DANIOTH: Müller-Drossaart: «Ohne Wurzeln geht es nicht»

Hanspeter Müller-Drossaart ist beeindruckt von Heinrich Danioths Werk. Der Schauspieler über Tagebücher, die Heimat und den Erfolg des Danioth-Films.

Drucken
Teilen
Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart liest im Haus für Kunst Uri aus den Tagebüchern von Heinrich Danioth. (Bild: PD)

Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart liest im Haus für Kunst Uri aus den Tagebüchern von Heinrich Danioth. (Bild: PD)

Hanspeter Müller-Drossaart hat im Film «Danioth der Teufelsmaler» dem Urner Künstler seine Stimme geliehen. Am 19. April liest der Schauspieler, der einen Teil seiner Kindheit in Erstfeld verbracht hat, im Haus für Kunst Uri aus den Tagebüchern von Danioth.

Hanspeter Müller-Drossaart, schreiben Sie Tagebücher?

Hanspeter Müller-Drossaart: Nein. Ich reflektiere aus Zeitgründen mein Wirken nicht in der ausführlichen Protokollform, aber ich mache mir zum Beispiel Kurznotizen über die Bücher, an denen ich als Vorleser arbeite.

Man wird einst Mühe haben, Rückschlüsse über Ihren Charakter ziehen zu können.

Müller-Drossaart: Bei mir wird man das aus Interviews wie diesem ziehen können und über das, was ich selber verfasst habe. Momentan schreibe ich an einem Gedichtband in Obwaldnerdialekt, der auf meinen 60. Geburtstag herauskommt. Aber ich veröffentliche keine privaten Bekenntnisse, wann ich etwa am Morgen das Fenster öffne.

Ein Tagebuch von Ihnen zu veröffentlichen, wäre Ihnen also zu intim?

Müller-Drossaart: Die Tagebücher der Schriftsteller wie Max Frisch sind keine intimen «Chuchichäschtli»-Notizzettel-Tagebücher. Die Künstler haben sich selber über ihre eigene Kunst befragt: eine Form der literarischen Produktion. Ich selber bin als darstellender und interpretierender Künstler mehr auf die Vermittlung von Inhalten konzentriert im Hier und Jetzt und weniger auf die Dokumentation derselben. Die Trennung von privatem und öffentlichem Raum und die daraus erwachsenden Wechselwirkungen scheinen mir aber gerade in der Kunst wichtig zu sein.

Dann waren Heinrich Danioths Tagebücher eine zusätzliche Ausdrucksweise für den Künstler?

Müller-Drossaart: Sie waren genauso ein Arbeitsinstrument wie Pinsel und Farbe. Danioth hat versucht, die Welt zu fassen, in der er lebte. Er hat immer wieder über Themen sinniert und diese auch mit Texten festgehalten. In dem Moment, als er etwas in sein Tagebuch schrieb, konnte er die Themen wieder etwas loslassen.

Sie kennen seine Tagebücher gut. Was hat Sie beeindruckt?

Müller-Drossaart: Das immer wiederkehrende Befragen. Danioth hat vom Kanton Uri aus, mit dem er so stark verbunden war, ins Weite, Universelle gedacht. Er wollte wissen, wo seine Verbundenheit hinführt.

Wann kamen Sie mit Danioth das erste Mal in Kontakt?

Müller-Drossaart: Als ich als erstes Mal als Bub in der zweiten oder dritten Klasse nach Andermatt gefahren bin und das Bild des Teufels an der Wand gesehen habe, hat mich das wahnsinnig beeindruckt. Es war kein Teufel, wie man ihn gekannt hat. Es war ein Teufeltänzer. Es ist Danioth gelungen, eine Bewegung zu erzählen.

Würden Sie sich heute wünschen, dass Danioth neben den Gemälden noch mehr Geschriebenes hinterlassen hätte?

