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Göschenen: Brand weckt böse Erinnerungen

1948 versetzte ein Brand im Munitionsdepot in Göschenen die Bevölkerung in Panik. Die Explosionskatastrophe in einem Munitionslager im bernischen Mitholz vom Dezember 1947 war in Uri damals noch allgegenwärtig.
Christoph Hirtler
Das Munitionslager im sogenannten «Eidgenössischen» in Göschenen mit Wachhaus (links) und Verladerampe. Am 18. August 1948 brannte der Stollen 1 (erste Öffnung im Bild rechts). (Bild: Christoph Hirtler, Göschenen, Oktober 2018)

Das Munitionslager im sogenannten «Eidgenössischen» in Göschenen mit Wachhaus (links) und Verladerampe. Am 18. August 1948 brannte der Stollen 1 (erste Öffnung im Bild rechts). (Bild: Christoph Hirtler, Göschenen, Oktober 2018)

Am 19. Dezember 1947, 23.30 Uhr, explodiert im bernischen Mitholz ein Munitionslager der Schweizer Armee. Zehn Minuten nach Mitternacht kommt es zur dritten und heftigsten Explosion, begleitet von 150 Meter hohen Stichflammen. Die Felswand, in der sich das Munitionsdepot befindet, stürzt ein, wobei sich etwa 250'000 Kubikmeter Gestein lösen. Die Bewohner stürmen aus ihren Häusern, einige sogar barfuss.

Am nächsten Morgen wird das Ausmass der Katastrophe ersichtlich: neun Tote, sieben Verletzte, zahlreiche zerstörte Häuser und Scheunen. 200 Menschen sind obdachlos. Das Gebiet ist kilometerweit übersät mit Blindgängern, die das Depot ausgespuckt hat – von Kleinkalibergeschossen und Tretminen bis hin zu Splitter- und Fliegerbomben mit einem Gewicht von 50 Kilogramm.

Jahrzehntelang wurde die Gefahr unterschätzt. Erst vor wenigen Wochen hat das VBS die Einwohner von Mitholz informiert: Die aktuelle Risikobeurteilung zeigt auf, dass die verschütteten Munitionsrückstände erneut eine Explosion mit verheerenden Folgen verursachen könnten. Die Bevölkerung von Mitholz verlangt nun eine vollständige Räumung des Munitionslagers.

Die Gefahr liegt nur 700 Meter vom Dorf weg

Zwischen Mitholz und Göschenen gibt es Parallelen: Am 18. August 1948, 11 Uhr, bricht in einem Munitionsstollen in Göschenen ein Brand aus. Nicht wenige befürchten eine Katastrophe. Mitholz ist noch allgegenwärtig. Zwei Arbeiter schliessen sofort die Panzertüren und lösen Alarm aus. Das brennende Munitionslager befindet sich gegenüber des Bahnhofs, nur gerade 700 Meter vom Dorf entfernt. In Göschenen weiss niemand, was im Stollen gelagert ist. Artillerie-Munition? Handgranaten? Bomben? Die Angst nach der Katastrophe von Mitholz ist gross. Sirenen heulen. Züge werden gestoppt, die Gotthardbahnlinie und die Strasse gesperrt, Reisende im Luftschutzstollen des Bahnhofs untergebracht.

Alle 1000 Einwohner müssen sich in Sicherheit bringen. Militär patrouilliert im menschenleeren Dorf. «Es setzte eine wilde, jedoch nicht unplanmässige Flucht Richtung Göscheneralp ein», schreiben die «Basler Nachrichten». «Die Leute trugen in den Armen, was sie in der Eile erfassen konnten, wusste doch niemand, ob der Brand nicht schwere Explosionen und die Zerstörung des ganzen Dorfes auslösen würde. Gemeindepräsident Grüter harrte, einem Kapitän auf sinkendem Schiffe gleich, im Dorfe aus.» In Abfrutt suchen die Menschen Schutz in Häusern, Ställen, Kellern, hinter Steinblöcken. Die Angst und Ungewissheit ist gross. Die Gemeinde versorgt die Evakuierten mit Suppe, Brot und Käse. Aus dem Zeughaus werden Wolldecken herbeigeschafft.

