Urner Computer-Pioniere erinnern sich

1971 wurde der erste Computer bei der Kantonalen Steuerverwaltung installiert. Walter Volkart baute die EDV-Abteilung auf und leitete diese während 36 Jahren. Die ersten Bildschirme in der Verwaltung liessen nicht lange auf sich warten.

Rolf Gisler-Jauch
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Er trat am 1. März 1971 als Anlagechef beim Amt für Steuerverwaltung in den Staatsdienst ein. Hauptauftrag für Walter Volkart: in der Kantonalen Verwaltung Uri das Zeitalter des Computers einläuten. Die Massenverarbeitungen sollten rationalisiert werden. Dazu zählten in einer ersten Phase die Beschriftung der Steuererklärungen sowie die Fakturierung der damaligen Wehrsteuer inklusive der Debitorenbewirtschaftung. Im Mai 1971 installierte die Firma NCR (Schweiz AG) im Haus Winterberg den ersten Computer in der Staatsverwaltung Uri mit 9,6 Kilobyte Kernspeicher.

Der «Computer» war ein Buchungsautomat und wie eine Schreibmaschine zu bedienen. Die Magnetkontokarten bestanden aus Halbkarton, auf der Rückseite waren auf vier dünnen Streifen Daten gespeichert: Adresse und AHV-Nummer. Auf einer zweiten Karte wurden die Zahlen der Steuererhebung eingegeben. Es war nun wichtig, dass die Karten genau sortiert hintereinander folgten. Passten die Karten nicht zusammen, erfolgte eine Fehlermeldung. Die Rechnung wurde auf ein Endlosformular gedruckt und musste im Nachhinein zugeschnitten werden.

Grosser Fortschritt mit gemächlichem Tempo

Der Druck einer Rechnung benötigte 2,5 bis 3 Minuten. Trotzdem stellte dies einen grossen Fortschritt dar, denn das Rechnen und das Schreiben der Adresse konnte der Maschine überlassen werden. Wurde das steuerbare Einkommen richtig eingegeben, entstanden in der Fakturierung keine Fehler mehr. Das System war auch für Mahnungen und Zahlungen zu gebrauchen. Die Regierung war beeindruckt. Walter Volkart erinnert sich:

«Die Mitglieder betrachteten das Ding wie von einem fernen Stern, getrauten sich fast nicht, dieses zu berühren. Es herrschte eine Rieseneuphorie in die neue Technik.»

Zuerst musste der Computer mit Daten «gefüttert» werden und man stand unter Zeitdruck. Um das Ziel zu erreichen, wurde mit Otto Megnet ein Mitarbeiter als Operator angestellt. Er war bisher bei der «Gummi» als Maschinenmechaniker tätig und musste von der Kündigungsfrist entbunden werden. Nicht alle Arbeitskollegen verstanden seinen Wechsel: «Was wotsch bim Kanton, det hesch ja nit emal dr 13. Monatslohn!» Ihn reizte die total neue Aufgabe, und so begann er am 20. März 1972 seine Arbeit. Von Automatisation war jedoch in den Anfängen noch nicht viel zu spüren: Bis Ende Jahr mussten rund 15'000 Adressen für die Wehrsteuerrechnung der natürlichen Personen eingegeben werden.

Einmal auf den Zug der Informatik aufgesprungen, war man zum ständigen Umsteigen gezwungen. Durch die Verwendung der neu auf dem Markt erschienenen Magnetplatten liess sich die Zugriffszeit auf die gespeicherten Daten stark reduzieren. Eine Magnetplatte kostete 975 Franken, der Preis für die anfänglich 35 benötigten Platten kam auf knapp 35'000 Franken zu stehen. Die Daten waren auf zwei grossen Magnetplatten mit 38 Zentimetern Durchmesser gespeichert. Der Speicherplatz betrug pro Platte lediglich 1 Megabyte. Zum System gehörte weiter ein Zeilendrucker. Die Adressen waren auf einer Disk, die Steuerdaten auf einer zweiten Disk gespeichert. Adresse und Steuerdaten wurden durch das System zusammengeführt. Der Zeilendrucker hatte eine Kapazität von 300 Zeilen pro Minute. Eine Rechnung konnte folglich in 5 bis 6 Sekunden gedruckt werden. Die Datensicherung war aufwendig. Einmal wöchentlich mussten die Magnetplatten eins zu eins kopiert werden, was pro 1-Megabyte-Platte rund 20 Minuten benötigte. Währenddessen war das System blockiert.

