BÜRGLEN: Zwei Urner Künstlerinnen erschaffen ein Geisterhaus

Gebeine, verrostete Utensilien, tote Ratten: Ein leer stehendes altes Haus erwacht zu neuem Leben – und sorgt für Schaudern.

Markus Zwyssig
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Die ersten Besucher steigen auf die Leitern, um ihren «Gwunder» zu stillen. (Bild: Markus Zwyssig / Neue UZ)

Die ersten Besucher steigen auf die Leitern, um ihren «Gwunder» zu stillen. (Bild: Markus Zwyssig / Neue UZ)

Das alte Holzhaus etwas unterhalb der Wallfahrtskapelle im Riedertal steht seit Jahren leer. Die Sonne hat das Holz dunkelbraun und schwarz gefärbt. Doch jetzt scheint Seltsames zu geschehen im alten morschen Gebälk. Die Türen sind verschlossen. Betreten kann man das alte Haus nicht. Dafür stehen überall Leitern. Der Besucher schaut durch verstaubte Fenster, durch Spalten in den Türen und durch Ritzen im Holz. Fotografien von Kindern mit Trophäen von gejagten Tieren sind zu sehen. Stolz zeigen die Mädchen und Buben Bärentatzen, Stosszähne, Krokodilsschädel und Tigerzähne. Nebst einem Gruppenbild mit Maskierten gibt es vergoldete, von der Decke hängende Gebeine, einen riesigen verkohlten Brotkranz aus Puppen, tote Ratten oder einen Tisch voller verrosteter Utensilien. Beim Besucher werden Geschichten wach. Leise schaudert es ihn, er denkt an ein sagenumwobenes Geisterhaus.

Beim zweiten Blick erkennt der Besucher, dass nur das Haus und die Möbel real sind. Alles andere gehört zu einem Kunstprojekt namens «Wintersperre» von Nathalie Bissig und Annemarie Oechslin. Sie haben für ihre Installation, die im Rahmen des Kulturprojekts «Sagenhaft 13» (siehe Box) entstanden ist, alle Gegenstände im Haus entfernt. Nur die Möbel, der Staub und die Spinnweben beliessen sie vor Ort. Alle während der Ausstellung zu sehenden Objekte und Fotografien haben die Urner Künstlerinnen in den vergangenen vier Monaten hergestellt.

Bissig und Oechslin hat das alte Haus schon immer fasziniert. Und jetzt sollen auch die Besucher auf den Geschmack kommen. «Unsere Installation richtet sich an den Kunstliebhaber ebenso wie an den Wanderer, der zufällig vorbeikommt», sagt Annemarie Oechslin. Die Kunstinstallation ist bis Mitte Juni jederzeit zugänglich. Den Anfang machten am Sonntag rund 40 Personen, welche zur Vernissage ins Riedertal wanderten. Bei seiner Laudatio wartete der Projektleiter «Sagenhaft 13» der Albert-Koechlin-Stiftung, Philipp Christen, mit einer besonderen Erkenntnis auf: «Rostige Gegenstände herzustellen, war teurer als goldige.»
Das Haus, das die beiden Künstlerinnen für ihr Projekt Wintersperre nutzen konnten, gehört Johann Muoser, Sigrist der Marienkapelle im Riedertal. Muoser wuchs im Tal auf und wohnt mit seiner Frau und den drei erwachsenen Söhnen nahe der Kapelle.

Hinweis
Das Haus befindet sich im Riedertal, 5 Minuten unterhalb der Kapelle. Ab Bürglen Loreto dauert der Fussmarsch zirka 35 Minuten. Der Weg ist ausgeschildert. Die Strasse ins Riedertal ist für den Verkehr gesperrt. Parkplätze gibt es bei der Talstation der Seilbahn aufs Biel.

Innerschweiz zeigt viel Sagenhaftes

Die Albert-Koechlin-Stiftung aus Luzern veranstaltet zum Thema Sagen ein Kulturprojekt quer durch die Innerschweiz. Kulturschaffende aus den Bereichen Theater, Kunst und Musik konnten Projekte vorschlagen, welche im Rahmen von «Sagenhaft 13» stattfinden sollen. Die 27 ausgewählten Projekte werden nun von April bis Juni aufgeführt, gezeigt und ausgestellt. Auch in Uri finden mehrere Veranstaltungen statt. So feiert am Mittwoch in der Alten Kirche in Flüelen «Müller13 oder Ds Toggäli im Spittel» Premiere. Das Stück von Franz-Xaver Nager handelt von Josef Müller, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Kantonsspital in Altdorf als Seelsorger wirkte. Er hielt Geschichten und Sagen der Patienten fest.