Blitzlicht
Gedanken über den Dienstleistungsgedanken

Redaktionsleiter Florian Arnold über eine Interaktion am Kiosk

Florian Arnold
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Florian Arnold, Leiter Redaktion Urschweiz, Stans

Florian Arnold, Leiter Redaktion Urschweiz, Stans

Bild: Manuela Jans-Koch

Ich gebe es zu, ich zähle nicht zu den geduldigsten Menschen. Aber eine Minute hat man immer noch aufbringen können. Ich stehe im leeren Kiosk eines Grossverteilers – und schliesslich hätte ich mich ja auch in eine Schlange gestellt, wenn es da eine gäbe. Die beiden Mitarbeiterinnen sind etwas im Hintergrund der Verkaufstheke in ein eifriges Gespräch verwickelt, es geht offenbar um eine Blumenbestellung. Zweifelsohne ein wichtiges Gespräch, das sicher nicht durch einen Kunden gestört werden darf. Ich will ja nicht mit der Schuld an einem Blumendebakel leben.

Die erste Geduldsminute ist vorüber, als ich mich dabei ertappe, wie ich mich auf meine Fussballen stelle. Die 8 Zentimeter Gewinn an Körpergrösse lassen einem ja beinahe riesig erscheinen. Doch die ungeteilte Aufmerksamkeit bleibt bei den Hyazinthen und Amaryllis. Ich komme auf den Boden der Tatsachen zurück: flowers first!

Es ist überstanden, die Verkäuferin findet den Weg zur Theke. Von westlicher Erziehung und Gesellschaftsnormen geblendet erwarte ich nun – heute kann ich mir die Naivität nicht mehr erklären – dass mich die Verkäuferin nun mit einem Lächeln begrüsst. Und in den entferntesten Vorstellungen – in jenem Hirnareal, in dem die Wahrscheinlichkeit ins Bodenlose fällt – taucht sogar der Gedanke auf, sie könnte sich fürs Wartenlassen entschuldigen.

Ein zu mir gerichteter Kopf muss genügen, um mir zu signalisieren, dass die Verkäuferin nun bereit ist, sich eventuell ein Anliegen meinerseits anzuhören – also unter Umständen. Meine ich es nur, oder will mir der Blick sagen: «Du bist grundsätzlich unerwünscht, störst bei der Blumenbestellung und wehe, du stellst eine unanständige Frage...?» Diese schlimmen Folgen in Kauf nehmend stelle ich die Frage: «Könnte ich eine Autobahnvignette haben?» – «Nein.» Es wird das einzige Wort bleiben, das die Verkäuferin zu mir sagen wird während unserer Interaktion.

Wieder geht mit mir meine Vorstellungskraft durch und liefert mir Antwortmöglichkeiten: «Tut mir leid, das führen wir nicht»; «Die müssten sie an einer Tankstelle kaufen»; «Ich weiss leider nicht, wo sie Autobahnvignetten kaufen können. Auf jeden Fall viel Glück bei der Suche und noch einen schönen Tag.»...

Dabei hat sie ja bloss ihren Job gemacht. Eine geschlossene Frage wird mit Ja oder Nein beantwortet. Das lernt man in jedem Journalistenkurs.

Ach, wären doch alle Menschen so pragmatisch.