Berghoff-Verwaltungsrat wird kritisiert

Ulrich Berghoff spricht über die Gründe der Schliessung. Derweil stellen Informanten die Sache etwas anders dar.

Florian Arnold
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Die Schliessung des Urner Standorts des deutschen Unternehmens Berghoff im Schächenwald hat viel Betroffenheit ausgelöst: 71 Arbeitnehmer verlieren auf Ende März 2020 voraussichtlich ihren Job beim Industrieunternehmen, das sich auf die Fertigung von Grossteilen spezialisiert hat. Als einer der Hauptgründe wurde neben der wirtschaftlichen Lage auch erwähnt, dass der Hauptkunde seine Verträge gekündigt hat. Dabei habe es sich um einen strategischen Entscheid gehandelt, da der Grosskonzern künftig auf grössere Partner setzen wolle, schreibt Verwaltungsrat Ulrich Berghoff in einer Stellungnahme.

Das Klumpenrisiko, das der Grossauftrag mit sich brachte, war laut Ulrich Berghoff «stetiger Bestandteil der Risikoanalyse». Mit einem Abnahmevertrag bis 2021 und einer intensiven Kundenbetreuung habe man die Beziehungen gepflegt. Der Vertrag wurde allerdings vorzeitig gekündigt – sodass das Unternehmen nun mit einem Paukenschlag aufgelöst werden muss.

Statt der Schliessung das Unternehmen zu verkleinern, hätte laut Berghoff nichts gebracht: «Unter der gegebenen Kostenstruktur und des Umsatzwegfalls wäre eine Fortführung der Geschäftstätigkeit defizitär. Diese Option wurde mittels eines Business-Case evaluiert ohne eine positive Kostendeckung zu erreichen, auch unter Einbezug radikaler Kosteneinsparungen.» Eine Mietzinsreduktion bei der Ruag als Vermieterin der Produktionshallen konnte nicht erwirkt werden. Zudem spricht Berghoff von hohen Stromkosten: Diese hätten sich in einem durchschnittlichen Monat auf 30000 Franken belaufen, die Netznutzungsgebühr an die Ruag für die Zuleitung kostete zudem 8000 Franken.

Hat sich der Verwaltungsrat verspekuliert?

Ein ehemaliger Mitarbeiter und weitere Informanten, die sich mit unserer Zeitung in Verbindung setzten, geben noch einen anderen Grund für den verlorenen Auftrag des Hauptkunden an. So habe der Berghoff-Verwaltungsrat das Grossunternehmen dazu bringen wollen, ein neues Berghoff-Werk in den USA mitzufinanzieren. Als Druckmittel habe der Verwaltungsrat damit gedroht, Lieferungen von Komponenten aus Altdorf zu stoppen. «Spekulationen kommentiere ich nicht», so Ulrich Berghoff.

Laut eines Informanten unserer Zeitung hat Berghoff am Urner Standort stets eine gute Qualität abgeliefert, die der Hauptkunde sogar mit Zertifikaten bestätigte. Dies werde etwa mit dem Gewinn in Millionenhöhe unterstrichen, den Berghoff bis zum 3. Quartal dieses Jahres erzielte – und dies erst noch in der Exportbranche, in der es Schweizer Firmen aufgrund des Lohnniveaus schwer haben. Die Geschäftsbeziehungen mit dem Grosskunden reichen zudem zurück bis in die Zeit, als das Unternehmen noch Ruag Mechanical Engineering hiess. 2013 wurde dieses von der Berghoff Gruppe übernommen. Eine missglückte Heirat, wie der Informant sagt. «Anfänglich lief es noch recht gut, bis eines Tages bekannt wurde, dass die Maschinen verkauft wurden.» Offenbar setzte das Unternehmen auf das Finanzmodell «Sale-Lease-Back», bei dem Maschinen verkauft und anschliessend vom Käufer gemietet werden. 90000 Franken habe die Monatsmiete betragen. «Wer von diesem Modell profitiert hat, will niemand so recht wissen», so der Informant. Zudem will er von einem Hackerangriff wissen, bei dem eine hohe sechsstellige Summe verloren gegangen sei. Die Mitarbeiter seien nie über den Ausgang informiert worden. Sie hätten aber zu spüren bekommen, dass immer mehr Geld an den Hauptsitz in Deutschland geflossen sei, dies ohne messbare Leistungen.

«Ruag soll dem Kanton Land zurückgeben»

Auch der ehemalige Mitarbeiter äussert sich kritisch gegenüber der Hallenvermieterin Ruag. Denn Berghoff habe pro Monat eine Miete von 100000 Franken bezahlt. «Man darf die provokative Frage stellen, was die Ruag auf dem Schächenwald-Areal noch zu suchen hat?», so der Informant. Nur noch ein marginaler Teil werde für die Rüstungsgüter benötigt. «Es wäre Zeit, fair und logisch, wenn die Ruag das Areal dem Kanton Uri zum symbolischen Beitrag von einem Franken zurückgeben würde. Denn zu diesem Betrag erhielt seinerzeit der Bund dieses Land.» Auf diese Weise würde auch die Möglichkeit bestehen, ein Nachfolgeunternehmen aufzubauen. «Es liegt nun an der Führungscrew, mit möglichen Investoren und Firmen ins Gespräch zu kommen und den modernen Betrieb zu präsentieren.» Das wichtigste für eine Nachfolgelösung sei vorhanden: «In Uri gibt es Mitarbeiter mit besten Qualifikationen», so der Informant.

Diverse Massnahmen wurden eingeleitet

Derweil ist Berghoff mit Sofortmassnahmen beschäftigt: «Wir sind bestrebt, eine bestmögliche Lösung für alle Mitarbeiter zu finden», schreibt Verwaltungsrat Berghoff. Eingeleitet wurde folgendes: Kontaktaufnahme mit diversen Fertigungsbetrieben aus der Region; Vorstellung namhafter Unternehmen vor Ort zur Übernahme von möglichen Mitarbeitern (Beginn ab 10. Dezember); Aushang von Stelleninseraten (mit ständiger Aktualisierung neuer Stellenangeboten); Workshops für das korrekte Zusammenstellen eines Bewerbungsdossiers (Beginn ab 9. Dezember); Eins-zu-eins-Betreuung beim Bewerbungsablauf; Gespräche mit dem Amt für Berufsbildung sowie dem Verband technische Berufe. Für kommenden Dienstag ist zudem ein Kennenlerntag mit einem grossen Arbeitgeber der Zentralschweiz organisiert, um offene Vakanzen zu besetzen. Die Kritik der Gewerkschaft Syna, Berghoff nehme seine soziale Verantwortung nicht wahr (siehe Ausgabe von gestern), weist Berghoff deshalb klar zurück.