Beim Heuen fehlen die Männer

Schon um 1900 war die Gotthardregion ein wichtiger Stützpunkt der Armee. Die aufgebotenen Soldaten fehlten aber daheim, was zu Problemen führte.

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Adrett schauen uns die jungen Burschen auf dem Foto (oben) an. Sie sind schnittig uniformiert, und die Bataillonsnummer auf dem Käppi ist gut erkennbar. Stramm zeigen sie uns ihr Gewehr, manchmal begegnet uns der tadelnde Blick eines ernsten, aber eleganten Offiziers. Die Militärfotografien aus dem Ersten Weltkrieg sind Propagandamaterial: Sie zeigen eine Schweizer Armee, die motiviert, gut organisiert und wehrbereit ist.

Schnappschüsse sind selten

Grundsätzlich kann man zwei Arten von Bildern unterscheiden: Porträts von Gruppen oder Einzelpersonen und Bilder von den Aktivitäten der Wehrmänner. Während die erste Kategorie sehr offen den Faktor ihrer Inszeniertheit preisgibt, ist dies bei Bildern der zweiten Kategorie nicht immer so deutlich: Soldatentrupps beim Bewachen von Brücken oder beim Räumen von Schnee, in Geschützstellungen oder beim Materialtransport zeigen doch einen Teil des Alltags im Wehrdienst, könnte man meinen. Aber im Gegensatz zu heute, wo jeder mit seinem Smartphone innert Sekunden ein Selfie auf Flickr oder Instagram geladen hat, war die Fotografie während der Weltkriegsjahre eine komplizierte Prozedur. Kompaktkameras gab es erst ab Mitte der 1920er-Jahre, vorher machten grosse Apparate und lange Belichtungszeiten das Fotografieren zu einer Wissenschaft. Dementsprechend mussten die Sujets stillhalten und warten, bis die Belichtungszeit von mehreren Sekunden vorüber war. Jede Fotografie war eine Inszenierung. Schnappschüsse und Bilddokumente aus dem tatsächlichen Soldatenalltag sind daher sehr selten und wenn auffindbar oft wackelig und schlecht belichtet. Den Bundesbehörden, in deren Auftrag Fotografen den Aktivdienst dokumentierten, ging es nicht darum, den Soldatenalltag realistisch abzubilden, sondern der Bevölkerung zu zeigen, dass die Schweiz wehrhaft, die Grenzen gesichert und kein Übergriff der Krieg führenden Mächte auf Schweizer Boden zu fürchten war.

Bedrohung aus Deutschland

Dafür, dass die Behörden so handelten, gab es verschiedene Gründe: Die Gefährdung der Schweiz beschränkte sich zu Beginn des Krieges auf die Grenzgebiete zu Frankreich und Deutschland. Ein mögliches Szenario war, dass deutsche Soldaten den Bahnhof in Basel übernehmen würden, um ihre Truppen schnell in Position zu bringen und dann den Jura-Nordfuss entlang gegen den französischen Feind zu marschieren. Dass es nicht so kommen würde, wusste die Armeeführung der Schweiz eigentlich, denn man war über den deutschen «Schlieffen-Plan» informiert. Dieser Aufmarschplan sah vor, dass Deutschland im Krisenfall einen Präventivschlag gegen Frankreich führte, wobei Truppen die starke französische Grenzbefestigung in Elsass-Lothringen über Belgien umgehen würde, um innert 42 Tagen vor Paris zu stehen und den Feind zur Aufgabe zu zwingen. Dieser enge Zeitplan war nötig, da der deutsche Generalstab mit der Verletzung der belgischen Neutralität den Kriegseintritt Britanniens provozierte, dessen Seemacht eine grosse Bedrohung darstellte. War aber Frankreich schnell genug bezwungen, würden sich die Briten eine Kriegserklärung zwei Mal überlegen. Der Plan ging 1914 nicht auf, und die deutsche Offensive kam an der Marne zum Erliegen.

Für bewaffnete Neutralität

Mit ihrer aktiven Verteidigungshaltung wollte die Schweiz Eventualitäten zuvorkommen, man wusste ja nicht, ob man über alle Informationen verfügte. Auch konnte sich die Schweiz nicht eingestehen, dass sie so gut über deutsche Kriegspläne informiert war, denn die gute Beziehung zu Deutschland hätte nicht nur die Armeeleitung in ein schräges Licht gerückt, sondern auch eine Provokation für die französischfreundliche Westschweiz bedeutet. Der Bundesrat entschied sich daher für die «bewaffnete Neutralität» und das Aufgebot der Armee. Bilder sollten deren Wehrhaftigkeit im Inland wie im Ausland bezeugen.

Uri hatte seit den 1880er-Jahren eine wichtige Rolle in der Kriegsplanung des Bundes gespielt. Die Lage des Kantons glich einer natürlichen Festung und hatte bereits dazu geführt, dass die Eidgenössische Munitionsfabrik in der Reussebene errichtet wurde (vgl. letzter Artikel). Schon bevor der Begriff des «Alpenreduits» im Zweiten Weltkrieg Schule machte, hatten Armeeplaner die Idee der Gotthard-Befestigung umgesetzt. Sie war in den Krisenplänen der 1910er-Jahre einer der grundlegenden Verteidigungspunkte und möglicher Rückzugsort. Der Festungskomplex auf dem Pass und an den Südhängen des Gotthards war zu Beginn des Weltkrieges bereits gut ausgebaut.

