Interview

«Das führt zu enormen Unsicherheiten»: Dätwyler-CEO sagt, weshalb er sich für ein Nein einsetzt

Dätwyler-CEO Dirk Lambrecht ist überzeugt, dass die Konzernverantwortungs-Initiative der Wirtschaft und seiner Firma schadet.

Florian Arnold
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Dätwyler-CEO Dirk Lambrecht: «Wir haben kein Problem mit den ethischen Zielen dieser Vorlage.»

Dätwyler-CEO Dirk Lambrecht: «Wir haben kein Problem mit den ethischen Zielen dieser Vorlage.»

Bild: PD

Die Konzernverantwortungs-Initiative scheidet die Geister – selbst beim Namen dieses Politikums sind sich Gegner und Befürworter uneins, aber auch darüber, wer bei einem Ja vor einer neuen Ausgangslage steht. Betroffen sein dürfte im Kanton Uri die Dätwyler Holding. CEO Dirk Lambrecht sagt, weshalb er sich für ein Nein einsetzt.

Die Konzernverantwortungs-Initiative verlangt, dass man die Menschenrechte einhält und ökologisch wirtschaftet. Was kann man da dagegen haben?

Dirk Lambrecht: Mir ist wichtig, dass wir von der Unternehmensverantwortung-Initiative sprechen, denn es geht auch um Zehntausende Unternehmen. Mit den Zielen zum Schutz der Menschenrechte und der Umwelt sind wir einverstanden. Aber über 99 Prozent der Unternehmen verhalten sich heute schon sehr verantwortungsvoll. Aus unserer Sicht ist ein Nein notwendig.

Weshalb?

Das Problem ist, dass die UVI die bisherigen Grenzen der Haftung verschiebt. Neu würden Schweizer Unternehmen weltweit für das Verhalten ihrer Geschäftspartner haften, selbst dann, wenn sie kein Verschulden trifft. Das führt zu enormen rechtlichen Unsicherheiten. Im Ausland werden Gesetze zur Förderung der Unternehmensverantwortung sehr sorgfältig angepasst, die Schweiz schafft einen scharfen Kontrast dazu, sie geht damit einen Sonderweg.

In Uri dürfte als eines von wenigen Unternehmen Ihres von der Initiative betroffen sein. Was würde ein Ja für Dätwyler bedeuten?

Wir arbeiten in verschiedenen Regionen wie Südamerika, Südostasien oder auch im arabischen Raum mit unabhängigen Vertriebspartnern zusammen. Dort nehmen wir zum Teil ein beherrschendes Verhältnis ein. Dadurch müssten wir diese Vertriebspartner sehr sorgfältig analysieren und unsere Verträge überprüfen. Unsere Vertragsanpassungen könnten nicht akzeptiert werden und die Vertriebspartner zu einem ausländischen Wettbewerber wechseln, der von dieser Initiative nicht betroffen ist. Bei Dätwyler handelt es sich bei über 98 Prozent der Wettbewerber um ausländische Unternehmen. Wir sind sehr stark im Ausland tätig. Ein Verlust von Umsatzanteilen könnte sich auch negativ auf unsere Schweizer Standorte auswirken, was bis zu Mitarbeiterabbau führen kann.

Heisst das im Umkehrschluss, dass nicht alle Vertriebspartner von Dätwyler die geforderten Standards erfüllen würden?

Nein, das heisst es nicht. Wir gehen davon aus, dass unsere Vertriebspartner selbstverständlich die Regeln einhalten. Wir versichern uns sehr häufig an unseren Standorten danach. Das Problem ist die Beweislastumkehr der Initiative. Sollte sich einer der Vertriebspartner nicht an den Vertrag halten, könnten Kunden oder Mitarbeiter des Vertriebspartners klagen. Eine solche Klagewelle können wir nicht ausschliessen. Um das zu verhindern, müssten wir die Verträge anpassen.

Fakt ist aber: Der Kläger müsste Beweise liefern, erst dann müssten Sie die Sorgfaltspflichten nachweisen.

So werden wir immer in diesen Beweis-Notstand kommen, und das möchten wir vermeiden. Es ist sehr schwierig, abzuschätzen, welche Dokumentation die Gerichte als genügend einschätzen, um eine Haftung auszuschliessen. Dies führt zur erwähnten Rechtsunsicherheit und zu den Klage- und Haftungsrisiken.

Gegner der Initiative sagen, viele Konzerne würden sich aus «heiklen Gebieten» zurückziehen, in denen sie mit Klagen rechnen müssten. Machen Sie sich solche Überlegungen?

Das werden wir im Einzelfall sehr genau und sorgfältig analysieren. Wir können nicht ausschliessen, uns aus Risikogründen aus bestimmten Regionen zurückzuziehen und auf bestimmte Vertriebspartner zu verzichten.

Wie sieht es bei den Lieferanten aus? Rohstoffe sind ja dort, wo man sie abbaut. Da kann man nicht einfach den Standort wechseln?

Wir beziehen in den seltensten Fällen Rohstoffe direkt. Bei uns handelt es sich hauptsächlich um Halbfabrikate, die wir von unseren Lieferanten einkaufen. Diese würden sich aber in Zukunft auch überlegen, mit wem sie zusammenarbeiten. Wir könnten da Probleme durch erschwerte Zugänge haben. Im Bereich der Halbfabrikate steht man sehr grossen Lieferanten gegenüber. Diese haben eine starke Marktmacht, was es uns nicht einfacher macht, Rahmenbedingungen in Verträgen durchzusetzen.

