Berghoff muss in Uri Betrieb aufgeben - es kommt zu Massenentlassungen

Der Industriebetrieb Berghoff in der Industriezone Schächenwald muss aus wirtschaftlichen Gründen auf Ende März 2020 geschlossen werden.  71 Mitarbeiter sind von der Schliessung betroffen.

Florian Arnold
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Das Industrieunternehmen Berghoff schliesst seine Tore in Uri.

Das Industrieunternehmen Berghoff schliesst seine Tore in Uri. 

Bild: Florian Arnold (Schattdorf, 4.Dezember 2019)

Hiobsbotschaft für 71 Urner Mitarbeiter von Berghoff: Der Industriebetrieb muss seinen Standort Altdorf in der Industriezone Schächenwald (Schattdorf) aufgeben. Dies wurde am Dienstag den Mitarbeitern und am Mittwoch den Medien mitgeteilt. Die wirtschaftlich negativen Entwicklungen in der Maschinenindustrie und der schwächelnden Weltwirtschaftskonjunktur hätten zu erheblichen Bestellrückgängen geführt, so die Geschäftsführung. Ein weiterer Faktor sei die Aufwertung des Frankens. Ausschlaggebend sei aber auch ein negativer strategischer Entscheid des Hauptkunden gewesen. «Der resultierende Auftragsverlust im zweistelligen Millionenbetrag konnte kurzfristig nicht kompensiert werden.»

Die Geschäftsleitung habe zahlreiche Gespräche mit Kunden und Investoren geführt, um den Standort Altdorf weiterführen zu können, mit dem Ziel, die Arbeitsplätze zu sichern, heisst es im Schreiben weiter. Auch die Akquise von neuen Kunden sei intensiviert worden, wodurch auch Aufträge gewonnen werden konnten. «Jedoch gelang es nicht, kurzfristig genügend Bestellungen zu akquirieren, um die Geschäftstätigkeit sicherzustellen.»

Über 90 Prozent Export

Die Berghoff Mechanical Engineering AG hat sich auf die hochpräzise Fertigung von schweren Frästeilen spezialisiert. Diese wiegen bis zu 25 Tonnen und werden etwa für die Energiegewinnung, Grossmotoren oder die Halbleiterindustrie verwendet. Dem Unternehmen schien es in den vergangenen Jahren gut zu laufen. Seit 2013 wurde eine Wachstumsstrategie verfolgt, wie die Gruppe in der Medienmitteilung festhält. «Bei der Übernahme der Fertigung in Altdorf fand sich das Werk in einem stark umkämpften Markt wieder, der durch hohen Preisdruck starke Mitbewerber aus Europa und insbesondere Osteuropa dominiert wurde», heisst es in der Mitteilung. Weitere Faktoren wie die Aufwertung des Schweizer Frankens verschärften die Situation zunehmend, da der Exportanteil der Berghoff Mechanical Engineering AG bei über 90 Prozent liegt. «Dies hatte erhebliche negative Auswirkungen auf die Profitabilität des Unternehmens.»

Um der seit Jahren anhaltenden schlechten Entwicklung des Unternehmens entgegen zu wirken, wurde im Jahr 2018 eine strukturelle Umorganisation des Werks vorgenommen: Neue Geschäftsleitung, gezielte Restrukturierungsmassnahmen sowie Optimierungsprogramme in den Fertigungsprozessen. Der operative Turnaround sei gelungen, so das Unternehmen. Es wurden Gewinne erzielt und mit dem Hauptkunden sei ein langfristiger Abnahmevertrag abgeschlossen worden. Bis zum 3. Quartal 2019 wurde ein Gewinn im sechsstelligen Bereich erzielt. Allerdings verstärkten sich im 4. Quartal die negativen Konjunkturschwankungen in Form von sinkenden Auftragseingängen aus der Maschinenbauindustrie. Und schliesslich sprang der Hauptkunde ab.

11 Lernende sind betroffen

Deshalb sei man gezwungen, den Standort Altdorf aufzugeben und voraussichtlich die Arbeitsverhältnisse mit sämtlichen 71 Beschäftigten aufzulösen, dies noch im Dezember mit Wirksamkeit auf Ende März 2020. Bis dahin soll der Betrieb noch aufrecht erhalten bleiben. Von den Kündigungen betroffen sind auch 11 Lernende.

Vorerst haben alle Mitarbeiter die Möglichkeit, ihr Mitwirkungsrecht wahrzunehmen. Während einer Konsultationsfrist können sie dem Verwaltungsrat Alternativen zur Betriebsschliessung unterbreiten. 

Camenzind hofft auf Solidarität

Für Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind ist die Nachricht ein Schock. «Nach meinem Empfinden war die Firma in letzter Zeit gut unterwegs», sagt der Regierungsrat. «Berghoff ist ein wichtiger Arbeitgeber und in seinem Bereich in der Fertigung von Grossteilen einzigartig.» Vorerst würden die Konsultationen der Mitarbeiter anstehen. Im März soll das Unternehmen seine Tätigkeit in Uri aufgeben. «Das löst bei uns einiges an Abklärungen aus. Das Job-Zentrum muss bis dahin bereit sein, denn eine Massenentlassung von 71 Personen ist für den Kanton Uri eine aussergewöhnliche Zahl.»

Camenzinds Gedanken sind neben den älteren Arbeitnehmern vor allem bei den 11 Lernenden. «Hier geht es darum, für alle eine neue Lehrstelle zu finden, damit die jungen Leute ihre Ausbildung abschliessen können.» Camenzind hat aber Hoffnung: «Die Solidarität unter den Unternehmen ist in solchen Fällen gross. Ich bin sicher, dass man Wege finden wird.» Denn Berghoff habe viele Fachkräfte beschäftigt, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht seien. Gerade auch deswegen werde es für viele das erste Mal sein, dass sie mit Arbeitslosigkeit konfrontiert seien.

Handlungsspielraum für die Volkswirtschaftsdirektion macht er vor allem bei der Vermittlung aus. «Ich gehe davon aus, dass wir zusammen mit dem Unternehmen die nötig Unterstützung bieten können. Damit dürfen wir nicht bis im März warten.»

Ruag wusste im Vornherein nichts von der Schliessung

Vermieterin von Berghoff in Altdorf ist die Ruag Real Estate AG. Auf Anfrage teilt diese mit, dass Berghoff den Standort am Mittwoch per Briefpost gekündigt habe. «Die Ruag war im Vorfeld nicht in die Absichten und Überlegungen von Berghoff involviert», so die Vermieterin. Die Gebäude, bestehend aus Industrie- und Bürofläche mit einer Grösse von zirka 11000 Quadratmetern, würden zu gegebener Zeit wieder am Markt platziert werden.

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