Ab August 1914 befand sich das Bataillon 173 auf dem Gotthard im Dienst, das aus Nid- und Obwaldnern sowie etwa 270 Urnern bestand. Das Urner Bataillon 87 rückte mit rund 800 Mann nach Bedretto ein. Vom «Urner Wochenblatt» wurden die Truppen als hoch motiviert und entschlossen beschrieben. Wahrscheinlich erwarteten die Soldaten schöne Ferienlagerstimmung, denn der Kriegseintritt Italiens war vorerst nicht zu erwarten.

Der südliche Nachbar befand sich im Bündnis mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn, galt jedoch als schwankender Partner. Exerzieren, Soldatenlieder singen, Schnee räumen und Wachdienste halten gehörten zu den alltäglichen Aufgaben während des Aktivdiensts. Die freie Zeit vertrieb man sich gern mit Jassen und Trinken. Im Sommer 1917 wurden vier Urner Korporäle in Andermatt verhaftet, weil sie sich im Suff ihrem Vorgesetzten widersetzt hatten.

Soldaten posieren mit Wein

Als Italien 1915 an der Seite der Entente (Frankreich, England und Russland) in den Krieg eintrat, wickelten sich die Kriegshandlungen im Gebiet der Dolomiten ab, die Schweiz blieb weiterhin verschont. Fotografien aus dieser Zeit zeigen Schweizer Truppen bei bester Laune, Soldaten beim Posieren im Feld oder am Esstisch bei Wein. An den Kriegsplätzen aber verhärteten sich die Fronten: Die Armeen gruben sich in Schützengräben ein, die unser Bild vom Ersten Weltkrieg noch heute prägen. Die Zeit von offenen Schlachten und heldenhaften Siegen war vorbei: Schnellere und durchschlagendere Geschütze, als man sie je zuvor gekannt hatte, schlachteten Millionen von Soldaten. Im Stellungskrieg wurden auch sie unnütz. Am 22. April 1915 setzen deutsche Streitkräfte erstmals Giftgas ein. Unmengen von Granaten wurden an einem einzigen Kriegstag verschossen, und die Industrie produzierte ununterbrochen. In den Fabriken fehlten die Arbeiter, die an der Front Kriegsdienst leisteten, und brachten so Frankreich wie auch Deutschland an den Rand einer innenpolitischen Krise.
Der Aktivdienst entzog auch der Schweiz die Arbeitskräfte. Vertreter von Industrie und Landwirtschaft konnten zwar erwirken, dass unentbehrliche Berufsgruppen wie Industriearbeiter und Milchverarbeiter vom Dienst befreit wurden, in der Grundproduktion war die Freistellung aber oft schwer zu begründen. Wer sagte, dass ein Älpler wirklich auf die Mitarbeit der ganzen Familie angewiesen war und nicht einfach aus Eigennutz handelte?

Probleme bei der Alpabfahrt

Als im September 1914 die Alpabfahrt bevorstand und die Soldaten noch nicht entlassen worden waren, standen so zahlreiche Familien vor Schwierigkeiten. «Der Vater, ein siebzigjähriger Mann, ist beeidigter Hirt der hoch gelegenen Alp Surenen», schrieb eine Älplertochter ans Bataillonskommando 87, wo ihre vier Brüder im Dienst standen. Surenen war mit 550 Stück Vieh bestossen, und die jungen Männer hatten «bei der Alpfahrt von den Besitzern das Vieh entgegengenommen, sie allein kennen also Leute und Vieh.» Unmöglich konnte man die Tiere an die über hundert Besitzer zurückgeben, wenn die vier Brüder nicht beurlaubt würden.

Man kann sich vorstellen, dass unmittelbar nach der Mobilmachung 1914 der Arbeitskräftemangel am stärksten war. Aufgeboten wurden Reservetruppen aber während aller Kriegsjahre, was vor allem den Bauern schadete. Für einen Einsatz auf dem Gotthard mussten die Wehrmänner bis zu acht Stunden Fussmarsch zurücklegen, um sich dann ohne Aufgabe am Zielort wiederzufinden. Wofür das alles? Das Bild einer unterforderten Schweizer Armee bildet einen harten Kontrast zu den Millionen ermordeter Soldaten der Krieg führenden Nationen. Die Schweiz blieb durch viel Verhandlungsgeschick, aber auch dank einer grossen Portion Glück vor einem ähnlichem Schicksal bewahrt. So machen die Jahre 1914–1918 bewusst, wie direkt die Schweiz von Beziehungen und Handlungen der übrigen europäischen Staaten betroffen war und ist.

Hinweis:

In der Artikelreihe «Uri im Ersten Weltkrieg» zeigt die «Neue Urner Zeitung» auf, wie die Urner Bevölkerung die Zeit von 1914 bis 1918 erlebt hat. Die Artikel stützen sich auf Akten des Staatsarchivs Uri. Autor der Artikelreihe ist Romed Aschwanden. Der 26-Jährige studiert zurzeit in Basel unter anderem Geschichte.