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BILDUNG: Frühe Zusage wird als Köder benutzt

Vor dem neunten Schuljahr sollen keine Lehrstellen vergeben werden. An diese Empfehlung der Bildungsdirektion halten sich aber oft nur grosse Urner Lehrbetriebe.
Daniel Regli
Besonders bei Berufen mit Rekrutierungsproblemen werden Lehrstellen oft zu früh vergeben. (Symbolbild Manuela Jans-Koch)

Besonders bei Berufen mit Rekrutierungsproblemen werden Lehrstellen oft zu früh vergeben. (Symbolbild Manuela Jans-Koch)

Daniel Regli

Die Lehrstellen in Uri werden immer früher vergeben. Diese Nachricht kam vor Kurzem von der Urner Bildungsdirektion (siehe unsere Zeitung vom 13. Juli). Für den diesjährigen Lehrbeginn haben insgesamt 17 Prozent der Jugendlichen die Zusage für eine Lehrstelle bereits in der zweiten Oberstufe, also im achten Schuljahr, erhalten. Viel zu früh, findet die Urner Bildungsdirektion.

Lehrabbrüche wegen früher Wahl

«Wenn die Jugendlichen bereits bei einer ersten Schnupperlehre in der zweiten Oberstufe eine Zusage erhalten, befassen sie sich nicht mehr mit anderen Berufen», sagt Yvonne Slongo, Leiterin Amt für Berufsbildung bei der Urner Bildungsdirektion. Der Berufswahlprozess werde so vorzeitig abgebrochen, und die Auseinandersetzung mit verschiedenen weiteren Möglichkeiten finde nicht mehr statt. «Es gibt klare Indizien, dass es infolge verfrühter Berufswahl mehr Lehrabbrüche gibt», sagt Slongo. Solche unnötigen Auflösungen von Lehrverträgen sind für alle Beteiligten äusserst unangenehm.

Bei den eigenen Lehrstellen achten die Verantwortlichen der kantonalen Verwaltung deshalb ganz genau darauf, dass diese nicht zu früh vergeben werden. «Eine Zusage bereits in der zweiten Oberstufe wird bei uns strikte vermieden», sagt Patrick Schuler, Lehrlingsverantwortlicher beim Kantonalen Amt für Personal. «Die Selektion gehört ganz klar in die dritte Oberstufe.»

Die Grossen halten sich daran

Ein Umfrage unserer Zeitung bei den grössten Urner Lehrbetrieben zeigt ein deutliches Bild: «Wir schreiben unsere eigenen Lehrstellen zwar bereits im Juli und August aus, die Rekrutierung findet dann aber im Herbst und somit im neunten Schuljahr statt», sagt Claudia Zgraggen, Leiterin HR und Kommunikation beim Kantonsspital Uri. Ebenfalls an die Empfehlung der Bildungsdirektion hält sich die Urner Kantonalbank (UKB). «Der Auswahlprozess beginnt bei uns im Sommer nach dem achten Schuljahr», sagt Leo Brücker, Leiter Personal bei der Urner Kantonalbank.

Und auch Josef Christen, Leiter Personal bei der Elektrizitätswerk Altdorf AG (EWA), versichert: «Bei uns findet der Rekrutierungsprozess im neunten Schuljahr statt.» Ähnlich tönt es bei der Dätwyler Schweiz AG: «Wir vergeben die Lehrstellen bewusst nicht an Schüler der zweiten Oberstufe. Die Berufswahl ist für die Jugendlichen ein wichtiger Prozess, der genügend Zeit benötigt», so Kerstin Wiss, Verantwortliche für die Koordination des Lehrlingswesens.

Empfehlung wird oft ignoriert

Die Stellungnahmen der grössten Urner Lehrbetriebe lassen darauf schliessen, dass es die kleinen und mittleren Betriebe sind, die ihre Lehrstellen zu früh vergeben. «Wir beobachten den Trend, dass die Empfehlung der Bildungsdirektion immer weniger berücksichtigt wird», erklärt Josef Christen vom EWA, dem grössten Ausbildungsbetrieb für Elektroinstallateure. Die Verantwortliche der Dätwyler Schweiz AG, Kerstin Wiss, bringt es auf den Punkt: «Für eine faire Lehrstellenvergabe wäre es zentral, dass sich alle Lehrbetriebe an eine Abmachung halten. Diesbezügliche Bemühungen von unserer Seite waren leider nicht fruchtbar.»

Von den konkreten Bemühungen der Dätwyler Schweiz AG hat Yvonne Slongo keine Kenntnis. Aber auch beim Amt für Berufsbildung hat man keine Freude, wenn Betriebe die Lehrstellen bereits im achten Schuljahr vergeben. Dem Amt sind aber die Hände gebunden. «In der Schweiz herrscht Vertragsfreiheit. Wir können nur appellieren, Sanktionsmöglichkeiten haben wir keine.» Das einzige Instrument des Amts ist der Zeitpunkt, wann es die Lehrverträge genehmigt: «Diese bewilligen wir erst ab Beginn des neunten Schuljahres. Wenn jedoch eine mündliche Lehrstellenzusage bereits früher erfolgt, können wir das nicht überprüfen und schon gar nicht verhindern.» Freie Lehrstellen werden zudem erst beim Start des neunten Schuljahres auf der offiziellen Webseite publiziert.

Gefahr eines späteren Abbruchs

Auf die Frage, welche Betriebe die Lehrstellen zu früh vergeben, hat Slongo eine plausible Erklärung: «In der Regel sind es Firmen, die Berufsausbildungen mit geringer Nachfrage anbieten.» Wenn sich dann endlich mal ein Jugendlicher für einen solchen Beruf interessiert, lässt man ihn nicht gerne wieder von der Angel. «Die Jugendlichen werden dann quasi mit einer frühen Zusage geködert. Zum Nachteil des Berufswahlprozesses und mit der grossen Gefahr eines späteren Lehrabbruchs», wie Yvonne Slongo betont.

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