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BÜRGLEN: «Es hat mich persönlich getroffen»

Pfarrer Wendelin Bucheli sagt, weshalb sich die katholische Kirche der Debatte über Homosexualität stellen muss und warum er sich nicht als Kirchenrebell sieht.
Pfarrer Wendelin Bucheli ist glücklich, weiterhin Seelsorger in der Pfarrei Bürglen bleiben zu können. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Pfarrer Wendelin Bucheli ist glücklich, weiterhin Seelsorger in der Pfarrei Bürglen bleiben zu können. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Anian Heierli

Wendelin Bucheli, der Rummel um Ihre Person hat sich mittlerweile gelegt. Wie geht es Ihnen heute?

Wendelin Bucheli: Seit der Entscheid gekommen ist, dass ich Pfarrer der Gemeinde Bürglen bleiben darf, geht es mir persönlich viel besser. Vor allem fühle ich mich ruhiger. Vom Charakter her bin ich ein loyaler Mensch und kein Rebell. Als loyale Persönlichkeit hat mich die ganze Geschichte sehr getroffen. Mehr als es bei einem Kirchenrebell der Fall gewesen wäre.

Im Vorfeld der umstrittenen Segnung hatten Sie also nicht mit einer derart starken Reaktion der katholischen Obrigkeit und der Öffentlichkeit gerechnet?

Bucheli: Nein, und solche Reaktionen waren auch nie meine Absicht. Ich bin als Seelsorger achtsam auf die beiden Frauen zugegangen, habe die Situation geprüft und bin zum Schluss gekommen, den Segen zu geben. Es war nie mein Ziel, in der Öffentlichkeit ein Zeichen zu setzen oder etwas in Bewegung zu bringen.

Sie haben die Segnung aus rein menschlicher Sicht vorgenommen?

Bucheli: Ich habe als Seelsorger mit der entsprechenden Nähe zu den beiden Frauen gehandelt. Das Paar wohnt hier im Dorf. Wir kennen uns schon länger, und wir haben einen persönlichen Zugang zueinander. Vor der Segnung hatten wir miteinander Gespräche geführt. Für mich hatte sich damals die Frage gestellt, was ist vor Gott verantwortbar. Die beiden Frauen leben in einer tiefen Beziehung zu Christus. Aus meiner Sicht ist es deshalb verantwortbar gewesen, ihnen den Segen zu erteilen.

Auch die Reformierten glauben an Christus. Und die reformierte Kirche ist gleichgeschlechtlichen Beziehungen gegenüber offener eingestellt. Weshalb wollen manche homosexuelle Paare den Segen dennoch von einem katholischen Priester erhalten?

Bucheli: Weil sie in dieser Kirche zu Hause sind. Wenn ein homosexueller Mensch das Gefühl hätte, er wäre nicht in der katholischen Kirche zu Hause, würde er nicht kommen und um den Segen bitten. Gerade in einem Dorf wie Bürglen ist die Vernetzung mit der Kirche stark. Wenn jemand im Dorf die Taufe, die Erstkommunion und die Firmung empfangen hat und vielleicht noch den eigenen Grossvater mitbeerdigt hat, dann kann daraus eine starke Beziehung zur Kirche entstehen. Die Kirche im Dorf begleitet die Menschen in schönen und schwierigen Momenten, das ist vergleichbar mit einer Mutter. Für mich ist es deshalb völlig klar gewesen, dass die beiden Frauen den Segen für die Partnerschaft in ihrer Kirche empfangen wollen. Zudem besitzt eine Segnung in der Pfarrkirche Symbolwirkung hier seid ihr daheim und hier gehört ihr dazu.

Sie stehen homo­sexu­ellen Menschen offen gegenüber. Trotzdem möchten Sie keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen mehr segnen. Weshalb?

Bucheli: Ich bin bereit, mich an die Linie zu halten, die Bischof Vitus Huonder von mir erwartet. Wenn er wünscht, dass ich keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen segne, werde ich das in Zukunft auch nicht tun. Ändert er aber seine Linie oder kommt ein Bischof, der eine andere Gesinnung vertritt, kann sich das wieder ändern. Das habe ich Bischof Vitus Huonder auch so gesagt.

Kritische Stimmen sagen, Sie hätten einen Kniefall vor dem Bischof gemacht. Ist diese Kritik bis zu Ihnen vorgedrungen?

Bucheli: Es gibt Personen, die sagen, jetzt ist er eingeknickt, jetzt hat er klein beigegeben. Solche Stimmen kommen aber vor allem von auswärts und weniger aus dem nahen Umfeld. Nach der Einigung zwischen Bischof Vitus Huonder und mir ist in Bürglen grosse Erleichterung eingetreten und zwar unter Kindern bis hin zu älteren Mitmenschen. Doch auch in Bürglen gibt es Leute, die nicht verstehen, weshalb ich dem Bischof keinen Gehorsam geleistet habe. Respektive weshalb ich seiner Aufforderung – meine Demission einzureichen – nicht nachgekommen bin.

Es gab also sehr deutliche Kritik?

Bucheli: Zum Teil wurde ich heftig kritisiert. Einige Leute haben mir geschrieben, ich werde in die Hölle kommen. Das hat mir geholfen, auf dem Boden zu bleiben. Überwiegend war die Unterstützung aber enorm. Besonders innerhalb der Gemeinde war dies der Fall.

Die als konservativ geltenden Urner haben extrem offen auf die Segnung reagiert. Hat Sie das überrascht?

Bucheli: Viele Urner denken konservativ, leben ihren Glauben aber auf der existenziellen Ebene. Heisst, sie haben kein theologisch gesetzliches Denken, sondern glauben lebensbezogen. Die beiden Frauen, die gesegnet worden sind, gehören zur Gemeinschaft, zur Familie. Und auch ich als ihr Pfarrer bin Teil davon. Es gibt Bürgler, die befürworten die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares, andere stehen ihr kritisch gegenüber. Aber die meisten von ihnen haben gesagt, wegen dieser Segnung müsse man uns nicht den Pfarrer wegnehmen. Das ist einer von uns, wir wollen ihn behalten. Diese Grundhaltung hat vermutlich dazu geführt, dass es wenig Negativstimmen gegeben hat. Das eigentliche Thema im Dorf war nicht die Frage, ob es richtig sei, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Vielmehr ging es den Bürglern darum, ihren Pfarrer zu behalten.

Trotzdem haben Sie mit der Segnung eine Debatte über Homosexualität in der katholischen Kirche ausgelöst. Denken Sie, dass die Debatte an der Bischofssynode im Oktober weitergeführt wird?

Bucheli: Ob die Debatte im Oktober aufgegriffen wird, weiss ich nicht. Die Gesellschaft befindet sich in einem ständigen Prozess, und die Kirche ist Teil davon. Deshalb kann sie sich dem Thema nicht entziehen. Die Frage ist nur, wann wird die Debatte geführt.

Befindet sich die katholische Kirche im Stillstand?

Bucheli: Die Kirche entwickelt sich immer. Heute gibt es keine Hexenverbrennungen mehr, die Inquisition ist vorbei, und der Gottesdienst findet in der Mutterspra­che statt. Die Kirche braucht etwas mehr Zeit, um sich zu entwickeln. Sie will keine Irrwege gehen. Aber vielleicht ist genau dieser Achtsamkeit zu verdanken, dass sich die katholische Kirche seit 2000 Jahren behauptet. Und diese Tatsache lässt sich nicht einfach so vom Tisch wischen.

Mitarbeit: Andreas Faessler

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