BRÜSSEL: Urner Integrationsmodell weckt Interesse der EU

Der Urner Heinz Gerig hilft Flüchtlingen bei einer Ausbildung im Gastrobereich. Seine Idee macht in verschiedenen Kantonen Schule. Jetzt kann er sein Konzept sogar EU-Verantwortlichen vorstellen.

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Heinz Gerig wird sein Integrationsprojekt Mitgliedern der EU-Kommission in Brüssel präsentieren (Bild: Florian Arnold (Altdorf, 15. Februar 2017))

Heinz Gerig wird sein Integrationsprojekt Mitgliedern der EU-Kommission in Brüssel präsentieren (Bild: Florian Arnold (Altdorf, 15. Februar 2017))

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch


Integrieren ist besser als ignorieren. Doch das ist einfacher gesagt als getan. In vielen Kantonen fehlt das Rezept, wie mit den vielen Flüchtlingen umgegangen werden soll. Wie es gehen kann, zeigt der ehemalige Spitzenkoch Heinz Gerig. Der Flüeler hat das Integrationsprojekt «Riesco» entwickelt. In einer intensiven Schulung lernen Flüchtlinge dabei das Gastrohandwerk kennen, aber auch den harten Arbeitsmarkt der Schweiz. 227 Tage dauert die Ausbildung, die theoretische Teile, aber auch mehrere Praktika beinhaltet.

Es ist keine Schonkost, die Gerig serviert. «Auf Sie hat hier niemand gewartet», sind jeweils seine ersten Worte, die er an neue Schüler richtet – und so lautet auch der Titel eines Dokumentarfilms, der im vergangenen Jahr auf SRF 1 ausgestrahlt wurde und das Projekt bekannt machte. So hart es tönt, so wahr ist doch die Aussage. Und seine Methode macht sich bezahlt: Die Vermittlungsquote von Abgängern des «Riesco»-Lehrgangs liegt bei 80 bis 85 Prozent.

Wird Konzept bald in ganzer EU übernommen?

Auf die Erfolge ist nun auch das Ausland aufmerksam geworden. Kommende Woche hält der Urner in Brüssel einen Vortrag. Eingeladen wurde Gerig von der «Mission der Schweiz bei der Europäischen Union», die sich für die Interessen der Schweiz im Rahmen der EU einsetzt, sowie von Swiss Core, der Verbindung zwischen der Schweiz und der EU in Sachen Bildung, Forschung und Innovation. Das Treffen dreht sich um die Frage nach der Bildung von Menschen aus Drittstaaten – denn die Bildung ist eine Aufgabe der EU-Mitgliedstaaten. Gerig wird in Brüssel auch mit Vertretern der EU-Kommission in Kontakt treten. Er selber hätte sich gewünscht, dass auch ein Flüchtling aus dem «Riesco»-Lehrgang hätte nach Brüssel mitreisen können. Dies allerdings war aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Gerig wird somit über seine persönlichen Erfahrungen referieren. Wer weiss: Vielleicht wird sein Konzept bald in der ganzen EU übernommen.

Heinz Gerigs Projekt hat sich aber auch in der Schweiz bereits weiterentwickelt. Nach ersten Gehversuchen mit einer Pilotphase 2006 und 2007 lief dieses zuerst in Luzern. Vergangenes Jahr jedoch hat der Kanton Luzern das Projekt auf unbestimmte Zeit sistiert.

Nun machen auch andere Kantone mit

Dafür aber haben andere Kantone das «Riesco»-Programm eingeführt. So etwa der Kanton Zürich. Und es sind weitere Berufsgattungen dazugekommen, in denen die Flüchtlinge sich einarbeiten können. In Zürich wird auch auf Pflegeberufe, Gebäudetechnik und die Automobilbranche gesetzt. «Jeder eignet sich nicht gleich gut für die Gastrobranche», sagt Gerig. Deshalb sei es sinnvoll, immer nach neuen Richtungen Ausschau zu halten. Als Lehrkräfte sucht Gerig jeweils nach absoluten Fachleuten, welche sich um die berufsspezifischen Lektionen kümmern. Die allgemeinen Module bleiben sich aber in allen Sparten gleich.

In der «Riesco»-Ausbildung lernen die Menschen aus fremden Ländern nicht nur ein neues Handwerk kennen. Sie befassen sich auch intensiv mit der deutschen Sprache sowie mit der Schweizer Kultur und den hiesigen Wertvorstellungen. Die Kulturunterschiede sind gross. «Viele Flüchtlinge kennen es gar nicht, arbeiten zu müssen», sagt der Ausbildner, «und vielerorts wird das Arbeiten den Frauen überlassen.» Das habe nichts mit Faulheit zu tun, sondern sei einfach kulturell bedingt. Der Wille, zu arbeiten, sei aber gross. «Die Menschen wollen davon wegkommen, vom staatlichen Geld abhängig zu sein», so Gerig.

Der Urner ist in seinem Leben weit gereist. Als Koch war er auf sämtlichen Kontinenten der Welt tätig. «Manchmal hatte ich das Gefühl, ich sei selber ein Flüchtling», sagt Gerig. «Wenn ich negative Erfahrungen gemacht habe, dann war das meist mit den Schweizern vor Ort», erzählt er. Im Ausland habe er deshalb immer einen Bogen um seine Landsleute gemacht. «Ich habe mich lieber mit den Einheimischen abgegeben und dafür sehr viel bekommen.» Dasselbe merke er jetzt bei der Arbeit mit den Flüchtlingen. «Man bekommt so viel zurück.» Es sei befriedigend, zu sehen, wie stark sich die Menschen in seinen Kursen veränderten.

So viel er von seinen Schützlingen verlangt, so viel Engagement steckt auch er in das Projekt. Der Name Riesco leitet sich ab aus dem italienischen «riuscire», was so viel bedeutet, wie «etwas mit Aufwand erreichen». Es sei aufwendig, die Praktikumsplätze zu bekommen, so Gerig. Dafür verlangt er aber auch vollen Einsatz von den Teilnehmern.

Flüchtlinge sollen in Gesellschaft aktiv sein

«Wenn wir die Menschen nicht integrieren, entsteht eine tickende Zeitbombe», sagt Gerig. Er spricht die Zustände an, die etwa in Frankreich herrschen, wo in Flüchtlingsgettos Parallelwelten entstehen. «Es bringt nichts, wenn wir die Flüchtlinge mit Geld abspeisen. Wir müssen sie zu aktiven Mitgliedern unserer Gesellschaft machen.»

Gerig verweist aber auch auf den demografischen Wandel. «Wenn es so weitergeht, fällt unsere Wirtschaft ab 2030 zusammen», so Gerigs düstere Prognose. «Wir werden immer mehr abhängig von ausländischen Arbeitskräften. Und irgendwann wird es sogar einen Kampf um die Flüchtlinge geben.