BILDUNG: «Hunde begleiten mich schon mein ganzes Leben»

Yannic Wey hat sich in einer Vertiefungsarbeit mit der Lawinenrettungshündin Kaira seines Vaters befasst. Sie ist ein echtes Familienmitglied.

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Yannic Wey mit Kaira, dem Lawinen- rettungshund seines Vaters. (Bild Paul Gwerder)

Yannic Wey mit Kaira, dem Lawinen- rettungshund seines Vaters. (Bild Paul Gwerder)

Für den 20-jährigen Yannic Wey* ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er am Sonntagnachmittag bei stürmischem Schneetreiben in Andermatt mit der Hündin Kaira unterwegs ist. «Bei diesen Ausflügen lerne ich das lieb gewonnene Tier noch besser kennen», sagt er bei unserem Treffen im Urserntal. Die dreijährige hellbraune Labradorhündin ist speziell ausgebildet, um bei einem Lawinenunglück zum Einsatz zu kommen. «Hunde begleiten mich schon mein ganzes bisheriges Leben, denn mein Vater Markus ist Bergführer und zudem Lawinenhundeführer», erklärt Yannic Wey seine Liebe zu dieser Hündin, die mittlerweile von der ganzen Familie ins Herz geschlossen worden ist.

Bei Auswahl dabei gewesen

Markus Wey bildet bereits die fünfte Generation von Lawinenrettungshunden aus. Dafür braucht es ein Tier, das körperliche Kraft, Schnelligkeit und eine gewisse Grösse vereint, um Menschen in Lawinen zu finden und auszugraben. Früher waren dies meistens deutsche Schäferhunde. Heute werden zudem vorwiegend familienfreundliche Rassen wie Retriever-Labradore und Border-Collies zu Rettungshunden ausgebildet. Etwas vom Wichtigsten ist es, einen geeigneten Züchter zu finden. Ist dieser gefunden, muss man sich für ein Männchen oder Weibchen entscheiden, denn es gibt zwischen den Geschlechtern Unterschiede hinsichtlich des Charakters. Der Rüde ist eher dominant, während ein Weibchen den Hundeführer grundsätzlich schneller als Rudelführer anerkennt. «Als mein Vater den heutigen Hund aussuchte, durfte ich dabei sein», erinnert sich Wey. «Dies ist eine Herzensangelegenheit, denn nach einiger Zeit kamen die Welpen näher, und eines war praktisch die ganze Zeit bei meinem Vater. So war für ihn bald klar, dass dies das Tier war, das er suchte: lebhaft, kerngesund und aufmerksam.»

Viel Zeit für Sozialisierung

Als die Weys das Jungtier zwölf Wochen nach der Geburt abholen konnten, gaben sie ihm den Namen Kaira. «Nun war Geduld gefragt, denn die Sozialisierung mit der neuen Hausbewohnerin brauchte viel Zeit», erinnert sich Yannic Wey. «Zwischen dem Hundeführer und Hund muss eine sehr enge Beziehung entstehen, denn nur so ist es möglich, den Hund optimal auszubilden.»

Hunde können gut unterscheiden

Auch die anderen Familienmitglieder mussten sich an die neue Hausbewohnerin gewöhnen. «Während dieser Zeit haben alle Familienmitglieder, auch meine Mutter und meine drei Schwestern, mit der Hündin gespielt und viel Zeit mit Kaira verbracht», erklärt Wey. «Dabei stellte ich fest, dass Hunde einen riesigen Instinkt haben und bald merken, ob sie es mit guten oder bösen Menschen zu tun haben. Kaira konnte schnell zwischen gut oder schlecht unterscheiden, aber auch, ob sie es mit traurigen oder glücklichen Leuten zu tun hatte», schreibt Wey in seiner Arbeit.

Bevor Kaira die Ausbildung zur Lawinenrettungshündin absolvieren konnte, musste sie den Eintrittstest bestehen. Dieser beinhaltete Gehen an der Leine, Folgen frei, Vorangehen und Verbleibpositionen. Kaira erfüllte die Testanforderungen bravourös und wurde dafür entsprechend belohnt.

Ausbildung in mehreren Phasen

Bei der eigentlichen Ausbildung wird ein künftiger Rettungshund mit dem Meister an die Schneelöcher angewöhnt. In der zweiten Phase versteckt sich der Hundeführer in einem Schneeloch, das zugeschüttet wird. Nun wird der Hund mit dem Kommando «such» losgeschickt, und er muss das zugedeckte Loch freigraben, bis er selbstständig zum Meister durchdringen kann. Dann folgt die Phase, in welcher der Hund fremde Personen im Lawinenkegel aufspüren muss. «Bei der Abschlussprüfung, an die ich meinen Vater begleiten durfte, musste unsere Hündin auf einem improvisierten Lawinenfeld eine eingegrabene Person suchen. Diese Aufgabe meisterte Kaira sehr gut», so der junge Andermatter. Im nächsten Ausbildungsschritt mussten mehrere verschüttete Skifahrer gesucht werden. Zur Ausbildung gehörten ferner auch die Gegenstandssuche, die Teamarbeit und die Einsatztaktik.

Nervosität wird abgelegt

«Ein Hund spürt sofort, wenn der Alarm losgeht, dass es sich um einen Ernstfall handelt», sagt Vater Markus Wey. «Alles muss dann schnell gehen, und das merkt der Hund.» Speziell problematisch werde es für Kaira, wenn der Heli Schnee aufwirble. Spätestens bei der Suche auf dem Lawinenkegel lege ein Lawinenrettungshund aber seine Nervosität ab. Bei einem Ernstfall darf sich der Hund nicht selbstständig zur verschütteten Person durchgraben, sondern er muss dem Führer zeigen, dass er die verschüttete Person gewittert hat. Dabei zählt jede Sekunde: «20 Minuten nach der Verschüttung einer Person ist die Überlebenschance bereits um 60 Prozent gesunken, deshalb führen nur Schnelligkeit und die gezielte Ausbildung der Lawinenhunde und dazu viel Training zum Erfolg», schreibt Wey abschliessend in seiner Arbeit.

Paul Gwerder

Hinweis

Der zwanzigjährige Automobilmechatroniker-Lehrling Yannic Wey aus Andermatt hat seine rund 16-seitige Vertiefungsarbeit gestern Montagabend im Berufs- und Weiterbildungszentrum Uri präsentiert.