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Bergbauer wollte seinen Tieren den Schlachthof-Transport ersparen

Ein Urner Bergbauer sieht wegen zu strenger Vorschriften und restriktiver Kontrollen die traditionelle Alplandwirtschaft in Gefahr. Beim Laboratorium der Urkantone stützt man sich auf die Rechtsgleichheit für alle Bürger.
Florian Arnold
Die Alp des Bauern ist im Winter nur durch den Schneetöff zu erreichen - vor einer solchen Fahrt wollte er seine Gitzi bewahren. (Symbolbild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Die Alp des Bauern ist im Winter nur durch den Schneetöff zu erreichen - vor einer solchen Fahrt wollte er seine Gitzi bewahren. (Symbolbild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Bergbauer Karl Mattli ist entrüstet: Nach einer Kontrolle des Laboratoriums der Urkantone stand plötzlich die Polizei vor dem Haus, und vor wenigen Tagen erreichte ihn ein Strafbefehl. Während des Winters, als Mattlis Alp nur mit einem Schneetöff erreichbar war, schlachtete er mehrere Tiere – teilweise für den Eigengebrauch, teilweise für den Verkauf an Drittpersonen, die in der Nähe wohnen. Wie aus dem Strafbefehl hervorgeht, hat Mattli damit Hygienevorschriften missachtet und keine Fleischkontrolle durchführen lassen.

Zudem wird dem Bergbauern vorgeworfen, die Schlachtabfälle nicht nach Vorschrift entsorgt und damit Krankheits- und Seuchenübertragung riskiert zu haben. Denn Mattli hatte die Abfälle so auf der Alp deponiert, dass sie von Füchsen und Adlern gefressen werden konnten – wie dies seit Hunderten Jahren praktiziert werde, hält der Landwirt fest. Neben den Verfahrenskosten soll Mattli nun eine Busse von 1000 Franken zahlen.

«Paradoxer, ökologischer Blödsinn!»

Der Bergbauer streitet nicht ab, gegen das Gesetz verstossen zu haben. Den Behörden fehle es aber an «gesundem Menschenverstand». «Die Kontrollstellen für uns Landwirte sollen bei der Anwendung der Gesetze auf die örtlichen Gegebenheiten Rücksicht nehmen.» Auf die Situation sei nicht eingegangen worden.

Und diese sieht wie folgt aus: Auf der Göscheneralp bewirtschaftet der Bauer auf 1600 Metern über Meer einen 12 Hektaren grossen Ganzjahresbetrieb mit wenigen Kühen, Schafen und Ziegen. «Eine Landwirtschaftsform, die vom Aussterben bedroht ist», sagt Mattli. «Ich habe keinen Biobetrieb, gehe aber achtsam und respektvoll mit der Umwelt und dem Kreislauf der Natur um.»

Von November bis Anfang Mai ist die Alp nur mit einem zweistündigen Fussmarsch erreichbar. Mattli sagt:

«Hier oben sagt eben noch die Mutter Natur, wie zu leben ist.»

Der Bauer kennt die totale Abgeschiedenheit und weiss, was es heisst, mit Lawinengefahr zu leben. Vergangene Woche geriet er gar in eine Lawine, als er bei Schneeräumungsarbeiten half. Lawinensuchhunde konnten ihn nach eineinhalb Stunden unter dem Schnee auffinden.

Dass er zu Ostern jeweils «Gitzi» (Zicklein) schlachte und das Fleisch an Private verkaufe, sichere jeweils sein erstes Einkommen nach dem Winter. Bei der Straftat, die ihm zur Last gelegt wird, waren es zwei «Gitzi», «die ich jeweils per Fussweg direkt an Nachbarn verkauft habe», so Mattli. «Ich arbeite sauber, hygienisch und nur bei kühlen Aussentemperaturen, sodass ich für die Fleischqualität Verantwortung übernehmen kann.» Streng nach Vorschrift müsste der Bergbauer seine Tiere nach Altdorf bringen. Mattli erklärt: «Zur Osterzeit ist die Strasse schneebedingt meist noch geschlossen. Somit ist der Weg nach Altdorf mit Schneetöff und anschliessendem Umladen in den Autoanhänger mit einem grossen Stress für die Tiere, enormem Zeitaufwand und auch mit einigen Umtrieben verbunden.» Vor dem Hintergrund der momentanen Klimadebatte meint er: «Welch paradoxer, ökologischer Blödsinn!»

Schlachten für privaten Gebrauch ist zulässig

Für Mattli ist klar: «Es kann nicht sein, dass das geltende Gesetz die Bergbauern zu ökologisch bedenklichen und für die Tiere belastenden Zusatzmassnahmen zwingt.» Auch wegen der weiterverfütterten Schlachtabfälle macht er sich selber keine Vorwürfe. «Da ich keine fremden Tiere zukaufe, sehe ich keine Seuchengefahr. Vielmehr schliesse ich nach meiner Ansicht den Kreis der Natur.»

Beim Laboratorium der Urkantone (Laburk) verweist man auf Anfrage unserer Zeitung auf das Gesetz. «Das Lebensmittelrecht gilt für alle Bürger, sowohl die Ausnahmen als auch die Einschränkungen», hält Kantonstierarzt Andreas Ewy in seiner schriftlichen Stellungnahme fest. Ob es sich um einen Straftatbestand handle, entscheide die Staatsanwaltschaft. «Die Verwaltungen sind verpflichtet, bei Kenntnisnahme von illegalen Entsorgungen die Staatsanwaltschaften einzuschalten», so Ewy.

Das private Schlachten ist ausschliesslich für den Eigengebrauch zulässig. Sobald aber Fleisch an Dritte weitergegeben wird – selbst unentgeltlich – gilt das Lebensmittelrecht. Ewy dazu:

«Damit die Schlachttiere nicht unnötig leiden, müssen Personen, die Tiere betäuben und entbluten, fachkundig sein.»

Zudem müssten die Betäubungsgeräte regelmässig gewartet und voll funktionstüchtig sein. Die Schlachtbetriebe und deren Personal würden regelmässig daraufhin kontrolliert.

Für die garstigen Lebensverhältnisse gebe es keine Ausnahmen, sodass der Kantonstierarzt auf die Rechtsgleichheit verweist: «Schlachtungen für Drittpersonen unterliegen dem Lebensmittelrecht und können in Uri in Schattdorf und Altdorf vollzogen werden. Diese Regelung gilt für alle Nutztierhalter, unabhängig von Witterungsverhältnissen oder Entfernungen.» Auch von der Göscheneralp aus würden im Winter Einkäufe ausserhalb des Bergtals getätigt, und Hebammen und Ärzte würden auch bestellt, wenn es nötig sei.

Gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag» machte Mattli geltend, er sei von der Kontrolleurin unfreundlich behandelt worden. Dies will Ewy nicht glauben: «Unsere Amtstierärzte verhalten sich professionell und freundlich. Sie werden nicht nur fachlich ausgebildet, sondern auch im Umgang und der Kommunikation mit Tierhaltern.»

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