Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Das Aus kam knapp zwei Jahre zu früh

Fast 40 Jahre lang hat Rosa Ziegler für Charles Vögele und OVS Kleider verkauft, unter anderem in der seit kurzem geschlossenen Filiale im «Urnertor» in Bürglen. Nun muss sie auf Stellensuche – mit 62 Jahren.
Bruno Arnold
Räumen statt Kleider verkaufen: Rosa Ziegler an einem ihrer letzten Arbeitstage in der OVS-Filiale in Emmen. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 24. Juli 2018)

Räumen statt Kleider verkaufen: Rosa Ziegler an einem ihrer letzten Arbeitstage in der OVS-Filiale in Emmen. (Bild: Philipp Schmidli, Emmen, 24. Juli 2018)

Charles Vögele (CV) hat das Leben von Rosa Ziegler («Didi») geprägt – beruflich und privat. Ab 1976 war die gebürtige Flüelerin – mit einem kurzen Unterbruch – für das traditionsreiche Modehaus mit Sitz in Pfäffikon SZ tätig. Fast 40 Jahre lang. Sie hat in Ibach und Pfäffikon für den Kleiderdetailhändler gearbeitet, als Verkäuferin, im Kundendienst, in der Administration, im Kassawesen, in der Personaleinsatzplanung. Bei CV hat Rosa Ziegler auch ihren Lebenspartner kennen gelernt, mit dem sie heute in Bürglen lebt. 1992 wurde ihr die Leitung der Charles-Vögele-Filiale im «Urnertor» in Bürglen anvertraut. Die «Urnerin durch und durch», wie sie sich selber bezeichnet, hatte ihren Traumjob gefunden – als Chefin eines Teams von drei bis fünf Mitarbeiterinnen. «Nach dem Lebenspartner auch noch die Lebensstelle, habe ich damals gedacht.»

«Die Arbeit hat mir immer Spass gemacht»

Lange Zeit sah es für die heute 62-jährige Rosa Ziegler im «Urnertor» tatsächlich nach «Traumjob und Lebensstelle» aus. «Ich war mit Leib und Seele Kleiderverkäuferin», sagt sie. «Die Arbeit hat mir immer Spass gemacht.» Der Beweis für diese Aussage: Während ihrer ganzen Vögele-Zeit hat sie krankheitshalber insgesamt weniger als eine Woche gefehlt. Das war 1977 – wegen einer schweren Grippe. «Ich habe die Leute gerne beraten, wusste mit der Zeit genau, wer was wollte. Oder eben nicht.» Zu vielen Kundinnen und Kunden habe sich sogar ein familiäres Verhältnis entwickelt. «Ich wurde zur Vertrauensperson und sogar zur Beichtmutter», meint sie lachend. «Sie sind immer so gut zu mir», habe ihr eine ältere Frau einmal gesagt und ihr nach einer Lourdes-Reise aus Dank einen gesegneten Muttergottes-Anhänger in die Hand gedrückt. «Mein Glücksbringer», sagt die gelernte Coiffeuse. Und wird nachdenklich. «Zumindest bis vor kurzem.»

Übernahme brachte nur kurzzeitige Zuversicht

Aus der Lebensstelle ist definitiv nichts geworden. Spätestens ab 2010 begann für Charles Vögele die Talfahrt. Die Konkurrenz durch Billigläden und der wachsende Onlinehandel machten dem Schwyzer Modehaus immer mehr zu schaffen. Die Zuversicht der Mitarbeiter nach der Übernahme der CV-Filialen durch die italienische Modekette OVS vor rund eineinhalb Jahren war nur von kurzer Dauer, das Resultat umso ernüchternder: Sempione Fashion, der Betreiber der Schweizer OVS-Filialen, befindet sich seit Ende Mai in Nachlassstundung. Alle über 1000 Mitarbeiter haben die Kündigung erhalten. Rosa Ziegler trifft es per Ende September. «Irgendwie haben wir das kommen sehen», erklärt sie. OVS habe auf die Jugend gesetzt. Will heissen: Cordhosen wurden durch Chinos ersetzt, Jupes durch Hot-Pants, elegante Blusen durch lockeres Shirting. Das typische Vögele-Sortiment, mit dem die letzten Jahrgänge der Schweizer Babyboomer-Generation gross geworden sind, verschwand aus den umgestalteten Filialen.

