Borromeo-Festival in Uri: Die Musik zieht Studenten aus aller Welt an

Diese Tage steigt das zweite Borromeo-Festival. An dem internationalen Event wird fast rund um die Uhr musiziert.

Christian Tschümperlin
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Borromeo-Festival: Die drei Urner Teilnehmer Naemi Dal Farra (Geige), Valentina Halter (Klavier) und Fabian Aschwanden. (Bild: Florian Arnold, Altdorf, 16. Juli)

Borromeo-Festival: Die drei Urner Teilnehmer Naemi Dal Farra (Geige), Valentina Halter (Klavier) und Fabian Aschwanden. (Bild: Florian Arnold, Altdorf, 16. Juli)

Sie sind jung, leidenschaftlich und musikalisch: Fast 50 Jugendliche aus aller Welt treffen sich am Dienstagmorgen in der Cafeteria der Kantonalen Mittelschule Uri. Es herrscht eine lebhafte Stimmung. Die jungen Talente werden während zehn Tagen an der zweiten Ausgabe des Borromeo-Festivals ihr musikalisches Können unter Beweis stellen. Gespielt wird klassische Musik, die vom späten 17. Jahrhundert bis heute reicht. Angereist sind die Musikschüler aus Frankreich, England, Amerika, Kanada, Südkorea und China. Mit von der Partie sind auch Fabian Aschwanden (23, Bratsche), Naemi Dal Farra (19, Geige) und Valentina Halter (17, Piano) aus Altdorf sowie Vera Stöckli und Annina Zumbühl aus Luzern.

Wie der Faktor Mensch in die Musik hineinspielt

Die drei Altdorfer freuen sich auf die kommenden Tage. «Ich finde es toll, dass das Festival gerade hier in Altdorf stattfindet», sagt Valentina Halter. «Die Chance, dass so ein grosser Kurs in so einem kleinen Dorf stattfindet, ist gleich null», fügt Fabian Aschwanden an. Am «Borromeo» könne man Freundschaften schliessen mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern.

Nicht zu unterschätzen sei der Faktor Mensch beim Musizieren. «Wenn zwei Musiker stark gegensätzliche Meinungen vertreten, kann das sehr destruktiv sein», meint Aschwanden. Umgekehrt könne sich eine positive Dynamik für die ganze Gruppe entwickeln, wenn zwei Meinungen in dieselbe Richtung zielten. Bei den Meinungsverschiedenheiten geht es oft um musikalische Freiheiten.

Die Einteilung, wer mit wem spielt, haben die Organisatoren Lorenz Gamma und seine Frau Ming Tsu im Voraus vorgenommen. «Man wird zusammengewürfelt», sagt Valentina Halter. Vom Duo bis zum Quintett kann man in x-beliebigen Gruppen landen. Valentina Halter wird etwa ein Duo mit einer anderen Pianistin einstudieren.

Beim Kammerspiel geht man aufeinander ein

Doch nicht alles am Festival entwickelt sich spontan. Die Musikschüler kannten die zu spielenden Stücke bereits im Voraus und haben fleissig geübt, wie Naemi Dal Farra sagt. «Wenn wir zusammenkommen, geht es darum, nicht nur die eigene Stimme zu kennen, sondern auch die der anderen Person», erklärt Fabian Aschwanden. Wann muss man Kontakt aufnehmen zur Cellistin? Wann muss man auf das Klavier hören? «Bei der Kammermusik gibt es keinen Dirigenten, man muss das selber merken, das ist eine gute Freiheit», sagt er. Das Programm, das er spielt, ist Teil seines Bachelor-Abschlusses an der Hochschule Luzern, Musik.

Von seinem Instrument ist der Urner voll überzeugt. «Der Klang der Bratsche ist recht nah an der menschlichen Stimme, das macht es angenehm. Die Geige hat halt eine etwas hellere Klangfarbe», sagt der junge Musiker, der einst selber Geige spielte. Naemi Dal Farra bleibt der Violine treu: «Sie ist ein Teil von mir geworden, die Geige gehört zu mir, ich könnte es mir gar nicht mehr anders vorstellen», sagt sie.

