DAMPFSCHIFF: Jetzt lenkt ein Urner die «Uri»

Das Steuern ist nur eine von vielen Aufgaben, die ein Kapitän erledigen muss. Florian Arnold hat «Uri»-Chef Beat Kallenbach bei der Arbeit begleitet.

Text Florian Arnold
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Auf gerader Strecke übergibt Kapitän Beat Kallenbach dem redaktionellen Mitarbeiter unserer Zeitung, Florian Arnold, das Steuer des Dampfschiffs «Uri».

Auf gerader Strecke übergibt Kapitän Beat Kallenbach dem redaktionellen Mitarbeiter unserer Zeitung, Florian Arnold, das Steuer des Dampfschiffs «Uri».

Beat Kallenbach (links) und Florian Arnold, Redaktor der Neuen Urner Zeitung. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
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Maschinist Hans Tischhauser. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Die Bordküche des Dampfschiffs Uri. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Maschinist Sandro Cattaneo erklärt Florian Arnold den Maschinenraum. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Maschinist Kurt Küchler (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
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Maschinist Sandro Cattaneo erklärt Florian Arnold den Maschinenraum. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Beat Kallenbach (links) und Florian Arnold, Redaktor der Neuen Urner Zeitung. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Echt wahr! Ich stehe zuoberst auf dem Dampfschiff «Uri» in der Kabine des Chefs. Vor mir tut sich das Urner Reusstal auf, am Bristen hängen ein paar Wolken. Idylle pur. Und ich halte das Steuer in den Händen. Ich bin Kapitän: Mein Kinderwunsch geht in Erfüllung!

Doch wie nach Lehrbuch beginnt auch diese Tellerwäscherkarriere mit einem Putzlappen. «Kennst du Sigolin?», fragt Beat Kallenbach und drückt mir eine Flasche Politur in die Hand. Der Chef will, dass das Dampfschiff glänzt. Besonders die Messingkanten des Geländers sollen funkeln.

Es ist kurz nach 8 Uhr. Kapitän Kallenbach ist schon lange auf den Beinen. Um 6.15 Uhr hat er bereits den ersten Pendlerkurs mit einem Motorschiff nach Weggis und retour nach Luzern gesteuert. Jetzt geht es daran, das Dampfschiff «Uri» fit für den Tag zu machen. Kallenbach steigt die Treppe zur ersten Klasse hoch. Er rückt die Tische zurecht, schiebt die Stühle schön gerade. «Ich brauche nur einen Blick, um zu sehen, ob etwas nicht in Ordnung ist», sagt er und öffnet die Tür zu einem Abstellraum. Schwimmwesten? Check. Feuerlöscher? Check.

Der Zipfel geht baden

«Bist du Patriot?», fragt Kallenbach und gibt mir ein zusammengefaltetes rotes Tischtuch. Nein, kein Tischtuch. Es ist die Schweizer Fahne, die den 113-jährigen Raddampfer definitiv zum Würdenträger befördert. Hinten am Heck des Schiffs soll ich das Vier-auf-vier-Meter-Ding an eine Schnur festschnallen. Klick. Klack. «Und jetzt fest ziehen!» Doch ich bin zu langsam, ein Zipfel der Fahne geht baden. Dafür gebe ich mir umso mehr Mühe beim Festbinden. Unter Anleitung des Chefs gelingt der Knoten fast wie einem Profi.

Es wird Zeit für die Einsatzbesprechung und den ersten Kaffee. Kallenbach stellt mir seine fünf Crewmitglieder vor: Matrosin Eliane Bühler, Kassier Dimitri Streit, die beiden Maschinisten Hans Tischhauser und Sandro Cattaneo sowie Steuermann Stefan Neuhaus, der das Kommando übernimmt, wenn sich «Uri»-Kapitän Beat Kallenbach auf dem Deck befindet. Sechs Personen, die bei vollem Schiff 800 Personen sicher über den See bringen.

Zur Not gibt es einen Knopf

Der Uhrzeiger schreitet gegen neun. In der Kassenkabine bindet sich der Kapitän die gelbe Dampfschiff-Krawatte um. Wir können ablegen. Noch aber ist das Schiff in der Werft mit Stahlseilen festgebunden. Ich darf es losbinden und kriege dafür ein Paar Handschuhe. Stefan gibt den Maschinisten den Befehl «Zurück!», und die Dampfmaschine beginnt sich zu drehen. Wir halten Wache, denn der Steuermann kann hinten nicht alles sehen. Zur Not müssten wir einen Knopf drücken. Doch um diese Zeit ist es auf dem See ruhig.

Die Gäste strömen aufs Schiff. Doch es könnten noch mehr sein, sagt Kallenbach. Viel zu wenige haben sich in den Regentagen einen Ausflug auf dem Dampfer gegönnt. Doch die Mannschaft ist zuversichtlich, dass nun die ertragreichen Zeiten angebrochen sind. Die letzten Gäste, die mit dem Zug angereist sind, hetzen an Bord. Schon erklingt das Horn. Schiff ahoi!

52 Grad zum 1. August

Während Kallenbach auf Deck zum Rechten schaut, steige ich eine Etage tiefer in den Maschinenraum. Es riecht nach Öl. Die Hitze treibt mir Schweissperlen auf die Stirn. «Das ist noch gar nichts», sagt Maschinist Sandro. «Am 1. August hatten wir hier schon mal 52 Grad. Heute ist es richtig angenehm.»

Es rumpelt und rumort. 180 Liter Öl werden im grossen Brenner pro Stunde verheizt; 1200 Liter braucht es für eine Fahrt von Luzern nach Flüelen und zurück. Das Öl erhitzt das Wasser zu 9 Bar Dampf, der die Maschine antreibt. Die Sulzer-Maschine leistet ihren Dienst seit über 110 Jahren. «Wir stellen hier alles von Hand ein», sagt der Maschinist. «Wenn wir etwas vergessen, leuchtet keine Lampe auf.» Da müsse er sich voll auf seine Erfahrung verlassen, sagt Cattaneo, der seit 23 Jahren auf diesem Beruf arbeitet.

Kallenbach ruft, nächste Aufgabe: Ich soll das blaue Schiffstau aufwickeln. Wenn auch nicht perfekt, schaffe ich die Bewährungsprüfung. Ich bin aber froh, dass ich das schwere Seil wieder aus der Hand geben kann, als es darum geht, in Beckenried anzulegen. Matrosin Eliane übernimmt, wirft und trifft.

Routine bei Wind und Wetter

Es wird Zeit, dass Kapitän Beat Kallenbach das Steuer übernimmt. Wir steigen in das Steuerhaus des Dampfschiffs «Uri». Der Telegraf steht auf «Vorwärts», und das Schiff fährt mit 21 km/h über den See. «Bei Wind und Wetter braucht man viel Routine», sagt Kallenbach. «Aber bei schönem Wetter kann man schon bald einmal ein Schiff steuern.» Im geraden Abschnitt, kurz vor der Station Treib, darf ich nun lenken. Meine Mundwinkel wandern nach oben, und ich denke mir: «Schön, dass es heute schön ist.»