Die Schweiz hat als Vorreiterin immer wieder gute Erfahrungen gemacht. Wieso sollte ihr diese Vorgehensweise schaden?

Den Wohlstand, den wir uns in der Schweiz geschaffen haben, müssen wir jeden Tag neu erarbeiten. Wir sollten nicht glauben, dass wir jederzeit in der Lage sind, extreme Forderungen umzusetzen, wie sie gerade dem Trend aus dem linken oder rechten politischen Lager entsprechen. Für die Schweizer Unternehmen wird es so immer schwieriger, erfolgreich im globalen Markt zu bestehen. Wir müssen mit Augenmass schauen, was wir als Schweiz in Abstimmung mit der EU im internationalen Bereich erreichen können.

Hier wird immer wieder erwähnt, die Anstösse müssten aus der Wirtschaft und nicht von der Politik kommen. Glauben Sie wirklich, dass dieser Wille in jedem Unternehmen steckt, von sich aus an der Menschenrechtssituation und den ökologischen Zielen zu arbeiten?

Gerade wenn ich mir die Schweizer Unternehmen anschaue und mit vielen Kollegen spreche, wird die Notwendigkeit dazu erkannt, in diesen Bereichen voranzugehen. Es gibt sicher das eine oder andere schwarze Schaf, aber die sollte man auf einem anderen Weg selektieren, statt Zehntausende Unternehmen in Sippenhaft zu nehmen. Dätwyler ist beispielsweise bereits vor mehr als zehn Jahren dem UN Global Compact beigetreten und verpflichtet sich, die zehn Prinzipien zu Menschenrechten, Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung einzuhalten. Die Forderungen von Kunden, Investoren und jungen Mitarbeitenden nach verantwortungsvollem Handeln sind viel effektiver als starre Gesetze. Wenn Unternehmen langfristig erfolgreich sein wollen, müssen sie seit längerem ihre gesellschaftliche, soziale und ökologische Verantwortung wahrnehmen.

Dätwyler ist etwa in China tätig. Können Sie dafür sorgen, dass die Menschenrechte eingehalten werden?

Sie wissen, wie die kommunistischen Regierungen teilweise reagieren und agieren. Das, was wir machen können, ist, dass wir nach unserem Verhaltenskodex an unseren Standorten die Mitarbeiter entsprechend fair behandeln, genau wie alle anderen Mitarbeiter weltweit. Aber gerade in Bezug auf China würde die Initiative wiederum für grosse Rechtsunsicherheit sorgen, da geht es um Versammlungsfreiheit oder das Recht, Gewerkschaften zu gründen. Unter dieser kommunistischen Regierung wird es das nicht geben. Jedes Schweizer Unternehmen, das in dieser Region tätig ist, kommt in einen kompletten unlösbaren Zielkonflikt.

Und wie sieht es in Sachen Umweltstandards aus?

Dätwyler hat sich zum Ziel gesetzt, mittelfristig an allen Standorten klimaneutral zu produzieren, weltweit. Wir veröffentlichen seit mehr als zehn Jahren einen Nachhaltigkeitsbericht gemäss den weltweit anerkannten Richtlinien der Global-Reporting-Initiative. Zudem verwenden wir in allen Werken weltweit möglichst einheitliche Technologien. In China haben wir zum Beispiel kürzlich neue Entlüftungssysteme installiert, die weit über die rechtlichen Forderungen in China hinausgehen. In Indien haben wir etwa einen Wasserkreislauf installiert, der das Wasser kontinuierlich reinigt, sodass es immer wieder verwendet werden kann. Das ist wichtig, weil dort Wasser eher knapp ist. Zudem werden wir dort auch Solarstromanlagen nutzen, welche die umliegende Umgebung mitversorgen wie zum Beispiel Schulen, Kindergärten oder kleinere Unternehmen.

Sie verfügen über ein Whistleblower-Tool. Wird das tatsächlich genutzt oder beruhigt das einfach das Gewissen?

Nein, definitiv nicht. Dieses wird permanent von uns gepflegt. Wir sorgen mit deutlichem Aufwand dafür, dass alle Mitarbeiter weltweit die Telefonnummern und E-Mail-Adressen kennen, wo sie sich anonym melden können. Das Whistleblower-Tool wird von unseren Mitarbeitern genutzt. Meldungen werden automatisch an das Audit-Komitee weitergeleitet. Und wir gehen jedem einzelnen Fall nach. Das wird sehr intensiv gelebt.

Lassen Sie uns noch über den Gegenvorschlag sprechen. Würde dieser für Dätwyler einen Mehraufwand bedeuten?

Unsere Berichterstattung müsste leicht modifiziert werden. Dies wäre aber in einem vertretbaren Umfang. Wir leben die gesellschaftliche und ökologische Verantwortung, dafür ist Dätwyler gerade auch im Kanton Uri bekannt. Wir haben kein Problem mit den ethischen Zielen dieser Vorlage. Diese nimmt der Gegenvorschlag auf, ohne dass die Beweislast umgekehrt wird und man für die Geschäftspartner haftet. Das ist ein sauberer und vernünftiger Kompromiss, der international vernünftig abgestimmt ist. Uns geht es vor allem darum, dass wir mit gleicher Elle gemessen werden mit unseren ausländischen Wettbewerbern und dass wir nicht irgendwelche Wettbewerbsnachteile erleiden. Gerade in den unsicheren Coronazeiten sollten wir keine Experimente mit höchst ungewissem Ausgang für Schweizer Unternehmen und Arbeitsplätze beginnen.