«Bitte beenden Sie meinen Albtraum»

Die beiden Angeklagten hatten gestern das letzte Wort. Sie beteuerten ihre Unschuld. Staatsanwalt und Verteidiger übten sich derweil in gegenseitiger Kritik.

Merken
Drucken
Teilen

Mit den letzten Vorträgen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung (siehe Box) sowie dem letzten Wort der Angeklagten gingen gestern die Verhandlungen im Prozess gegen Ignaz W. und Sasa S. zu Ende. Staatsanwalt Bruno Ulmi fordert für Ignaz W. wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft und wegen versuchter Tötung 15 Jahre Freiheitsstrafe. Sasa S. soll wegen versuchten Mordes 12½ Jahre ins Gefängnis. Die Verteidiger der beiden Angeklagten plädieren für einen Freispruch ihrer Mandanten. Das Urteil soll am Donnerstag, 25. Oktober, verkündet werden.

«Ich habe nicht geschossen»

«Ich war in der Vergangenheit kein Engel und habe strafbare Handlungen begangen», sagte der mutmassliche Auftragskiller Sasa S. gestern. Dafür sei er zu Recht bestraft worden. «Aber ich habe nicht auf diese Frau geschossen und bin auch nie in diese Richtung angefragt worden», beteuerte der 24-jährige Kroate. «Der Entscheid liegt nun in Ihren Händen. Ich hoffe einfach auf ein gerechtes Urteil.», so Sasa S.

Wie eine Droge gewesen

«Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass man hier kein Strafverfahren durchführt, sondern eine Hexenjagd», erklärte Ignaz W. einleitend. Sein Leben sei in den vergangenen Jahren «mit viel Ärger verknüpft» gewesen. Dabei habe er sich immer wieder auf seine Schlitzohrigkeit verlassen. «Dass ich damit an Grenzen stossen könnte, war mir immer bewusst», betonte der 44-jährige Erstfelder Barbetreiber. Aber das Leben an dieser Grenze und manchmal – wenn sich die Gelegenheit geboten habe – mit einem Bein darüber hinaus, sei irgendwie wie eine Droge gewesen. Im Bewusstsein, im Fokus der Polizei zu stehen, habe er aber immer klare Prinzipien gehabt: «Ich wusste, was ich tat, und das waren keine Verbrechen.»

«Das Opfer braucht Hilfe»

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Verfahren habe er im vergangenen September eine Strafanzeige gegen das Opfer, seine Noch-Ehefrau Nataliya K., eingereicht, und zwar wegen deren Verhalten in diesem ganzen Fall. «Diese Anzeige habe ich am vergangenen Wochenende zurückgezogen, nicht weil sie zu wenig Substanz gehabt hätte, sondern weil ich glaube, dass das Opfer Hilfe braucht und nicht noch weitere Probleme.» Er habe Nataliya K. vor Gericht in ihrer Verzweiflung wieder gesehen, und das lasse niemanden kalt.

Viele Widersprüche und Lügen

«Ich weiss nicht, ob Sie sich vorstellen können, was es heisst, zwei Jahre eingesperrt zu sein und zu wissen, dass man die zur Last gelegte Tat nicht begangen hat», sagte Ignaz W. Dazu komme die unerträgliche Sorge um die Personen, die man liebe und schätze. Am tiefsten getroffen habe ihn die Anschuldigung von Nataliya K., er habe ihrem gemeinsamen Sohn etwas antun wollen. «Der Prozess hätte wohl noch Wochen gedauert, wenn man alle seltsamen Argumente der Anklage hätte widerlegen sowie sämtliche Widersprüche und Lügen hätte aufzeigen wollen», zeigte sich Ignaz W. überzeugt. «Die Ausführungen der Staatsanwaltschaft und der Rechtsvertreterin des Opfers haben einfach viel widersinnigen Mist und Blödsinn enthalten», so der Angeklagte. Und zum Schluss appellierte er an die Richter: «Bitte beenden Sie meinen Albtraum möglichst schnell. Ich will nach Hause zu meiner Freundin und zu unserem gemeinsamen Kind.»

