BÜRGLEN: Exil-Urner riskiert Kopf und Kragen

Das hätte sich Carlos Schuler nicht träumen lassen. Per Zufall wurde er im Kongo zum Verantwortlichen eines Nationalparks. Hier setzt er sich für Gorillas ein und erlebte den Krieg hautnah.

Markus Zwyssig
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Carlos Schuler mit einem Berggorilla und mit einem Freund aus dem Nationalpark in seiner Lodge Co-Co. (Bild: PD)

Carlos Schuler mit einem Berggorilla und mit einem Freund aus dem Nationalpark in seiner Lodge Co-Co. (Bild: PD)

Der 57-jährige Carlos Schuler kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Vielen Urnern ist er als Coco bekannt, ein Name, der ihm aus Pfadizeiten geblieben ist. Gelernt hat er ursprünglich Typograf. Schuler war in Arosa Skilehrer, in Italien und Spanien Tauch- und Surflehrer. Doch das ist lange her. Die vergangenen dreissig Jahre engagierte er sich als Entwicklungshelfer und Gorilla-Schützer in Afrika. Kürzlich hat er ein neues Projekt angepackt: Er betreibt in Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo die Lodge Co-Co. «Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal Hotelier werde», sagt er.

Augenzeuge schrecklicher Gräuel

Zurzeit weilt Carlos Schuler in der Schweiz, um Verwandte und Bekannte zu besuchen. Doch er macht nicht nur Ferien. Vorantreiben will er hier auch sein Buchprojekt. Dieses realisiert er zusammen mit Erich Herger, dem ehemaligen Chefredaktor des «Urner Wochenblatts». Darin beschreibt Schuler die jahrelange Kriegszeit im Kongo, die er als einer der wenigen Ausländer vor Ort miterlebt hat. «Die Öffentlichkeit soll endlich wissen, was damals Schreckliches passiert ist, und auch was heute noch passiert», sagt Schuler. Er hat die Erlebnisse akribisch auf über tausend A4-Seiten festgehalten. Aufgeschrieben hat er es vor allem für seine Kinder. Denn die Familie musste mehrmals flüchten. Frau und Kinder zogen nach Belgien und in die Schweiz, lebten wenige Monate auch in Bürglen. Nur Carlos Schuler blieb zurück.

Das Buch soll Ende Jahr erscheinen. «Die Medien interessieren sich für die Gorillas, nicht aber für die Menschen.» Schuler ist überzeugt, dass Aufklärung nottut. Gräueltaten und Vergewaltigungen waren und sind bis heute während dieses Plünderungskriegs an der Tagesordnung. Am stärksten leiden die Frauen unter der Gewalt. Carlos’ Frau Christine hilft an der Seite von Eve Ensler in deren Organisation Vday und ist verantwortlich für die «City of Joy». Dort werden die Frauen auf ihrem schwierigen Weg zurück in den Alltag begleitet. Die vom Krieg betroffenen Frauen und Kinder in der Region erhalten medizinische Unterstützung sowie Hilfe bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Praxisnahe Kurse und kleine Geldbeträge helfen ihnen, Armut zu überwinden und zur Selbstständigkeit zu finden. Sie werden zu Frauenaktivistinnen.

Im Kongo das Herz verloren

Angefangen hatte alles 1983. Damals reiste Carlos Schuler mit einem alten VW-Kombi quer durch Afrika. In Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, besuchte er ein befreundetes Schweizer Ehepaar. Danach reiste er weiter bis nach Südafrika. Die Eindrücke von der herrlichen Landschaft im Kongo blieben. Drei Jahre später kehrte er zu seinen Freunden nach Bukavu zurück. Dabei lernte er seine zukünftige Frau Christine Deschryver kennen, eine hübsche Frau mit kongolesischer Mutter und belgischem Vater. Christines Vater hat 1970 den Nationalpark von Kahuzi-Biega gegründet. Schuler blieb. Die beiden haben zwei Kinder: den 25-jährigen David und die 23-jährige Sarah. Ein paar Jahre später kam Christines Vater unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Schuler führte dessen Werk weiter. 1994 beauftragte die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Schuler, die Verantwortung für die Infrastruktur des Nationalparks von Kahuzi-Biega zu übernehmen. Im benachbarten Ruanda tobte der Krieg. Der Genozid in Ruanda kostete 800 000 Menschen das Leben. Das hatte enorme Flüchtlingsströme (2,5 Millionen Flüchtlinge) ins Nachbarland zu Folge.

Oftmals das Leben riskiert

Uganda, Burundi und Ruanda begannen mit Laurent Kabila 1996 vom Osten des Landes her den Kampf gegen Zaires Mobutu-Regime. Seit 1996 sind nun auch rund fünf Millionen Menschen im Kongokrieg direkt oder indirekt zu Tode gekommen. Damals sah Schuler fast täglich Verletzte und Tote. Er wohnte nur zehn Minuten von der Grenze zu Ruanda weg. Hier trieben sich viele Mörder herum. Die GTZ war während vieler Jahre einziger Partner zum kongolesischen Naturschutzinstitut, wobei Schuler die GTZ vertrat. «Ohne die Hilfe aus Deutschland und den unermüdlichen Einsatz der Parkwächter hätten die Gorillas nicht überlebt.» In den Kriegsjahren fielen unzählige Menschenaffen hungrigen Wilderern zum Opfer und kamen qualvoll ums Leben. Schuler half unter höchst riskanten Bedingungen während der Kriegsjahre, dass der Bestand der östlichen Flachlandgorillas im Nationalpark Kahuzi-Biega gerettet werden konnte. Und noch mehr als das: Mittlerweile nimmt die Population sogar wieder zu.

Lage bleibt instabil

Nach den ersten freien Wahlen 2006 fanden letztes Jahr in der Demokratischen Republik Kongo erneut Wahlen statt. Die Lage im Land bleibt weiterhin instabil, insbesondere in den zwei Provinzen des Nordens und Süd-Kivu. Im Osten des Landes gibt es sehr starke wirtschaftliche Interessen an den vorhandenen natürlichen Ressourcen. Diese werden für Mobiltelefone und die Kriegsindustrie dringend gebraucht. Vor rund fünf Jahren hat sich Carlos Schuler von den Aktivitäten für den Parkschutz zurückgezogen. Er begann mit neuen Aufgaben. Er hat sein Haus umgebaut und eine Lodge errichtet. «Das gibt mir die nötigen finanziellen Mittel», sagt Schuler. Daneben kümmert er sich nach wie vor unermüdlich um die Gorillas und vor allem um die Menschen im Kongo.