Es berührt sie, wenn mehr als vier Akkorde erklingen

Was alle Musikschüler am Borromeo-Festival verbindet, ist die Liebe zur klassischen Musik. Und das in einer Zeit, in der viele Jugendliche Pop, Hip Hop, House oder Rock hören. Wie kommt diese Liebe zustande? «Mich persönlich berührt klassische Musik mehr, ich finde, sie ist vielfältiger als Pop-Musik, die meistens nicht mehr als vier Akkorde hat», gibt Dal Farra zu bedenken. Pop-Musik gehe mehr in den Kopf – und klassische Musik ins Herz. Valentina Halter stimmt zu: «Klassische Musik ist einfach vielschichtiger, es wird einem nie langweilig.» Für Fabian Aschwanden ist aber auch klar: «Man hört sich jetzt keine Symphonie an, wenn man joggen geht.» Aber letztlich sei jeder Musikstil wie eine Sprache: Man verstehe sie nicht, wenn man sie zum ersten Mal höre, aber mit der Zeit mache sie Sinn. Und können sich die Musikschüler am Festival musikalisch weiterentwickeln? «Auf jeden Fall, aber ich merke es erst im Nachhinein. Musikalische Inputs brauchen ein, zwei Wochen, um zu reifen», sagt er.

Borromeo-Festival:Kyung-Ah Oh (Geige) aus Südkorea

Borromeo-Festival:Kyung-Ah Oh (Geige) aus Südkorea

Borromeo-Festival: Hanna Shen (Piano) aus Toronto

Borromeo-Festival: Hanna Shen (Piano) aus Toronto

In der Mittagspause trifft man auf Kyung-Ah Oh aus Südkorea und Hanna Shen aus Toronto. Sie haben sich soeben kennen gelernt. Kyung studiert Violine-Performance an der Yale University und Shan Piano-Performance an der Universität von Toronto. Beide erzählen eine ähnliche Geschichte: Das Borromeo-Festival wurde ihnen von ihren Lehrern empfohlen. Als sie die tolle Landschaft des Kantons Uri sahen, haben sie sich angemeldet. «Das Festival ist für mich zur Hälfte Ferien und zur Hälfte Musik», sagt Shen. Oh mag es, der klassischen Musik auch mal eine persönliche Färbung zu geben. «Aber natürlich sollte man nicht zu weit vom Original abweichen». Denn eines ist für sie klar: «Die Stücke der klassischen Musik sind zeitlos.»

Extra aus Los Angeles angereist ist auch Lorenz Gamma. Der Berufsmusiker ist in Altdorf aufgewachsen, wohnt aber seit 18 Jahren in der fernen Metropole. «Mein Leben in Los Angeles ist eine bunte Mischung aus Musizieren, Unterrichten und Organisieren», sagt er. In Altdorf ist er vor fünf Tagen angekommen, aus organisatorischen Gründen. «Wir waren nonstop am Planen und mussten unter anderem die Flügel bereitmachen.» Insgesamt stellt das Borromeo-Festival den Musikschülern sieben Flügel zur Verfügung, vier sind gemietet.

Selbst die langen Übungszeiten genügen nicht

In seiner Begrüssungsrede sprach Gamma die langen Übungszeiten an: Die Jugendlichen können sich an der Kantonsschule von 7 Uhr morgens bis 11.30 Uhr abends ihrer Leidenschaft widmen. «Es ist unglaublich, diese langen Übungszeiten werden tatsächlich genutzt», sagt er. Die Musiker reisten am Montagabend an – und das mit mächtig Jetlag. «Als wir gestern spät nachts die Schule verliessen, hörten wir sie immer noch üben», sagt er. Offenbar genügt aber sogar das nicht: Gamma wies in seiner Rede darauf hin, dass die Türen nach 23.30 Uhr nicht blockiert werden sollten, weil diese dann überhitzen und repariert werden müssen.

Der erfahrene Musiker war häufig an tollen Festivals eingeladen. So entstand die Idee, auch ein Musikfestival in Altdorf ins Leben zu rufen. Wenn es nach ihm geht, soll es noch lange fortbestehen. Ziel dabei ist es, das Festival jung zu halten. «Es sollen jedes Jahr neue Gesichter dazukommen.»

Das Festival startet am Donnerstag, 18. Juli, um 11 Uhr mit einem Konzert in der St.-Josefs-Kapelle und endet am Sonntag, 28. Juli, um 11 Uhr mit einem Konzert in der Kapelle Kollegium Karl Borromäus. Der Eintritt für die Besucher ist frei. Alle Aufführungsdaten finden sich im Internet unter www.borromeomusicfestival.org.