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BÜRGLEN: Die Orgel hat ein neues Herz

Noch kann Karl Arnold sein Geschenk kaum fassen. Ein Jahr brauche er, bis er das Spiel auf dem neuen Instrument beherrsche.
Florian Arnold
Karl Arnold ist gespannt auf die Möglichkeiten, die ihm die neue Kirchenorgel bietet. (Bild Florian Arnold)

Karl Arnold ist gespannt auf die Möglichkeiten, die ihm die neue Kirchenorgel bietet. (Bild Florian Arnold)

Florian Arnold

Es ist, als würde man einem Eisenbahnfan eine ganze Lokomotive schenken. Ungefähr so fühlt sich zurzeit Karl Arnold. Sein Geschenk wiegt 4,5 Tonnen, kostete 794 000 Franken und umfasst 1810 Pfeifen aufgeteilt in 28 Register. Am Sonntag darf der Bürgler Organist das neue Instrument der Pfarrkirche Bürglen erstmals öffentlich spielen. «Für mich ist das Ganze noch etwas surreal», sagt Karl Arnold. «Immer wieder, wenn ich in die Kirche komme, muss ich mich zuerst vergewissern, dass die neue Orgel wirklich da steht.»

Einzigartig für Uri

Karl Arnold setzt sich auf die Orgelbank. Die weissen und schwarzen Tasten glänzen regelrecht. Der Musiker stimmt die «Toccata» von Johann Sebastian Bach an. Beinahe für jeden Takt wechselt er mit seinen Händen auf eine andere Klaviatur, die in der Fachsprache Manuale genannt werden. Ganze drei sind es, die übereinanderliegen – eine Einzigartigkeit für eine mechanische Orgel in Uri. Dazu gibt es das Pedal, welches mit den Füssen gespielt wird.

«Diese Orgel ist wie ein Staat mit drei Bereichen aufgebaut», erklärt Arnold. Es gibt ein Hauptwerk, ein Schwellwerk, bei dem die Pfeifen in einer Art Kasten eingebaut sind, der sich auf- und zumachen lässt, sowie ein Rückpositiv, bei dem sich die Pfeifen im Rücken des Organisten befinden. Je nachdem, welche Register gezogen werden, entsteht ein anderer Raumeindruck.

«Der Organist ist wie der Vorsteher des Staats, der selber wählen kann, wann er wem eine Stimme geben will», zieht Arnold den Vergleich weiter. «Er muss schauen, dass alles funktioniert, harmoniert, korrespondiert und kooperiert.» Die einzelnen Register müsse man wie eigene Schäfchen behandeln. «Kein Register soll mir sagen, es komme nie dran und werde gemobbt.» Das erfordere viel Kreativität.

2013 hat die Bürgler Kirchgemeinde entschieden, eine neue Orgel bauen zu lassen. Daraufhin setzte der Kirchenrat eine Kommission ein, welcher auch der Orgelexperte Erwin Mattmann angehörte. Der berühmten Orgelbaufirma Mathis aus Näfels GL wurde schliesslich der Auftrag erteilt.

«Von der alten Orgel ist praktisch nur noch die Hülle übrig», erzählt Karl Arnold. Auf seinem Handy zeigt er Bilder von den Abreissarbeiten. «Das hat mir im Herz etwas wehgetan, als man der alten Orgel praktisch das Herz herausgerissen hat», sagt der Bürgler Organist.

In der Kommission konnte sich Arnold einbringen. Diese hatte versucht, auch die Geschichte der alten Orgel aufzuarbeiten. Besonders das stillgelegte Rückpositiv aus dem 17. Jahrhundert interessierte die Mitglieder. Der Entscheid war bald gefasst, dass man diesem neues Leben einhauchen möchte – allerdings mit anderen Registern als einst eingebaut gewesen waren. Die Pfeifen im Rücken des Organisten ergeben nun ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten. Orgelwerke aus den verschiedensten Epochen lassen sich spielen.

Die Orgel enthalte aber auch viel Lokalkolorit. «Dieselbe Orgel würde in einer anderen Kirche wieder ganz anders tönen», so Arnold. Die Architektur des Raumes beeinflusst den Klang stark. Deshalb benötigte der Orgelbauer mehr als einen Monat, um das Instrument richtig einzustellen. «Es braucht ein gutes Gespür für den Raum», so Arnold.

«Ich benötige sicher ein Jahr, bis ich mich an die neue Orgel gewöhnt habe», glaubt Karl Arnold. «Ich habe statt zwei plötzlich drei Manuale, einen riesigen Klangkörper und ganz neue Klangfarben. Da muss ich mich neu organisieren.» Arnold stellt den Anspruch an sich, sämtliche Möglichkeiten auszunutzen, um so dem mächtigen Instrument gerecht zu werden. «Die Orgel spielt somit auch mit mir», sagt er. «Das Ziel ist es, das ich einst sagen kann: ‹Es spielt›. Aber daran muss ich wohl arbeiten, bis ich sterbe.»

Am kommenden Sonntag wird die Orgel erstmals im Gottesdienst eingesetzt. In einem Konzert um 17 Uhr werden dann die vielfältigen Möglichkeiten aufgezeigt, die das Instrument bietet. Zu hören sind neben Karl Arnold der Orgelexperte Erwin Mattmann sowie der junge Urner Organist Daniel Vetter, der ebenfalls der Orgelkommission angehörte. Zum Abschluss des Konzerts wird der Bürgler Kirchenchor unter der Leitung von Armin Wyrsch eine Kantate von Erwin Mattmann interpretieren – der Komponist setzt sich dafür selber an die Orgel.

Segen bringt Orgel den Geist

«Es wird für mich ein besonderer Höhepunkt, wenn ich den ersten Ton spielen werde», sagt Arnold. Genau so emotional stellt er es sich aber vor, wenn die Orgel den Segen erhält. Mit einer Prozession auf die Empore wird die Orgel durch Gebete und Gesänge eingeweiht. «Auf diese Weise erhält die Orgel erst ihren Geist. Und wenn der Organist damit auch gesegnet wird, kann das nicht schaden.»

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