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BUCH: Peter Arnold schrieb ein Stück Urner Geschichte

Der Heimweh-Urner Peter Arnold hat ein Buch über seine Familiengeschichte veröffentlicht. Der 72-jährige promovierte Soziologe erzählt dabei nicht nur von seinen Eltern und Grosseltern, sondern schildert auch die damaligen Verhältnisse und den Alltag im Kanton Uri.
Markus Zwyssig
Peter Arnold erinnert sich in seinem Buch an seine Kinder- und Jugendzeit in Schattdorf. (Bild: Urs Hanhart (Schattdorf, 1. März 2018))

Peter Arnold erinnert sich in seinem Buch an seine Kinder- und Jugendzeit in Schattdorf. (Bild: Urs Hanhart (Schattdorf, 1. März 2018))

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Seine Wurzeln hat er nicht vergessen, auch wenn er schon lange nicht mehr in Uri lebt. Heute wohnt Peter Arnold mit seiner Frau in Gland im Kanton Waadt. Mit seinem Heimatkanton fühlt sich der 72-jährige Vater zweier erwachsener Kinder seit ein paar Jahren sogar noch stärker verbunden. Arnold besuchte seine betagte Mutter häufig, als sie ihre drei letzten Lebensjahre im Altersheim verbrachte. «Meine Mutter hat viel gesammelt und besass zahlreiche Fotos von früher.» Dies war Ausgangspunkt für eine vertiefte Forschung der Familiengeschichte.

So richtig los ging es nach Arnolds Pensionierung. Plötzlich hatte er Zeit, viele Gespräche zu führen, vor allem mit seinen Geschwistern. Arnold durchforschte Archive, erstellte Stammbäume, blätterte in alten Zeitungen und vertiefte sich in historische Abhandlungen. Aus all dem und aus eigenen Eindrücken ist das fast 300 Seiten dicke Buch «Wurzeln und Flügel – Geschichte meiner Urner Familie» entstanden.

Geld war rar in der grossen Bauarbeiterfamilie

Peter Arnold hat zehn Geschwister. «Als ich auf die Welt kam, waren bereits vier Geschwister da», sagt er. «Danach gesellten sich noch sechs weitere hinzu.» Daher war der Platz knapp. Gelebt hat die Familie in einem alten «Gadenhaus». So bezeichnet man in Uri ein Wohnhaus, das an einen Stall angebaut ist. Geld war in der grossen Familie Mangelware.

«Der Vater hatte als Bauarbeiter einen schlechten Lohn», erinnert er sich. «Es brauchte die Rechenkünste der Mutter, damit wir überleben konnten.» Die Familie war arm, aber nicht armengenössig, so nannte man Menschen, die von der Armenpflege lebten mussten. Es mussten alle mithelfen.

Was die Kinder verdienten, durften sie nicht in den eigenen Sack stecken. Die älteste Schwester wurde Verkäuferin und hat ihren Lohn bis zur Hochzeit zu Hause abgegeben. Ein Bruder lernte Schreiner, eine Schwester arbeitete im Service, auch sie verdienten ihr Geld für die Familie. Die Kinder ergänzten den mageren Verdienst des Vaters. Nur so schaffte es die Grossfamilie, in den Sechzigerjahren sogar ein Haus zu bauen.

Mit 12 Jahren durfte Peter Arnold in einem Internat die Mittelschule besuchen. Nach der Matura studierte er Soziologie. An der Elfenbeinküste hat er zwei Jahre lang für seine Dissertation geforscht. Er war in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz tätig, arbeitete in Madagaskar, Bangladesch und Tansania. Dass er damals studieren konnte, bezeichnet Peter Arnold als ein Privileg. Bei den meisten Kindern war die schulische Ausbildung nach sieben Jahren Primarschule zu Ende. Die wenigsten konnten die Sekundarschule besuchen. Peter Arnolds Eltern haben ihre Kinder gefördert, wo es möglich war. «Eine solche Unterstützung war damals eher selten», sagt Arnold.

Das ist wohl auch mit ein Grund, dass er nun ein Buch geschrieben hat, das er seinen Eltern widmet. Darin beschreibt er den einfachen Alltag, die Freuden und Leiden und erzählt über die damaligen Essgewohnheiten. «Gegessen wurde, was auf den Tisch kam», sagt Peter Arnold. Hungern brauchten die Kinder nicht, doch die Kost war einfach. Weil er Schwerarbeit verrichten musste, erhielt der Vater manchmal als Einziger ein Stück Fleisch oder eine Wurst. «Die Familie versorgte sich weitgehend selbst», blickt Peter Arnold zurück.

Äpfel, Birnen, Kirschen, Holunderbeeren und Gemüse gab es aus dem Garten. Hier wuchsen auch Salat, Bohnen, ­Kabis, Karotten, Tomaten, Zwiebeln, Rhabarber und Kartoffeln. Jedes Jahr wurde ein Schwein gemästet. Wenn der Störmetzger kam, war Festtag. Danach gab’s Delikatessen wie Schwarten­magen und «Gräibi-Chüächa». «Gräibi» sind die Krümel, die vom ausgelassenen Schweinefett übrig bleiben. Der Glaube und die Kirche spielten eine wichtige Rolle im konservativ-katholischen Kanton Uri. In seinem Buch beschreibt Peter Arnold, wie seine Eltern 1937 geheiratet haben. «Es war eine Doppelhochzeit, um Geld zu sparen.»

Buch soll gegen das Vergessen helfen

Peter Arnold erzählt, wie er den Alltag in der grossen Familiengemeinschaft damals erlebt hat. Mit den Augen des promovierten Soziologen stellt er seine Schilderungen in das gesellschaftliche Umfeld und zeigt auf, wie sich dieses gewandelt und ab den Siebzigerjahren stark geöffnet hat. «Meine kleine Geschichte passt in die grosse Geschichte», sagt er. «Was unsere Familie erlebt hat, ist exemplarisch für viele andere Familien im Kanton Uri und in ländlichen Gebieten in der Zentralschweiz.»

Doch all dies liegt schon weit zurück, droht vergessen zu gehen. Wenn Peter Arnold heute Schattdorf besucht, erkennt er das einst beschauliche, bäuerlich geprägte Dorf kaum wieder. Das Dorf ist ernorm gewachsen, die Bevölkerungszahl hat sich seit den Fünfzigerjahren auf heute über 5000 Einwohner verdoppelt. «Früher gab es viel mehr landwirtschaftliche Fläche», sagt er. «Heute ist alles überbaut.» Vieles, was er in seinem Buch beschreibt, gibt es nur noch in der Erinnerung. Arnold will mit seinem Buch mithelfen, dass das Leben der Vorfahren im Bewusstsein der Gegenwart bleibt. Vor allem nachfolgende Generationen sollen davon profitieren. Das Buch soll mithelfen, dass sie die Welt und den Alltag ihrer Eltern und Vorfahren besser verstehen.

Hinweis
Das Buch «Wurzeln und Flügel – Geschichte meiner Urner Familie» von Peter Arnold ist im Verlag ­Tredition (Hamburg) erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.

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