Bruno Arnold

Staatsanwalt spricht von «Räubergeschichten»

«Die Staatsanwaltschaft schildert uns einen Tatablauf, der auf einer vorgefassten Meinung beruht und dem gesunden Menschenverstand widerspricht», waren sich Hansjörg Felber, der Verteidiger von Sasa S., und Linus Jaeggi, Verteidiger von Ignaz W., in ihren Plädoyers einig (siehe Neue UZ vom Samstag). Das Gesamtkonstrukt weise zahlreiche gravierende Widersprüche und Ungereimtheiten auf, und es würden zahlreiche «Beweise» präsentiert, die einer genauen Überprüfung nicht standzuhalten vermöchten. Felber nannte am vergangenen Freitag mehrere andere mögliche Varianten für den Tatablauf.

Linus Jaeggi vermisste bei den Untersuchungsbehörden «striktes wissenschaftliches Vorgehen und logisches Denken». Der Verteidiger von Ignaz W. betonte, dass die Wahnhaftigkeit von Opfer Nataliya K. «in diesem Drama eine zentrale Rolle spielt». Die Frau des Barbetreibers leide an der fixen Vorstellung, ihr Mann trachte ihr nach dem Leben und niemand glaube ihr. Nun versuche sie, Beweise dafür zu finden und stecke ihr gesamtes Umfeld mit diesem Wahn an. Jaeggi schilderte in der Folge eine alternative Version. «Es handelt sich zwar um eine Fantasie, aber diese Version ist mindestens so plausibel wie die These der Staatsanwaltschaft.» Und so sieht Jaeggis mögliche Version aus: Um Ignaz W. ins Gefängnis zu bringen, täuscht man einen Anschlag vor, der allerdings nicht plangemäss abläuft, sodass Nataliya K. verletzt wird.

«Gut und seriös ermittelt»

Staatsanwalt Ulmi tat in seiner gestrigen Replik die Varianten der Verteidiger als «Unsinn», «Räubergeschichten» und im Falle des inszenierten Anschlags als «ungeheuerliche Story» ab. Er wehrte sich auch gegen den Vorwurf, dass die Untersuchungsbehörden geschlampt hätten. Der Fall habe nur «dank guter und seriöser Ermittlung» gelöst werden können. «Ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, dass sich die Sache so abgespielt hat, wie ich sie dargelegt habe», betonte der Staatsanwalt. Und wenn Jaeggi den Untersuchungsbehörden schon mangelndes wissenschaftliches Vorgehen und fehlendes logisches Denken vorwerfe, dann zeuge es seinerseits auch nicht gerade von Wissenschaftlichkeit und seriöser Arbeit, wenn er einfach sämtliche Zeugen als psychisch krank bezeichne oder diese mit tendenziösen und suggestiven Fragen zur Rücknahme von Aussagen nötigen wolle.

Felber und Jaeggi beharrten in der Duplik auf ihren Standpunkten. Felber sprach von einem «Kurzschluss bei Staatsanwalt Ulmi»: «Die Tatwaffe wurde bei der Freundin von Sasa S. gefunden, also ist er der Täter»: Dies greife wesentlich zu kurz. «Das ist Stimmungsmache gegen meinen Mandanten und blendet einfach alles aus, was nicht zum Konstrukt der Staatsanwaltschaft passt.» Auch Jaeggi wehrte sich dagegen, dass der Staatsanwalt «Varianten» einfach als «Räubergeschichten» abtue. Angesichts der effektiven Beweislage könne es nur einen Freispruch geben. «Und ein solcher darf dann auch nicht als Versagen des Justizsystems interpretiert, sondern er muss viel mehr als Beweis für dessen Funktionieren gewertet werden.»

bar