CYBERMOBBING: Die Schattenseiten der Technik

Internet und Smartphones erleichtern das Leben, ermöglichen aber auch perfide Attacken. Schulpsychologin Anuar Keller sagt, wie diese verhindert werden.

Florian Arnold
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Cybermobbing kommt auch in Uri vor. Nur ein Bruchteil aller Fälle wird jedoch den Schulpsychologen gemeldet. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Cybermobbing kommt auch in Uri vor. Nur ein Bruchteil aller Fälle wird jedoch den Schulpsychologen gemeldet. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Es beginnt mit einem Streit auf dem Pausenplatz. Fäuste fliegen, Schimpfwörter fallen. Einer geht als Verlierer davon. In seiner Wut lässt er sich im Klassenchat so richtig über seinen Widersacher aus. Schnell fügt ein Kollege eine halbwahre Geschichte über den Bösewicht hinzu. Bald ist ein Foto online, das den Widersacher in betrunkenem Zustand zeigt. Der Klassenkamerad wird zum Gespött. Er wird ausgegrenzt, darf nirgends mehr mitmachen.

Dunkelziffer ist hoch

Die Geschichte ist zwar erfunden. Aber Cybermobbing, das Fertigmachen im virtuellen Raum, ist auch in Uri nichts Fremdes. Dies bestätigt Anuar Keller, Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes Uri. Allerdings sind es nur die wenigsten Fälle, welche die Schulpsychologen erreichen. Nur gerade vier bis sechs Fälle werden im Jahr behandelt. Die Dunkelziffer dürfte aber ein Mehrfaches davon sein. Eine Umfrage unter 400 Urner Schülern ergab: Im Falle eines Mobbings würde gerade mal 1 Prozent eine Beratungsstelle aufsuchen.

«Praktisch alle Fälle kommen erst zu uns, wenn es schon zu spät ist, um den Konflikt konstruktiv zu lösen», sagt die Schulpsychologin. «In einer solchen Situation kann es dann nicht mehr darum gehen, einen Schuldigen zu finden.» Denn auf beiden Seiten entstehe Leid. «Die wenigsten, die zu Cybermobbing greifen, sind Psychopathen», betont Keller. «Zum Täter wird man nicht aus Veranlagung, sondern aus einer Geschichte heraus.»

Die Täter hätten immer eine plausible Erklärung parat, weshalb mit dem Mobbing begonnen wurde, sagt Keller. Beispielsweise habe das Opfer selber Lügengeschichten verbreitet oder andere blossgestellt. So gibt es denn auch keine typischen Charakterprofile. Jeder kann zum Opfer werden, jeder zum Täter. Eines dürfe man aber nicht verwechseln: «Es gibt immer Schüler die beliebter sind und solche die weniger beliebt sind», sagt Keller. Anzeichen für Mobbing bestünden erst dann, wenn ein Schüler wiederholt gezielt schikaniert werde. Und dann könnten oft deutliche Wesens- und oder Verhaltensveränderungen beobachtet werden.

Bereits Elfjährigen drohen Strafen

Fest steht: Cybermobbing ist eine perfide Strategie, die sich ethisch nicht vertreten lässt. Vor allem aber ist Cybermobbing strafbar. Und strafmündig ist bereits ein elfjähriges Kind, das dem Jugendstrafgesetz untersteht. «Das ist den wenigsten bewusst», sagt Keller. Zu einer Verurteilung kommt es aber nur, wenn eine Anzeige vorliegt.

«Man muss in jedem einzelnen Fall genau abwägen, ob eine Anzeige Sinn macht», sagt Keller. Ist diese einmal getätigt, muss die Polizei handeln. Das könne zwar Genugtuung für die Opfer bringen, löse aber die Probleme des Alltags nicht. «Die Anzeige ist eine offizielle Kriegserklärung», sagt die Psychologin. Im schlimmsten Fall habe man dann mit dem Angezeigten einen Problemfall mehr.

Vereinzelte Fälle von Cybermobbing sind auch schon vor die Jugendanwaltschaft Uri gelangt, und es kam auch schon zu Verurteilungen. Die Strafen werden individuell festgelegt. Denkbar sind etwa soziale Arbeitsstunden. Im Jahr bewege sich die Anzahl der Fälle im einstelligen Bereich, wie Jugendanwältin Romana Bossi informierte. Eine steigende Tendenz sei aber nicht festzustellen. «Wir merken nur, dass viel mehr über das Thema gesprochen wird», so Bossi.

Gute Kompetenz

Die Gefahren des Cybermobbings gehören an den Urner Schulen mittlerweile zum Stundenplan. Das Projekt Zischtig vermittelt den richtigen Umgang mit Medien und wird mittlerweile in der fünften Primarklasse erfolgreich durchgeführt. Die Urner Kinder hätten die Nase vorn, was die Medienkompetenz angehe, weiss Schulpsychologin Keller von Rückmeldungen der Projektleiter. «Die Fünftklässler wissen zum Teil mehr als die Oberstufenschüler», sagt Keller. Ihnen ist klar, welche Gefahren im Internet lauern.

Vor allem aber wissen die Kinder oft mehr von der Technik als ihre Eltern. Ein Problem bei der Prävention? Die Schulpsychologin gibt Entwarnung: «Es funktioniert auch, wenn man nicht im Detail die Technik versteht.» Wichtig aber sei, dass sich Eltern mit den Persönlichkeitsrechten auseinandersetzten. Die beste Prävention, um Mobbing vorzubeugen, sei aber nach wie vor ein gesundes Schulklima, betont Keller.

Auch für den Schulpsychologischen Dienst Uri hat sich mit dem Wandel der Technik einiges verändert. «Wir haben neue Gegner und Grenzen», sagt Leiterin Anuar Keller resigniert. «Doch wir lernen mit unseren Klienten.»