Noch immer ohne Bildschirm

Die Programme waren «selbst gestrickt». Eine namenlose Programmiersprache bestand aus Befehlen wie «clear» oder «delete». Diese Befehle wurden in Zahlen auf einen Lochstreifen gestanzt. Zahlen standen in verschiedenen Zellen, und diese konnten durch Befehle zu Funktionen programmiert werden. Das fertige Programm wurde auf einen Lochstreifen gestanzt, dann mittels eines Lochkartenlesers eingelesen und getestet. Befand sich ein Fehler im Programm, blieb der Vorgang stehen. Kontrolllampen am Gerät gaben einen Hinweis darauf, bei welchem Programmschritt der Fehler auftrat. Da der Kernspeicher lediglich eine Grösse von 9,6 Kilobyte aufwies, durfte das Programm 9600 Zeichen nicht übersteigen. Mit dieser Kapazität stiess man schnell einmal an die Grenzen. Man war gezwungen, das Programm aufzuteilen, oder verzichtete auf Teile. Das System funktionierte ohne Bildschirm.

Die Daten wurden von der Datentypistin Greth Poletti-Zbinden eingegeben. Sie kam im September 1972 nach einem Auslandsjahr in Paris in die Schweiz zurück. Sie hatte bereits eine Stelle in Lausanne in Aussicht und erhielt dann von Otto Megnet einen Anruf. Er habe ihr mitgeteilt, dass sie jemanden für das «Electronic-Dataprocessing» suchen. Sie habe keine Ahnung gehabt, was das bedeute, und während des Gesprächs mehrmals nachfragen müssen, wie sich die neue Arbeit nun nenne. Trotzdem sagte sie zu. Das EDV-Team war nun ein kleines «Familienunternehmen», alle miteinander verwandt oder verschwägert. Die Kündigungsfrist wurde deshalb von drei Monaten auf ein halbes Jahr heraufgesetzt. Es stellten sich immer neue Aufgaben wie etwa die Einführung der Betriebsrechnung N2 (heute A 2) und die Evaluation der neuen EDV-Anlage für die Finanzverwaltung. Die technische Entwicklung in der Datenverarbeitung schritt in einem rasanten Tempo voran. Auch von den Gemeinden kamen nun Begehren nach EDV. So erreichte die 1971 in Betrieb genommene NCR-500-Anlage Ende der 1970er-Jahre bereits ihre Kapazitätsgrenze.

Franz Steinegger war als Stellvertretender Kanzleidirektor für die EDV-Abteilung verantwortlich. Walter Volkart erhielt von ihm den Auftrag, in der Verwaltung und in den Gemeinden abzuklären, in welchen Arbeitsgebieten die EDV allenfalls zum Einsatz kommen könnte. Der Bericht umfasste drei Ordner. Die EDV-Abteilung war längst nicht mehr nur für die Steuerverwaltung und die Motorfahrzeugkontrolle tätig. Dieser Sachlage wurde nun organisatorisch Rechnung getragen. Auf den 1. Januar 1974 wurde die Datenverarbeitung der Gemeindedirektion übertragen.

Fast 750'000 Franken Gesamtkosten verursacht

Nach einer umfassenden Evaluation konnte im Jahre 1981 das erste Dialog-System dem Betrieb übergeben werden. Mit diesem Host-System wurde das Zeit-alter eingeläutet, in dem nun die Benutzer via Bildschirm direkt ab ihrem Arbeitsplatz «online» über Datenleitungen auf das Zentralsystem zugreifen konnten. So musste beispielsweise eine Adresse nur noch einmal gespeichert werden. Es gab jedoch keine Textverarbeitung und keine Tabellenkalkulation. Auf dem System konnte somit immer noch kein Brief geschrieben werden. Die Gesamtkosten, inklusive baulichen Anpassungen, beliefen sich für die erste Etappe auf 741'840 Franken.

1983 nahm das Amt für Strassen- und Schiffsverkehr das neue Kassaabrechnungssystem in Betrieb. Am Bildschirm konnten die Daten direkt erfasst werden. Dem Fahrzeughalter wurden die notwendigen Dokumente und Unterlagen wie Fahrzeugausweis und Abrechnung sofort ausgehändigt. Durch den EDV-Einsatz konnten trotz der laufenden Zunahme des Fahrzeugbestandes die administrativen Arbeiten mit demselben Personalbestand bewältigt werden.