«Nach und nach haben sich auch unsere langjährigen Stammkunden verabschiedet. Die Jungen sind nicht im erhofften Mass gekommen», bedauert Rosa Ziegler. «Das konnte auf die Dauer nicht gut gehen.»

Räumen und putzen statt Kleider verkaufen

Rosa Ziegler hätte OVS einen längeren Atem gewünscht. «Mindestens bis zu meiner offiziellen Pension im April 2020.» Doch diese Hoffnung wurde innert weniger Monate zerstört. Das OVS-Aus kam für die ehemalige Filialleiterin knapp zwei Jahre zu früh. Am 26. Juni war die Filiale im «Urnertor» letztmals geöffnet. Statt Kunden beraten und Kleider verkaufen hiess es für die 62-Jährige: Ablagen räumen, übrig gebliebene Kleider in Kisten und Schachteln verpacken, Verkaufsregale auseinanderschrauben, Mobiliar sortieren, Kleiderständer oder auch Unmengen von Papier, Plastik und Karton entsorgen, wischen, staubsaugen und vieles mehr. Zuerst zwei Tage im «Urnertor», danach in Ibach, in Stans und zuletzt in Emmen. Bis am 25. Juli. «Das war mein letzter Tag bei OVS», erklärt Rosa Ziegler. «Das Positive: Jetzt habe ich Zeit und im 2018 nur noch einen einzigen Termin, irgendwann im Oktober beim Zahnarzt.» Man spürt Fatalismus, wenn sie dies sagt.

Stempeln? «Nur wenn es sein muss?»

«Mir wird erst jetzt so richtig bewusst, dass ich eigentlich auf der Strasse stehe», erklärt Rosa Ziegler. «Irgendwie wird mir nach fast 40 Jahren ein Zuhause weggenommen.» Sie wischt ein paar Tränen weg, die über ihre Wangen kullern. Stempeln? «Nur wenn es sein muss», gibt sie sich kämpferisch. «Viel lieber würde ich morgen schon wieder arbeiten, möglichst 100 Prozent. Denn ich kann es mir nicht leisten, zwei Jahre früher als geplant in Pension zu gehen.»

«Ich schäme mich nicht für meine Situation, denn ich kann ja nichts dafür, dass mein Arbeitgeber vor dem Konkurs steht», betont Rosa Ziegler. «Viel schlimmer sind die Unsicherheit und die Ungewissheit, die einem auf den Magen schlagen.» Wenn sie an die Zukunft denke, spüre sie schon gewisse Existenzängste. Wie geht es weiter? Wie sieht es mit Pensionskasse, AHV, Unfallversicherung et cetera aus? Was darf ich mir noch leisten? Die 62-Jährige spricht von einem mulmigen Gefühl beim Gedanken an den Gang auf das Arbeitsamt oder zum RAV. «Ich habe noch nie in meinem Leben eine Bewerbung schreiben müssen», erklärt sie. Davon verspreche sie sich als 62-Jährige übrigens nicht mehr sehr viel. «Ich muss realistisch sein, auch wenn ich zuverlässig, ehrlich und loyal bin, Führungserfahrung besitze und auf fast 40 Jahre Verkaufserfahrung im Detailhandel zurückblicken kann.»

Der Vergleich mit den Gnadenhöfen

Aufgeben will Rosa Ziegler aber nicht. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt sie. Um mit einem zynisch anmutenden Unterton anzufügen: «Wer weiss: Vielleicht gibt mir ja jemand, der mich kennt, ein Gnadenbrot?» Für Hunde, Katzen, Esel und andere Tiere gebe es schliesslich auch schon lange Gnadenhöfe.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.