Meinrad Gamma, ein ehemaliger SBB-Angestellter und Zeitzeuge aus Göschenen. (Bild: Christoph Hirtler, Göschenen 2018)

Meinrad Gamma, ein ehemaliger SBB-Angestellter und Zeitzeuge aus Göschenen. (Bild: Christoph Hirtler, Göschenen 2018)

Bundesrat Karl Kobelt, Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartments, trifft in Göschenen ein. «Bis zum späteren Nachmittag war zu vernehmen, dass sich das südlichste der vier Munitionsmagazine vor der Station Göschenen in Brand befinde und dass von diesem fortwährend grosse weisse Rauchwolken ausgestossen werden», berichtet das «Urner Wochenblatt» am 21. August 1948. «Gegen 5 Uhr abends schien die Explosionsgefahr beseitigt. Die Bevölkerung wurde in das Dorf zurückgesandt, und ab 6 Uhr konnten die Automobile wieder über den Gotthard fahren. Gegen 7 Uhr abends wurde auch der Zugsverkehr wieder aufgenommen.» Am Freitag ist der Brand in Kammer 1 erstickt. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Bevölkerung und die Verkehrsachsen werden noch einige Tage aufrechterhalten.

Gamma und Indergand erinnern sich

Der 1934 in der Göscheneralp geborene Meinrad Gamma erinnert sich: «Wir wohnten damals im Gwüest, im ‹Peters Huus›. Die Bevölkerung wurde evakuiert und suchte Schutz in Abfrutt, in Wiggen im Grünenwald. Einige reisten nach Wassen oder Andermatt zu Verwandten. Andere suchten Zuflucht in den Tunnels der Schöllenenbahn. Niemand wusste, wie viele Tonnen Munition in den Bunkern lagerten. Alles war geheim. Dies befeuerte die Gerüchteküche: Von ‹Selbstentzündung des Pulvers›, von Sabotage, sogar von Brandstiftung war die Rede. Heute ist die Anlage nicht mehr in Betrieb», erinnert sich Meinrad Gamma.

Zur Serie

Die «Urner Zeitung» berichtet in der Serie «Unscheinbare Orte in Uri und ihre Geschichten» in loser Folge über Objekte und Örtlichkeiten, die vielfach gar nicht wahrgenommen werden, hinter denen aber eine besondere, oft unbekannte und überraschende Geschichte versteckt ist. (bar)

Für Ruth Indergand, Inhaberin des Mineraliengeschäfts am Bahnhof, ist der 18. August 1948 noch immer präsent: «Wir haben dieses Ereignis immer wieder besprochen. Dadurch ist es mir geblieben. Es waren letztendlich die Lehren aus der Katastrophe von Mitholz, die uns verschont haben. Als kurz vor Mittag die Sirenen losgingen, war die Aufregung riesig. Wir flüchteten in den Visierstollen. Er war während des Zweiten Weltkriegs als Zivilschutzanlage ausgebaut worden. Bei uns befand sich auch eine holländische Reisegruppe des gestoppten Schnellzugs. Im Bahnhofbuffet Göschenen war das Mittagessen bereit. Gäste waren keine mehr da. Der Direktor des Buffets, Herr Gurtner, brachte uns das Essen samt Geschirr, Gläsern und Besteck. Meine Mutter hatte Konserven dabei, die sie nun nicht brauchte.»

Strom im ganzen Dorf abgestellt

«Die meisten Einwohner suchten Schutz in Abfrutt, die Polizei hat sie aus den Häusern geholt», weiss Ruth Indergand. «Doch sie flüchteten in die falsche Richtung, genau in der Schussrichtung des Munitionsdepots. Sie hätten nach Wassen oder Andermatt fliehen müssen. Danach durchsuchte die Polizei Haus für Haus, viele hatten vergessen, den Kochherd auszuschalten. Das Elektrizitätswerk schaltete darauf im ganzen Dorf den Strom ab. Wir verliessen Göschenen am Abend und fuhren zu meiner Tante nach Andermatt.» Experten des Bundes klärten die Ursachen des Brandes in Göschenen ab: Es gilt als sicher, dass sich bei Geschosszündern durch Korrosion das hochexplosive Kupferazid gebildet hatte.

Nach der verhängnisvollen Explosion im Bernbiet lagerte man in Göschenen Zünder und Ladung nicht mehr gemeinsam. Das führte dazu, dass es im Urnerland nicht zu grösseren Zerstörungen, sondern zu einer Deflagration kam, einer schnellen Verbrennung. Den Verantwortlichen wurden «keine pflichtwidrige Unvorsichtigkeit und Fahrlässigkeit» zur Last gelegt.

1973: erneute Explosion

Am 11. Juli 1973, 15.30 Uhr, explodiert in Göschenen eine unterirdische Pump- und Abfüllstation der Armee. Durch die Druckwelle werden die Panzertüren des Stollens weggeschleudert. In drei Fahrzeugen, die im Moment der Explosion die Reussbrücke ausgangs Dorf passieren, sterben zwei Menschen, 16 werden verletzt. An Gebäuden der Bundesbahn und der Furka-Oberalp-Bahn entsteht erheblicher Sachschaden. Hunderte von Fensterscheiben gehen in Brüche. Die Explosion wird als «Erdbeben» wahrgenommen. (ch)

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