Es wurden zwar laufend Projekte umgesetzt, doch auch die Bedürfnisse nahmen zu. Das Hauptsystem mit den 20 Anschlüssen konnte den Anforderungen bald nicht mehr genügen und hatte nach siebenjähriger Laufzeit die Kapazitätsgrenze erreicht. Man hatte sich erneut mit der Ersatzbeschaffung des bisherigen EDV-Systems zu beschäftigen. Die neue Serie öffnete eine neue Dimension der Hardware-Architektur. Die Anlage, die im Juni 1989 installiert wurde, gestattete den Benutzern nun, die Datenverarbeitung direkt an den Arbeitsplatz zu bringen. Die Miniaturisierung der Datenspeicher brachte Millionen von Informationen auf einem Quadratzentimeter grossen Chip. Auch die Geschwindigkeiten nahmen rasant zu. Der wachsende Umfang an Verwaltungsaufgaben liess sich oft nur noch durch Automation auffangen. Da die Informatikgeräte immer einfacher zu bedienen waren, eröffneten sich immer neue, wirtschaftliche Einsatzmöglichkeiten.

Ein nächster grosser Schritt folgte 1992 mit der Gründung der Firma Lisag. Es sollte ein Land­informationssystem (LIS) auf Grundlage der Daten der amtlichen Vermessung aufgebaut werden. Seit 1992 wurde die Verwaltung durch ein Informatik-Management und Controlling unterstützt. Als oberstes Führungsinstrument amtete der Informatik-Lenkungsausschuss (ILA). Es wurde nun das EDV-Budget eingeführt und eine Prioritätsliste für Projekte erstellt. Bei der Verwaltung konnten nicht alle EDV-Wünsche gleich erfüllt werden, der Informatik-Controller Dr. Jean-Pierre Karasek erhielt in der Verwaltung alsbald den Übernamen «Karaschreck».

Die Furcht vor der Jahrtausendwende

Das Jahr-2000-Problem (Millennium-Bug) war ein Computerproblem, das im Wesentlichen durch die Behandlung von Jahreszahlen als zweistellige Angabe innerhalb von Computersystemen entstanden war. Gegen die Jahrtausendwende hatte sich das Amt für EDV immer mehr damit zu beschäftigen. Noch nie wurden in der Kantonalen Verwaltung so viele Lösungen installiert beziehungsweise Systeme umgestellt. Mit einem entsprechend hohen Aufwand konnten die notwendigen Vorkehrungen bis zum 31. Dezember 1999 abgeschlossen werden. Der Übergang ins Jahr 2000 verlief ohne nennenswerte Probleme.

Wichtig im Geschäftsablauf der Kantonalen Verwaltung ist die Zusammenarbeit. Einerseits nach oben mit der Bundesverwaltung und mit den 20 Urner Gemeinden nach unten. 2010 wurde erstmals und schweizweit eine registerbasierte Volkszählung durchgeführt. Ende 2010 verschickte man auf Knopfdruck insgesamt 38'539 Personendatensätze an das Bundesamt für Statistik. Für 95 Prozent der Urner Bevölkerung hatte sich somit die Volkszählung erledigt.

Mit der neuen Verwaltungsorganisation und der damit verbundenen Aufhebung der Direktion des Innern im Jahre 2000 wurde man zum «Amt für Informatik» umgetauft und kam zur Finanzdirektion. Damit erhielt das Amt auch ein aussprechbares Kürzel, und die Abkürzung «AfI» wurde zur allgemeinen Bezeichnung. Neben der Tatsache, dass die EDV viel mit Geld zu tun hat, dürfte den Wechsel auch der Umstand begünstigt haben, dass in den meisten Kantonen die EDV der Finanzdirektion unterstellt ist. Nach 36 Dienstjahren (1971-2007) beim Kanton konnte Walter Volkart, der Leiter des AfI, im August 2007 in Pension gehen. Sein Nachfolger, Werner Aschwanden, übernahm die Leitung auf den 1. September 2007.

Im Rahmen der Forschungsarbeit des Staatsarchivs Uri hat sich Staatsarchivar-Stellvertreter Rolf Gisler-Jauch, Altdorf, seit einiger Zeit intensiv mit der Aufarbeitung der Geschichte der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) in der Kantonalen Verwaltung befasst. Unsere Zeitung publiziert im Rahmen einer Artikelserie in loser Folge insgesamt fünf Beiträge. Den Anfang machte folgender Artikel: 

Wie der Computer in Uri Einzug hielt

In der deutschen Sprache ist die Bezeichnung Computer seit Anfang der 1960er-Jahre belegt. Die Anschaffung eines Computers im Kanton Uri hat der Regierungsrat 1970 beschlossen. Die elektronische Datenverarbeitung war im Vormarsch.
Rolf Gisler-Jauch