuerst 120 Betonpfähle in den Boden gebracht werden. So werden seit rund zwei Wochen bis zu 15 Meter lange Pfähle von einer Maschine in den Boden gerammt – mit kontinuierlichen Hammerschlägen, die weitherum zu hören sind.

Boden in der Umgebung zittert jeweils mit

Während die entfernte Nachbarschaft «nur» mit dem Lärm zu kämpfen hat, müssen die unmittelbaren Anwohner mit einer weiteren Eigenschaft des Pfahlbaus im Reussacher leben: Für sie sind die Pfahlschläge nicht nur zu hören, sondern auch zu spüren. Während ein Pfahl in den Boden gerammt wird, zittert der Boden in der Umgebung bei jedem Schlag mit. Das bereitet den Anwohnern und Zacharias Büchi grosse Sorgen. Obwohl sein Haus rund 60 Meter Luftlinie von der Baustelle entfernt ist, sind die Erschütterungen deutlich spür- und sichtbar: Das Wasser im Glas wirft Wellen, der Computerbildschirm im Dachgeschoss wackelt und bei jedem Schlag geht der Blick Richtung Decke. Ob sich Risse in den Decken bilden? Büchi ist beunruhigt. Er befürchtet, dass die ständigen Erschütterungen seinem Haus mit Baujahr 1943 nicht gut bekommen.

«Natürlich ist der Pfahlbau immer mit gewissen Risiken verbunden», sagt Mani Warasteh, Bereichsleiter Realisierung bei der CAS-Gruppe AG, die den Bau erstellt, auf Anfrage. «Dessen sind wir uns bewusst.» Deshalb habe man auch vorgesorgt und bei den Häusern mit bis zu 30 Metern Entfernung zur Baustelle vor dem Baustart eine Bestandesaufnahme gemacht und sogenannte Rissprotokolle erstellt. «So kann nach dem Bau festgestellt werden, ob die Erschütterungen durch den Pfahlbau allenfalls Schäden angerichtet haben.» Zusätzlich seien auf dem Baugelände drei Sensoren montiert worden, welche die Erschütterungswerte messen. Sobald ein gewisser Wert überschritten wird, würden der Maschinist, der Bauleiter, der Unternehmer und er via SMS alarmiert. «Dann würde die Arbeit sofort gestoppt und untersucht, wo das Problem liegt.»

Bei Büchi ist weder ein Sensor montiert, noch sind Rissaufnahmen gemacht worden. Sein Haus liegt ausserhalb des 30-Meter-Radius, der überprüft wird und protokolliert wurde. Dort hält Warasteh Schäden durch die Erschütterungen für «ausgeschlossen». Für Büchi ist das nicht glaubhaft. Zumal er weiss, dass er – sollte sein Haus trotzdem Schaden nehmen – ohne offizielles Rissprotokoll kaum beweisen kann, dass diese von den Erschütterungen auf der Baustelle herrühren. Ausserdem weiss der gelernte Baufachmann, der bis zu seiner Pensionierung in einer Bauunternehmung und beim Kanton als Betriebsleiter tätig war, dass es auch andere Methoden gäbe, die 120 Pfähle unter den Boden zu bringen – etwa durch bohren statt rammen. «Das wäre um einiges leiser und gäbe kaum Erschütterungen», ist Büchi überzeugt.

Warasteh sieht das anders. Das Bohrpfahlsystem bedeute nicht automatisch weniger Lärm und keine Erschütterungen. Indem die Stahlrohre in den Boden gebohrt, Armierungen ins Loch gebracht und vor Ort betoniert werde, würde auch diese Methode zu Beeinträchtigungen führen. «Ausserdem würde die Ausführungszeit viel länger dauern», betont Warasteh. «Die Immissionen wären so auch länger spürbar, was wohl auch nicht im Sinne der Anwohner wäre.»

Am 17. August ist es noch nicht vorbei

Und so bleiben der Lärm und die Erschütterungen, bis der letzte Pfahl eingeschlagen ist, was laut Warasteh so um den 17. August herum sein dürfte. Damit ist es für Büchi und die Anwohner aber noch nicht überstanden. Bereits steht das nächste Bauvorhaben der CAS-Gruppe an, wiederum ein siebenstöckiges Gebäude, diesmal unmittelbar vor Büchis Haus. Das geologische Gutachten liege hier zwar noch nicht vor, sagt Warasteh, doch könne man davon ausgehen, dass auch auf dieser Parzelle Pfähle eingebracht werden müssen. Neben den Projekten der CAS-Gruppe folgen im Zuge der Entwicklung des Kantonsbahnhofs Altdorf weitere Gebäude sowie Arbeiten an den Bahngeleisen der SBB.

Für Büchi ein klarer Fall: Da muss die Gemeinde einschreiten. Anton Arnold, Leiter der Bauabteilung der Gemeinde Altdorf, kann den Frust der Anwohner zwar nachvollziehen und hat sich bereits mit Büchi zu einem Gespräch getroffen. Der Forderung, die Gemeinde möge künftig eingreifen, könne man aber wohl nicht nachkommen. «Wenn ein Bauwerk den öffentlich-rechtlichen Anforderungen entspricht, bewilligen wir es. Mit welchen Verfahren ein Bauwerk dann erstellt wird, liegt nicht in unserem Einflussgebiet.» Man könnte höchstens in Frage stellen, ob die Rammpfähle «den anerkannten Regeln der Baukunde entsprechen», wie es das Planungs- und Baugesetz des Kantons Uri vorschreibt. «Das dürfte nach jetzigem Stand der Kenntnis jedoch schwierig werden», so Arnold.

Düstere Aussichten für Büchi und die Anwohner am Byfangweg. Enttäuscht ist der alt Landrat vor allem von den Behörden. «Immer reden sie davon, neue Wohn- und Arbeitsplätze um den Kantonsbahnhof zu schaffen. Aber die Leute, die schon da sind, scheinen ihnen egal zu sein.» Nun nimmt er die Sache selber in die Hand. Er wird zusammen mit den Nachbarn beim Bauvorhaben unmittelbar neben seinem Haus auf dem Einspracheweg Bohrpfähle verlangen. Seine Hoffnung stirbt zuletzt. «Ich wohne seit 1977 in diesem Haus, bin 87 Jahre alt und würde gerne noch ein paar Jahre hier leben, ohne mich zu Tode zu ärgern.»

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