Müller-Drossaart: Danioth war ein grosser Verdichter und Dichter. Er hatte eine grosse Begabung, sich in eine Sache hineinzuversenken. Er tat das aber nicht verbiestert, sondern mit Ironie. Für die Fasnachtsgesellschaft hat er wunderbare Texte geschrieben und seine eigenen Zeichnungen für den «Nebelspalter» kommentiert. Wenn es jemand geschafft hätte, ihn aus Uri herauszuholen und er mehr Zeit gehabt hätte, wäre er wohl noch mehr ins Schreiben geraten. Das merkt man an seinen Tagebuchtexten. Je älter er wird, umso feinfühliger und klarer wird er im gedanklichen Ausdruck. Für mich ist Danioth einer der wenigen Universalkünstler der damaligen Zeit. Einer, der sich vielschichtig in diversen Bereichen der ästhetischen Reflexion mit der Welt auseinandersetzte und erfolgreich nachhaltige Werke geschaffen hat.

Im Gegensatz zu Danioth haben Sie Ihre Heimat verlassen. Wäre es auch anders gegangen?

Müller-Drossaart: Es geht darum, wo man kreativ arbeiten kann. Und bei mir ist es so, dass ich in den Bergen nicht so viel Energie mobilisieren könnte, wie ich brauche. Das hat mit meinem Beruf zu tun, der viel Sprache, Beweglichkeit und Rollenwechsel beansprucht. Für mich ist Schauspieler ein urbaner Beruf, obwohl wir eine Art Sprachbauern sind. Wir legen Sprachmist an. Aber wir sind unterwegs von Stadt zu Stadt. Wir brauchen das Klima der Anonymität, um wieder konkret in eine Figur einzusteigen. Aber ohne Wurzeln geht es auch nicht. Ich könnte den Beruf nicht so lange ausüben, wenn ich nicht aus den Steinen herauskäme.

Hat Ihnen die Auseinandersetzung mit Danioth die Augen für die Heimat wieder etwas geöffnet?

Müller-Drossaart: Ich habe mich intensiver mit meiner Teilheimat Uri auseinandergesetzt. Man gewinnt mehr Leben. Jedes zweite, dritte und vierte Hinschauen ist eine Bereicherung. Man entdeckt frische Facetten.

«Danioth der Teufelsmaler» hatte für einen Dokumentarfilm überdurchschnittlich viel Erfolg. Wie erklären Sie sich das?

Müller-Drossaart: Hauptverantwortlich ist sicher Felice Zenoni als Filmemacher. Er ist ein sorgfältiger Sucher und ein feiner Befrager. Der erfahrene Bilderzähler hat seine eigenen Urner Wurzeln sehr überzeugend mit seinem filmischen Ausdruckswillen verbunden. Das Resultat ist differenziert, umfangreich und spannend in eine heutige Filmsprache übertragen. Man erfährt viel über eine Zeitepoche und einen Künstler, dessen Werke uns heute noch ansprechen und bewegen.

Sie leihen Danioth Ihre Stimme, sind aber nie vor der Kamera zu sehen. Hätten Sie gerne in einer nachgestellten Szene mitgespielt?

Müller-Drossaart: Ursprünglich war das so geplant. Ich war dem gegenüber aber immer skeptisch. Die nun realisierte Form der rein gedanklichen Stimme ermöglicht meiner Ansicht nach viel ausgeprägter den Zugang zu Danioths inneren Motiven und existenziellen Grundlagen, als es eine darstellerische Verkörperung erlaubt hätte. Es war für mich die spannendere Form der Annäherung, nur mit meiner Stimme in den Kopf des Künstlers zu steigen.

Felice Zenoni sagte in einem Interview, ein bisschen Danioth stecke in jedem drin. Trifft das auf Sie zu?

Müller-Drossaart: Ich glaube, in mir steckt auch die unbändige Lust, sich in allen möglichen Formen auszubreiten. Hier noch eine Zeichnung, hier noch ein Gedicht, noch etwas lesen, noch etwas spielen. Wenn einer am Bundesbriefarchiv ein riesiges Gemälde macht und die ganze Schweiz in 40 Quadratmeter packt, ist das grösser als er selber. Über sich hinaussteigen ist etwas Zentrales von Danioth. Und das steckt auch in mir.

Interview Florian Arnold

Hinweis

Die Lesung «Blick auf Berg und Welt» mit Hanspeter Müller-Drossaart findet am Sonntag, 19. April, im Haus für Kunst Uri statt.