Blind im Haus für Kunst Uri eine Ausstellung erleben

Die erblindete Sozialarbeiterin Jacqueline Egger sprach mit Barbara Zürcher darüber, wie sie Kunst wahrnimmt.

Markus Zwyssig
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Barbara Zürcher, Direktorin im Haus für Kunst Uri (links), sprach mit der erblindeten Jacqueline Egger über die aktuelle Ausstellung. (Bild: Markus Zwyssig, Altdorf, 14. November 2019)

Barbara Zürcher, Direktorin im Haus für Kunst Uri (links), sprach mit der erblindeten Jacqueline Egger über die aktuelle Ausstellung. (Bild: Markus Zwyssig, Altdorf, 14. November 2019)

Barbara Zürcher, Direktorin im Haus für Kunst Uri, konnte für ihr «Rendezvous» am Donnerstagabend einen speziellen Gast begrüssen. Jacqueline Egger ist aufgrund einer Erbkrankheit mit 41 Jahren erblindet. Heute ist die inzwischen 55-Jährige als Abteilungsleiterin in der Sozialarbeit mit Flüchtlingen tätig. Egger hatte vorgängig an die Veranstaltung mit einer Begleitperson die Ausstellung im Haus für Kunst Uri besucht.

Die Gruppenausstellung «Natur – zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit. Von Amazonien in die Alpen» im Haus für Kunst Uri unter der kuratorischen Leitung von Barbara Zürcher und Bruno Z’Graggen ist dem Thema Natur gewidmet. Das Projekt will einem breiten Publikum zeigen, wie facettenreich sich zeitgenössisches Kunstschaffen im Zeitalter des Klimawandels mit Natur ausein­andersetzt. Das Thema sei sehr aktuell gerade angesichts der Überschwemmungen in Venedig und der Grossfeuer in Australien.

Auf eine neue Art für die Natur sensibilisieren

«Wir wollen nicht die Moralkeule schwingen, sondern sensibilisieren», so Zürcher. Daher passe ein feinfühliges «Rendezvous» auch sehr gut dazu. Jacqueline Egger musste lernen, anders durch die Welt zu gehen. Bereits im Alter von 14 Jahren wurde sie mit der Diagnose konfrontiert, dass sie erblinden werde. Sie versuchte, das Leben in der ihr verbleibenden Zeit als Sehende sehr intensiv wahrzunehmen. «Ich wollte in den Jahren noch alles sehen, was für mich möglich war.»

Jacqueline Egger sieht seit ihrer Erblindung nur noch hell. Das sei zu Beginn schwierig gewesen, zuerst habe sie abends das Nachttischlicht ausgeknipst, doch das habe nichts genützt. Inzwischen habe sie sich daran gewöhnt. Sie ist sehr aktiv geblieben und fährt sogar als Blinde Ski und ist leidenschaftliche Tangotänzerin. Auch schwimmt sie und fährt Kanu. «Ich probiere alles aus, was man an mich heranträgt.»

Moderne Technik und eigenes Erleben helfen

Beim Arbeiten setzt sie auf moderne Technik und auf sprechende Computer. Eine grosse Hilfe sind ihr Hörbücher. Um Kunst zu erleben ist sie auf eine möglichst genaue Beschreibung angewiesen. Die beiden grossen Fotos des Blüemlisalpgletschers von Georg Aerni in der Ausstellung führen eindrücklich den Klimawandel, das Auftauen des Permafrosts und den Gletscherschwund vor Augen. Jacqueline Egger meinte dazu, dass sie sehr oft am Wandern sei. Dabei komme sie oft in die Nähe von Gletschern. Dort sei es aber wegen dem Geröll sehr schwierig und anstrengend zu laufen.

Die Natur nimmt sie wahr, indem sie sich viel draussen aufhält. Sie spürt die Sonne auf der Haut. Weil sie 40 Jahre gesehen hat, kann sie sich von vielem eine Vorstellung machen. «Kunst muss man mir gut beschreiben können», sagt sie. Wenn jemand beispielsweise sagt, ein Bildausschnitt sei gelb wie eine Zitrone.

Ein eindrückliches Werk in der aktuellen Ausstellung ist der Film des venezolanischen Videokünstlers Javier Téllez, der in New York lebt. Dieser beschäftigt sich mit der Wahrnehmung blinder Menschen. Im Stadtteil Brooklyn wird ein Elefant auf das Areal eines Schwimmbads geführt. Sechs blinde Menschen sitzen auf Stühlen. Der Film zeigt, wie einer nach dem andern den grauen Riesen abtastet und was die blinden Menschen dabei erleben. Egger sagt dazu: «Es ist für Blinde mutig, so ein grosses Tier anzufassen.»

Egger hat sich im Laufe der Zeit eine eigene Welt erschaffen. Sie mache sich ihre Bilder, ihre Vorstellungen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen würden. Auf die Frage, ob sie wieder sehen möchte, meinte sie, das müsse nicht unbedingt der Fall sein, weil sie inzwischen ihre imaginäre Seite entwickelt hat.

Sie habe als Blinde viele tolle Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen gehabt, sagt die Frau, die offen mit ihrer Behinderung umgeht: «Ich möchte eine Türöffnerin für die Blinden sein.»

Kunst ertasten ist nur selten möglich

Barbara Zürcher sagte, ihr sei im Gespräch klar geworden, wie sehr ein Kunsthaus visuell geprägt werde. Erschwerend komme hinzu, dass es aus Sicherheitsgründen nur selten erlaubt sei, ein Kunstwerk zu ertasten: «Wir müssen diesbezüglich offener werden.» Jacqueline Egger erzählte von Ausstellungsprojekten, bei denen es insbesondere für Menschen mit einer Sehbehinderung tatsächlich möglich sei, Kunst zu ertasten – und zwar sowohl Skulpturen als auch Bilder.

Die Ausstellung ist bis zum 24. November am Donnerstag und Freitag von 14 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.