Interview

«Beim Alter fehlt bis anhin eine machtvolle Lobby»

Heidi Joos ist Mitbegründerin des Verbandes Avenir 50 Plus und Geschäftsführerin. Sie arbeitete einst bei einer Arbeitsmarktbehörde in einer Führungsposition. Sie ist auch Mitgründerin einer breiten Allianz gegen Altersdiskriminierung.

Christian Tschümperlin
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Heidi Joos, Geschäftsführerin Avenir 50 Plus.

Heidi Joos, Geschäftsführerin Avenir 50 Plus.

Bild: PD

Welche Instrumente stehen Betroffenen heute in der Schweiz zur Verfügung, wenn sie von Altersdiskriminierung betroffen sind?

Heidi Joos: Der mit Artikel 8 Absatz 2 der Bundesverfassung gewährte Diskriminierungsschutz ist nur auf das öffentliche Recht anwendbar, nicht aber auf das private. Sollte die Bundesverwaltung eine Person wegen ihres zu hohen oder zu jungen Alters nicht einstellen, lässt sich gestützt auf die Bundesverfassung Artikel 8 Absatz 2 klagen. Nicht so im Recht zwischen Privaten. Gegen einen privaten Arbeitgeber oder gegen eine Zusatzkrankenversicherung zu klagen, die Personen ab 50 nicht mehr aufnimmt, würde eine gesetzliche Grundlage erfordern. Für die Bereiche Gleichstellung und Behinderung wurde der gesetzliche Schutz bereits erkämpft, beim Alter fehlte bis anhin eine machtvolle Lobby.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich bezüglich «Schutz vor Altersdiskriminierung» da?

In den USA wurde der gesetzliche Altersdiskriminierungsschutz bereits im Zuge der 1968er-Jahre umgesetzt. Die EU hat für ihre Länder im Jahre 2000 eine Richtlinie herausgegeben, die diese zur Schaffung eines gesetzlichen Diskriminierungsschutzes anleitet. Gegen heftigen Widerstand der Wirtschaft trat in Deutschland 2006 das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Kraft. Acht Monate nach Einführung zeigte sich, dass der Tatbestand des Alters zu den häufigsten Klagen führte, gefolgt von Behinderung und Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Daran lässt sich ablesen, wie wichtig ein wirksamer Altersdiskriminierungsschutz auch für die Schweiz wäre.

Wie ist der Stand der Diskussion in der Schweiz?

Trotz mehrerer Aufforderungen der OECD im Rahmen von Studien zum Arbeitsmarkt der Älteren, endlich den gesetzlichen Altersdiskriminierungsschutz umzusetzen, geht nichts. Der Bundesrat gestand in seinem Bericht zur Diskriminierung im Jahre 2016 lediglich ein, dass der Schutz Löcher aufweise, aber er zeigte sich nicht bereit, dem aufgezeigten Handlungsbedarf Folge zu leisten. Solange er diese Hausaufgabe nicht löst, wird er auf zusätzlichen Widerstand stossen, wenn es um die Erhöhung des Rentenalters geht. Weil sich ohne Lobby in der Politik nichts bewegt, formierte sich vor einem Jahr eine breite Allianz gegen Altersdiskriminierung, die im Frühjahr die Volksinitiative «Wirksamer Schutz vor Altersdiskriminierung» lancieren wird. Wünschbarer jedoch wäre, das neue Parlament in Bern würde gestützt auf Artikel 35 Absatz 3, der die Behörden auffordert, die Grundrechte auch unter Privaten wirksam durchzusetzen, aus eigenem Antrieb handeln.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik nebst einem gesetzlichen Schutz?

Eine der Haupthürden, warum Arbeitgeber Jüngere den Älteren vorziehen, hängt mit der Altersstaffelung der Pensionskassenbeiträge zusammen. Darin liegt ein Anreiz, jüngere Arbeitnehmende aus dem Ausland zu rekrutieren. Wir hoffen sehr, dass die bevorstehende Revision des Pensionskassengesetzes diese Altersdiskriminierung endlich ausmerzt. Ursachen für Diskriminierung liegen aber auch bei veralteten Bildern oder Unwissen über das Alter und seine Eigenheiten.

Worin besteht dieses Unwissen?

Ältere sind in der Regel motivierter als Jüngere, aber sie benötigen eine andere Lern- und Arbeitskultur als Jüngere. Vor allem nördliche Länder investierten in der Vergangenheit mehr in Konzepte des Generationenmanagements. Falls die Schweiz nicht endlich nachzieht, wird sich das längerfristig in sinkender Produktivität manifestieren, so das Fazit einer aktuellen Studie der Hochschule Luzern. Die Überbrückungsrente, wie sie kürzlich im Ständerat diskutiert wurde, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Doch die soziale Abfederung müsste bereits mit 55 Jahren greifen und flankiert werden von einem gesetzlichen Schutz vor Altersdiskriminierung, damit kein Bumerang-Effekt eintritt.